Sonntag, 29. November 2015
sturm
nach längerer zeit gehe ich mal wieder tanzen. es ist relativ leer, die musik ist gut, und wie es der teufel so will, ist das objekt auch mal wieder da. alleine, denn, wie ich erfahre, ist seine alte auf fortbildung. anlässlich dieser gelegenheit hat sich das objekt gleich eine woche urlaub genommen, um einen gebührenden abstieg in die finsterwelt zu machen, sich vollaufen zu lassen und weiber anzustarren. wir unterhalten uns relativ entspannt über dies und jenes, können sogar zusammen lachen, halten jedoch zugleich misstrauisch abstand. am ende des abends verschwindet das objekt, ohne sich zu verabschieden.

auf dem nachhauseweg merke ich, wie mich der wortlose abgang fuchst. ich lasse mich zu einer ein-wort-nachricht hinreißen. "arschloch", schreibe ich, und könnte mir gleich darauf auf die virtuelle zunge beißen. es ist vorbei, sage ich mir, es ist so lange vorbei, jetzt komm ihm nicht auf die emotionale. das objekt schreibt zum glück nichts zurück, auch keine beleidigung, dann fällt mir ein, dass es ja angeblich handylos ist und meine nachricht ergo gar nicht angekommen sein dürfte. also gehe ich beruhigt schlafen.

am nächsten nachmittag klingt mein telefon. das objekt. mir rutscht das herz in die hose. jetzt kommt der anschiss für das arschloch, denke ich, das ja auch nicht sehr diplomatisch von mir war.
"morphine", sagt die objektstimme am anderen ende der leitung, als ich rangehe. "ich.... ich wollte noch mal bezug nehmen.... so auf gestern. und auf deine nachricht."
aha, es hat also doch ein handy. aber das objekt klingt angefressen, also sage ich schnell:
"vergiss es einfach. ich hatte zu viel getrunken und das ist mir so rausgerutscht. du schuldest mir nichts, es ist alles aus und vorbei, und es tut mir leid, dass ich das in manchen momenten noch nicht verinnerlicht habe."
das objekt atmet tief ein und sagt dann ganz ohne groll:
"morphine, es tut mir leid, dass ich so schroff zu dir war. auch letztens, als wir uns begegnet sind und die gespielin dabei war."
"ach komm. das hab ich dir nicht übel genommen. die blöde kuh hätte sonst bloß wieder theater gemacht."
das objekt schluckt die blöde kuh ohne widerworte:
"das... das ist es gar nicht. ich bin gestern so gegangen, weil ich.... ich hab dich den ganzen abend beobachtet und ich... hatte so ein großes verlangen, dich in die arme zu nehmen, dass ich angst bekommen habe, wenn wir uns verabschieden und du mich berührst... dass es dann kein halten mehr gibt."

mir klappt die kinnlade runter.
"ich hätte nicht gedacht, dass du noch so an mich denkst", sage ich verblüfft.
"doch", sagt das objekt sehr kleinlaut. "und gestern, als ich da so da saß und du ein paar mal vorbeigehuscht bist, zur bar und um irgendwelchen leuten hallo zu sagen... ich hatte dich so im profil und bin total geil geworden, als ich dran gedacht habe, dass man bei dir beim ficken den schwanz unter der bauchdecke sehen kann."
"ich dachte, du stehst jetzt eher auf... voluminös", versuche ich mich in einer nicht allzu bösartigen anspielung auf die gespielin. "du hast mir auch mal gesagt, dass dich dünn nicht anmacht."
"ich bin noch keiner frau mit so viel.... inbrunst begegnet wir dir", lässt das objekt die hosen runter. "bei dir ist das das gesamtbild... deine erscheinung und deine seelische zerbrechlichkeit, das passt so gut zusammen und triggert mich einfach unheimlich."

