Mittwoch, 30. Januar 2008
sparkassen-paranoia
"wollen sie mit karte bezahlen?" fragt die dicke kassiererin im supermarkt die kundin, die mir schon vorher aufgefallen war, wie sie - als dame fortgeschrittenen alters - ihren wasserstoffblonden dauerwellenkopf mit dem pink und blau bemalten gesicht vor sich hinbrabbelnd durch die gänge schob.
"nein, nein", krächzt die kundin mit ihrer rothändle-gorbatschow-stimme, "ich zahle immer bar, das würde ja sonst soviel extra kosten."
ein unausgesprochenes 'hä?' legt sich auf die lippen aller umstehenden kunden und angestellten. die kassiererin verdreht die augen.
"wieso? sie zahlen doch nicht mehr, wenn sie mit karte zahlen. IHNEN kostet das ÜBERHAUPT nichts. WIR zahlen da drauf, wenn wir diesen service zur verfügung stellen."
"jaja, das sagen SIE jetzt", meckert die kundin und schüttelt den weißblonden pudelkopf, "und nachher buchen mir die von der sparkasse wieder einfach was ab!"
die ersten anwesenden können sich ein grinsen nicht verkneifen. die alte ereifert sich jetzt erst richtig:
"das machen die einfach, das haben sie wohl noch gar nicht gemerkt. wenn ich jetzt mit karte zahle, wie soll ich das denn kontrollieren?!"
"mit ihrem kontoauszug?" wagt die kassiererin freundlich einzuwerfen.
"ja haben SIE eine ahnung!" die alte wird schrill, "da schreiben die doch nicht alles drauf, was die mir abbuchen! das machen die alles HEIMLICH!"
die kundin schmeißt ihre sachen hektisch in die mitgebrachte keine-extrakosten-tasche, blickt sich noch zweimal misstrauisch um und stapft hinaus.

ich glaube, wenn ich das nächste mal mit meinem sparkassenberater zu tun habe, muss ich ihm diese kleine anektdote erzählen. unbedingt.

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Dienstag, 29. Januar 2008
kindheit reloaded
seitdem meine mutter arbeitslos ist, klingelt das telefon häufiger bei mir. sie beginnt das zu tun, was alte leute machen, die zuviel zeit haben: sich einmischen.
nach den vorwurfsvollen feststellungen über mein examen, ich sei einfach nur schlecht, kommen neuerdings ganz tolle ratschläge für mein weiteres leben aus ihrem mund. manchmal, wenn ich von der arbeit komme, blinken mehrere nachrichten auf meinem anrufbeantworter, die mir erzählen, was ich alles besser machen kann. dazu, wie das alles besser gehen soll, gibt es die kuriosesten lösungsvorschläge, weil sie keine ahnung von meinem leben hat. sie sieht dort probleme, wo keine sind, schafft es aber, mich eine halbe am telefon darüber rechtfertigen zu lassen.
mir fehlt im augenblick der humor, um es nur komisch zu finden. 'sie meint es nur gut', suggeriere ich mir, kann aber nicht aufhören, mich verzweifelt verärgert zu fühlen. ich erinnere mich an mein diktat, damals in der dritten klasse, ich hatte als einzige eine eins minus, ein halber fehler wegen eines fehlenden kommas, und zeigte stolz wie bolle mein heft. meine mutter schlug die hand vor den mund, "warum in aller welt hast du denn da kein komma gesetzt?" später saß ich in meinem zimmer und schrieb den satz zehnmal in mein privates übungsheft, mit komma. 'hoffentlich weint sie nicht wieder in der küche', dachte ich damals, und: 'ich bin ein schlechtes kind.'