ich schweige ein weilchen, um die informationen zu verdauen. dann sage ich:
"bist du besoffen oder hast du was geschmissen?"
"ich trinke gerade einen schönen single malt", antwortet das objekt, "aber das ist erst der zweite."
"so offenherzig bist du ja sonst nüchtern eher selten", sage ich.
"ja."
wieder stille am telefon.
"ich tu mir schwer mit deinem schweigen", beginnt das objekt dann wieder. "bitte sag mir was. du überlegst doch gerade, oder?"
"ich denke darüber nach, was ich damit anfangen soll. wir hatten im sommer kontaktsperre vereinbart. und ich stehe auch immer noch dort, wo ich damals stand: ich kann dir nicht mehr vertrauen. ich könnte mich jetzt entscheiden und sagen, scheiß drauf, lass uns einfach ficken, dabei die klappe halten und alles emotionale außen vorlassen. aber das, was uns ausgemacht hat, das war neben dem sex die zwischenmenschliche qualität. auf die würde ich nicht mehr verzichten können. aber die kann ohne vertrauen nicht mehr wiederkommen."
"manchmal wär ich gern einer von deinen anderen männern. die dir nichts bedeuten. aber ich weiß auch, ich würde nicht tauschen wollen", meint das objekt zögerlich. "und verdammt, wenn ich an deine anderen typen denke, werde ich schon wieder eifersüchtig. auch wenn ich weiß, es steht mir nicht zu."

ich hole tief luft und sage dann:
"sehe ich das nun richtig, du rufst mich an, um mir mitzuteilen, dass du gerne wieder ficken würdest?"
"ja... und nein. mir gehts ähnlich wie dir. dadurch dass das alles rauskam... fehlt mir auch vertrauen. nicht unbedingt in dich, weil du warst ja nicht die treibende kraft. aber so in die konstellation. du, die gespielin, ich. und der kreis drumherum. wenn ich an dich denke, kriege ich einen steifen. aber gleichzeitig kriege ich herzrasen, weil ich panik habe. ich habe so viel zerstört, ich habe die gespielin verletzt und dich auch. und ich habe auch gelitten unter der situation, das darfst du mir glauben."
"wir sind alle täter und opfer."
"außer der gespielin", findet das objekt.
"die hätte ja auch mal das maul aufmachen können. ich hatte ihr das gespräch angeboten, was sie nicht genutzt hat, und dich hat sich auch nie zur rede gestellt. sie war opfer, aber sie war zu keinen zeitpunkt handlungsunfähig."
"so hab ich das noch gar nicht gesehen."
"auch unterlassen ist handeln. das ist ja das, was ich dir oft vorgeworfen habe."
"es tut mir so leid."
"hör auf zu singen. achte auf dein verhalten. entschuldigungen bringen nichts auf dauer."

schweigen. das objekt kruschelt, dreht sich offenbar eine zigarette oder einen joint.
"du raschelst."
"ja, ich drehe."
"hoffentlich nicht durch."
"fällt mir schwer."
"dir ist bloß langweilig, weil deine alte nicht zuhause ist", sage ich böser als ich wollte.
das objekt fährt hoch:
"morphine, das ist verletzend, was du da sagst. so als wäre ich nur ein sexbessenener geiler bock, der alle ausnutzt."
"bisweilen beschleicht mich der eindruck. aber du hast recht, ich tue dir unrecht. wir hatten mehr als sex."
"manchmal bereue ich das. vielleicht hätten wir niemals ficken dürfen. dann wären wir beste freunde geworden. ich hätte dich auch gern so gehabt."
"das ist doch blödsinn. auch sex ist.... eine form von kommunikation. und ich habe es immer genossen, dass du so... einer körperlicher mensch bist. weißte? mit dir habe ich mich so viel getraut.... dinge, nach denen ich mich immer gesehnt hatte."
das objekt lauscht andächtig und sagt dann sanft:
"das hast du schön gesagt. ich hoffe, du hast dich immer wohl bei mir gefühlt."
"ja. mehr als in jeder beziehung. sonst wäre ich nicht so oft wieder zurückgekommen."

wir qualmen still, dann setze ich noch einmal an:
"weißt du, vielleicht hab ich es dir deshalb so übel genommen, dass du dich nicht verabschiedet hattest. eine umarmung hätte drin sein müssen, fand ich."
"dann wäre ich aber vermutlich über dich hergefallen", sagt das objekt ernst.
"mir fehlen deine umarmungen, immer noch", sage ich weich. "ich würde dich gern umarmen."
"das tust du doch schon gerade", sagt das objekt und kriegt eine raue stimme. "mit deinen worten."
"ja, wahrscheinlich", sage ich leise.
"ich bin... bezaubert", flüstert das objekt. "und beeindruckt."

schweigen.
"wie gehts dir jetzt?" fragt das objekt.
"ich bin glücklich. und sehr traurig. und du?"
"ich würde das gespräch jetzt gerne beenden. ich kann nicht mehr. ich kann dir auch nichts mehr sagen. in meinem kopf ist.... ein sturm. ich fange gleich an zu stottern."
"okay", sage ich beruhigend. "es ändert ja auch nichts. wir können uns nicht sehen."
nach diesem satz knackt es und ist die leitung tot.

draußen geht ein wolkenbruch nieder. kein szenario wäre passender.

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Samstag, 28. November 2015
harm and boon
deine betont breitbeinige haltung, meine verschränkten arme. mein tasten und wägen, worte zu erhaschen. dein lächelndes eingeständnis, keine zu finden. es sprechen allein die blicke. eine uneindeutige sprache.

das wissen, dass uns keine zauberformel mehr zusammenschweißt. die gewissheit, dass uns dennoch nichts wirklich trennen kann. in einem unvergessenen paralleluniversum trifft deine liebe die meine. doch in dieser welt gibt es keinen platz für uns.

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Donnerstag, 26. November 2015
willkommen im krieg
juhu. auch deutschland hat sich jetzt in den dritten weltkrieg hineinziehen lassen. ich bin gespannt, wann sich hier die ersten terroristen in die luft sprengen. auf weihnachtsmärkten oder konzerten oder auch einfach so, in u-bahnen und fußgängerzonen. ich fände es allerdings fair, wenn sie dann auch ein paar in den bundestag schicken. da sitzen nämlich diejenigen, die nun abertausende in den tod reißen.

ich kann mich vor verachtung gegen die dummheit unserer regierung kaum halten. wäre ich ein bisschen religiös-naiv, würde ich mir jetzt vielleicht eine burka und eine mp schnappen und losstürmen.

i´m not germany.
i´m not sorry for paris.
i´m not europe.
i´m only sorry because our government consists of stupid warmongers.
all we need is peace.

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Mittwoch, 25. November 2015
sich betten
hat irgendjemand zufällig schlichte weiße bettwäsche in standardgröße übrig, die er nicht mehr haben mag und die er gern für einen kleinen obolus loswerden möchte? gern antikes zeugs aus großmutters zeiten. muss auch nicht mehr top sein.

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Sonntag, 22. November 2015
dunkle tage
als ich die wohnung betrete und mich die lederjacke in die arme nimmt, bin ich ein bisschen erschrocken. abgekämpft und schmal sieht sie aus, die breiten schultern hängen.

"was ist los mit dir, bist du krank?" will ich wissen. "oder stressen dich die stiftungen wegen deiner diss?"
"komm erstmal rein", sagt die lederjacke und geht in die küche.
"magste nen tee oder lieber was hochprozentiges?" ruft sie in den flur, wo ich gerade jacke und schuhe ablege.
"gerne beides!"

dann sitzen wir am küchentisch, quarzen, vor uns die dampfenden becher tee und auf meiner seite ein glas whiskey-cola.
"trinkst du gar nicht?"
die lederjacke schüttelt den kopf:
"ich muss jetzt klar bleiben, ich muss so viel organisieren."
"was denn organisieren?"
die lederjacke schaut mich müde an und meint dann:
"mein bruder ist tot."
"hä?!" ich reiße die augen auf. "welcher denn?"
"der lütte."
"dein lieblingsbruder?"
"ja."

ich kenne den kleinen lederjackenbruder, der, anders als die vier anderen harten jungs, ein kleiner, runder, sehr lieber typ war. ich bin perplex und überlege.
"magst du drüber reden?" frage ich vorsichtig. "ich meine, natürlich bin ich neugierig, aber ich möchte nicht, dass du jetzt zum vermutlich wiederholten male denselben garn spinnst und dich quälst."
"ich erzähls dir, weil du eine gute freundin bist", meint die lederjacke erschöpft. "außerdem weiß ich, dass du keine blöden fragen stellst und nicht diese mitleidstour abziehst."
"dann schieß mal los. war er krank?"
"nee. der wurde... überfallen."
"what?!"
"ja, vor zwei wochen."
"vor zwei wochen?!"
"naja, gestorben ist er erst am freitag."