mein vater zählt nur mit, wieviele tassen kaffee ich trinke, um mich darauf hinzuweisen, dass das ungesund sei, oder er erklärt mir, ich würde nur kommen, um den kühlschrank zu plünden, wenn ich eine scheibe käse zu mir nehme. er verdächtigt mich, seine socken zu klauen und beim duschen zuviel wasser zu verbrauchen. er hält mich für eine schmarotzerin, der man nicht immer trauen darf, aber nicht für eine versagerin. er verzeiht mir sowas wie vergessene kommas in diktaten, "naja, nicht so schlimm", sogar meine erste mathe-vier war kein grund für ihn, an meinem verstand zu zweifeln. nachhilfe sollte ich nehmen, aber gleich auf die realschule zu wechseln wie meine mutter es für mich vorsah, das war in seinen augen noch nicht notwendig.

wie damals als achtjährige fühle ich wieder, wie ich mich anwidere, wie ich beginne mir einzureden, ich sei nichts wert, sei egoistisch und könne niemanden glücklich machen. nachts träume ich, wie ich meine mutter brutal erwürge, zerstückle, von hochhäusern stoße, sie zu brei schlage. alles sträubt sich beim aufwachen.
krieg ist in mir, während ich meinen körper unbeteiligt durch die wirklichkeit schiebe.
aber ich will leben. und ich will endlich jemand sein.

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Montag, 28. Januar 2008
it´s magic.
ich lege spannung an die endstufenröhre, als plötzlich lila blitze aus dem messgerät zucken und es ein lautes geräusch gibt, das wie eine explodierende christbaumkugel klingt (wer das als kind noch nie gemacht hat: ein feuerzeug oder eine brennende kerze an eine christbaumkugel halten und gespannt warten, aber nicht so nah mit dem gesicht rangehen), dann rasen mehrere ichweißnichtwieviele volts durch meinen körper.
alle zeiger des geräts klappen mit einem ruck auf null, und während meine kollegin mit offenem mund zu mir herüberschaut, klebe ich mit dem rücken am nächsten regal und versuche, nach dem stromschlag mein herz wieder in den richtigen takt zu meditieren.
der chef stürmt herein: "was ist los? jemand verletzt? ist was kaputt gegangen?"
und als er sich über das gerät beugt, um eventuelle schäden zu begutachten, ruft meine kollegin mir zu: "du sendet magische strahlungen aus! du bist uri geller! wir müssen dich gleich bei der next-uri-geller-show anmelden!"
jetzt sitze ich hier und übe, knoten in löffel zu kriegen. gar nicht so einfach. aber wenn es mit der show nicht klappt, kann ich mich wenigstens bei maggi mit bewerben.

edit: heute wollte ich am pc den artikelbestand abrufen, als plötzlich der bildschirm in wellen verschwamm.
die theorie meiner kollegin wurde daraufhin noch weiter ausgebaut: ich sei wohl einmal von außerirdischen entführt worden und trage seither einen chip im gehirn.
"das würde auch erklären, warum ich manchmal so ein problem mit dem speichern von informationen habe", sage ich, "der chip stört den irdischen datentransfer."

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Sonntag, 27. Januar 2008
forever young
neulich eine kurzgeschichte gelesen, den autornamen schon wieder vergessen, weil dröge geschrieben und voller rechtschreibfehler, außerdem war´s ein no-name-produkt für eine renommierte hotelkette, das neben jedem derer betten als einschlafhilfe liegt, goldrichtig würde ich sagen, wirksamkeit bei hundert prozent. der hintergrund der abgedroschenen lovestory jedoch blieb mir noch eine weile im kopf: die handlung spielte in die zukunft, in der alle menschen ihre organe und auch sowas wie haut und haare durch austausch erneuern lassen können, sogar das gehirn inklusive der erinnerungen.
wenn man die sache mit dem gehirn mal vorsichtig weglässt, beschreibt die geschichte damit den zustand unserer gesellschaft, wie wir ihn sicherlich in ein paar jahren oder jahrzehnten erreicht haben werden. kürzlich wurde in den usa ein mensch geklont - mit hilfe von genen aus hautzellen, die in eine eizelle geschleust wurden. das kann man nun gruselig finden oder nicht, sobald die menschlichen produkte auf dem schwarzmarkt zu kriegen sind, wird niemand mehr sterben wollen, der es sich leisten kann. moralist ist man bekanntlich nur solange, bis man sich der eigenen sterblichkeit bewusst wird.
darum geht´s jetzt eigentlich gar nicht, aber ihr dürft mich trotzdem gerne wieder "nazi" nennen.