mir wird eiskalt und ich nehme den heißen tee in die hände. dann erzählt die lederjacke die schrecklichen details.
"die mordkommission ist da jetzt dran", schließt sie ihren traurigen bericht. "die haben auch schon einen verdächtigen geschnappt. mir ist das ja egal, das macht den kleinen auch nicht mehr lebendig. aber für meine eltern ist das superwichtig."
"ja, das glaube ich. wie verkraften die das so?"
"die sind unfassbar tapfer. vor allem meine mutter."
"deine eltern sind ja auch cool", sage ich.
"ja, mit denen konnte man schon immer gut reden und diskutieren, die sind nicht dumm. und das hilft jetzt natürlich, weil sie ja auch nicht hier wohnen. ich telefoniere ganz viel mit denen."
"haben die den kleinen noch mal sehen dürfen?"
"ja, die waren natürlich da, als er in der klinik war. die haben das auch echt gut gemacht, die ärzte und die pfleger. der sah eigentlich aus wie immer, nur halt im koma."
"mensch."
"du musst dazu nichts sagen", meint die lederjacke.
"ich sag auch nichts dazu", erwidere ich. "von blöden beleidsbekundungen haste ja nix."

dann schweigen wir eine weile.
"das sind die schwersten tage meines lebens", sagt die lederjacke und ihre stimme wird ganz rau. "damit... rechnet man ja irgendwie nicht. der kleine war ja jetzt auch nicht irgendwo im sozialen brennpunkt unterwegs. du kennst die gegend, das ist alles gutbürgerlich da."
"ja. da ist eigentlich alles etepetete."
die lederjacke schließt die augen und lehnt sich zurück.
"naja, und nächste woche ist dann die scheißbeerdigung. mir graut so davor. vor allem, weil dann da die ganzen dämlichen leute mit ihren betroffenheitsfressen rumstehen und zum x-ten male die blutigen details hören wollen."
"dann sag denen, dass du nicht darüber reden willst. dazu hast du jedes recht."
"und die verfickte presse wird wahrscheinlich auch wieder da sein. die waren ja auch schon hier. die sind ja wie die geier, die sensationsgeilen arschlöcher. wollten mich sogar erpressen, indem sie behauptet haben, sie wüssten schon das ein oder andere. zum glück waren gerade meine anderen brüder hier und, naja, du kennst die schränke ja... dann sind die idioten wieder abgehauen."
"scheiß leichenfledderer. pass bloß auf, dass die nicht an deine eltern rankommen."
"ich hab meine eltern schon vorgewarnt."
"gut so."

das handy der lederjacke klingelt.
"meine mutter", sagt sie zu mir und verschwindet kurz nach nebenan. ich höre sie reden, erst ruhig, dann immer genervter.

"alles gut", frage ich, als die lederjacke wieder in die küche kommt.
"die dreht total am rad wegen dem leichenschmaus."
"nimms ihr nicht übel. das ist eine bewältigungsstrategie."
"wie meinste?"
"naja, aktionismus. je mehr du dich in organisatorisches reinsteigerst, desto weniger musst du dich mit deinem schmerz konfrontieren."
"kannste recht haben. ich hab wahnsinnige angst, dass meine mutter auf der beerdigung zusammenklappt."
ich lege der lederjacke den arm um die schulter.
"dann lass sie. das muss dann auch mal raus."
"ich hoffe, ich halte das aus."
"auch du musst das nicht aushalten. wenn du heulen musst, dann heul. pack dir nicht so viel verantwortung auf die schultern. das seelenheil deiner mutter hängt nicht alleine an dir."
die lederjacke schmunzelt und eine strähne fällt in ihr hübsches gesicht.
"du weißt, ich bin da nicht so gut drin."

ich beschließe, dass die lederjacke nun ablenkung braucht und schmeiße einen film rein. der plan geht auf. die lederjacke lacht einige male und wirkt am ende um einiges entspannter.
"was für ein cooler streifen. der hätte meinem bruder auch gefallen."
"siehste mal. und solange man an jemanden denkt und sich an das schöne mit ihm erinnert, ist derjenige auch nicht wirklich tot."
die lederjacke schaut mich an:
"das hast du gut gesagt. so versuche ich das auch zu sehen. ich will dankbar sein für die wunderbaren momente, die wir hatten."
"das ist ein guter weg, denke ich. er wird nicht in jedem moment funktionieren, aber.... das ist vielleicht so eine gesunde haltung, zu der du immer wieder zurückkehren kannst."
"danke auf jeden fall, dass du da warst", sagt die lederjacke.
"ich hab zu danken. und wenn du mich brauchst, weißt du, wo du mich findest. jederzeit."
wir nehmen uns noch einmal in die arme, dann stapfe ich die treppen nach unten.

draußen riecht die kalte nachtluft nach kommendem schnee. noch ein monat, dann ist weihnachten. egal wie traurig man ist, die welt dreht sich weiter.

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