forever young ist das konzept hinter dem wohlbekannten gesundheits- und fitnesswahn, vielleicht auch hinter religionen, in denen es wiedergeburt gibt. unbedeutend, faltig und inkontinent abnibbeln und dann finis, das ist ja keine nette vorstellung, deshalb bemüht man sich um ein stück unsterblichkeit. aber bis zum tod warten heute die wenigsten damit.
die gängiste methode ist das versetzen von lebenszeit. man ist vielleicht 42, lebt aber noch wie 21. dabei macht es nichts, wenn man auch schon alt aussieht. man kann sich immer noch in jugendliche klamotten zwängen, in der disco peinlich auf der tanzfläche herumhopsen und die kommunikation mit 18jährigen suchen. der trend geht wieder richtung "junge mädchen - ältere herren", weil jungs sofort nach einsetzen des bartwuchses mit dem alterversetzen beginnen, so erstmal eine weile beim lifestyle von 13jährigen stehenbleiben und deshalb für gleichaltrige mädchen oft uninteressant wirken. frauen drehen erst ab etwa 25 jahren die zeit zurück, weil sie in der "brigitte" gelesen haben, dass frauen mitte zwanzig im besten paarungsalter sind.
krankheit dieses zeitalters ist: das zögern. mit 35 fühlt man sich noch nicht reif für eine ernsthafte beziehung, vor 45 denkt man auch lieber nicht an familienplanung. riesterrente steht ebenfalls auf der outliste, die tendenz geht dahin, für das alter lieber gar nicht mehr vorzusorgen, denn: man wird schließlich jung bleiben!
nägeln mit köpfen machen? langweilig. probleme, ja, davon haben wir sowieso genug, denn die sozialen problemlösungsmechanismen sind irgendwo in der pubertät steckengeblieben. so bleibt zum beispiel das aussprechen von emotionen bis zur lebensmitte ein ernsthaftes dilemma. trotzdem will man niemals alleine sein, also lügt man sich selber auch schon einmal emotionen vor, um sich jemanden in der hinterhand warmzuhalten. jaja, ich will dich doch, hauptsache, du willst mich. möchte man umgekehrt einen geliebten lebensabschnittspartner bei sich halten, greift man zum klassiker eifersucht, weil abgeschmackt und durchschaubar geht immer.
die illusion ist dein freund, und ist der mal klamm, helfen wir mit alkohol nach.
der erhoffte babyboom bleibt so natürlich aus, auch wenn eva herman oder ursula von der leyen sich alle mühe geben und wir inzwischen sogar per fernsehwerbung mit glücklich grinsenden du-bist-deutschland-babys zur fruchtbarkeit hinmanipuliert werden. was niemand mehr geben kann und was niemand mehr empfängt, weil alle sozialen bindungen sich bis zur bedeutungslosigkeit relativieren, ist das gefühl, jemand zu sein. von bedeutung, und zwar für den anderen, egal in welcher dimension. das kann nur der partner oder die eigene familie und in sehr seltenen fällen vielleicht der arbeitgeber.
also bleiben wir alle am leben, bleiben lieber für immer unbedeutend jung, als wär´s ein gut, ein gut, das niemandem wirklich gut tut.

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Donnerstag, 24. Januar 2008
karlsruhe
das klingt wie die urne von karl dem großen. die in karlruhe (karlsruhende?) lebenden haben keine u-bahn und eine uni, die hat so etwa puppenküchengröße, wie es auf der homepage scheint.
in karlsruhe waren wir noch nie, aber vielleicht sollten wir da hinziehen.

was meinen die geneigten leser dazu? kann man da wohnen? so als großstadtfetischisten?

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