Sonntag, 2. August 2015
rock, paper, scissors
weil es diese woche offenbar noch nicht genug objekt gab, treffe ich es heute abend schon wieder. diesmal auf party im alten club. damit hatte ich nicht gerechnet, da das objekt seit dem großen crash kaum mehr ausgeht. allerdings ist es nicht allein, denn die gespielin und t. sind auch dabei.

während ich das objekt und die gespielin der einfachheit halber zu tode ignoriere, möchte ich t. gern begrüßen. das stellt sich als schwieriges unterfangen heraus, denn t. ist nie alleine. wie schon im letzten winter benutzt das objekt t. wie einen schutzschild und vermeidet es offenbar, alleine herumzustehen. erst nach einer stunde habe ich zwei sekunden, schnell zu t. hinüberzuhüpfen.
"lass dich drücken", sage ich.
t. nimmt mich herzlich und fest in die arme und streichelt meinen rücken. ich habe den eindruck, dass ich ihm leid tue. ist ja nicht so schön, den ex und dann auch noch seine alte vor der nase herumturnen zu sehen.
"alles gut", fragt t., und es klingt mehr wie ein trostversuch denn eine frage.
bevor ich auch nur nicken kann, walzt allerdings schon wieder die gespielin auf t. zu, damit ich mich nicht mehr mit ihm unterhalten kann.

mein lieber freund v. ist an diesem abend zum glück ebenfalls anwesend. er gibt mir einen drink aus, dann sondiert er meinen gemütszustand.
"machts dir wirklich so wenig aus, das objekt zu sehen, wie es den anschein hat?"
"mit dem objekt ist alles fein. wir werden demnächst reden. nur seine ekelhafte alte hätte heute gern zuhause bleiben dürfen."
"irgendwas wird sie wohl haben", sagt v. und meint damit positive eigenschaften.
"nen fetten arsch", spotte ich.
"ja, das stimmt, die ist ganz schön.... mächtig inzwischen. aber weißt du, es gibt auch männer, die sehen mehr als den dicken hintern", belehrt mich v.
"das objekt nicht", sage ich. "eigentlich kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass es die noch besteigen mag."
"ich bin sicher, da ist mehr", sagt v.
"klar ist da mehr. am aussehen kanns ja echt nicht liegen. wahrscheinlich eher an der komfortzone."
"du bist ganz schön böse", findet v. "so unattraktiv ist sie auch nicht."
"das kannst du wem anders erzählen! und jetzt sei mir bitte ein freund. lenk mich ab, alkoholisiere mich und steh mir bei, falls ich das bedürfnis bekomme, mich ans objekt heranzuschleichen", maule ich.

doch wider erwarten geht es mir richtig gut an diesem abend. ich bin entspannt, tanze viel, unterhalte mich mit meinen bekannten und habe nicht das leiseste bedürfnis, kontakt zum objekt aufzunehmen. stattdessen erwische ich es des öfteren, wie es mich anstarrt. nachdenklich und betroffen, aber durchaus nicht ohne lüsternheit.
"der guckt aber schon ganz schön oft zu dir", bemerkt irgendwann auch v.
"soll er doch, hat er nachher wenigstens eine schöne wichsfantasie", sage ich.
"willst du denn seine wichsfantasie sein?" fragt v.
"nö, aber ich kanns verstehen, wenn er eine braucht."
"morphine, du bist heute echt..."
"ein mieses schwein", lache ich.
"so ähnlich", schmunzelt v. "wie auch immer, ein bisschen bewundere ich dich. als ich meine ex damals wiedersah und sie ihren neuen stecher dabei hatte, bin ich sofort nach hause gegangen und hab erstmal geheult."
"niemals das revier räumen", sage ich, "ich habe noch nie in meinem leben nach der trennung einen ort gemieden, an dem ich gerne bin."
"das ist selbstbewusst", findet v.
"nee, das ist macht", erwidere ich. "macht und stolz. und in so einem fall auch ein bisschen rache, wenn ich sehe, wie mir jemand hinterherlechzt."

während das objekt weder tanzen noch sich unterhalten mag, sondern sich irgendwann in eine ecke verkrümelt und dort alleine oder von t. abgeschirmt herumlungert, nur um dann recht frühzeitig mit seiner alten nach hause aufzubrechen, habe ich einen durch und durch famosen abend und amüsiere mich mit v. bis die lichter angehen.

als wir draußen stehen und in die morgensonne blicken, sagt v.:
"du bist echt stark. ich hätte gewettet, du fängst eine unterhaltung mit dem objekt an und lässt dich wieder mit schönen worten einlullen."
"worüber hätten wir uns denn unterhalten sollen? über das wetter oder was?" frage ich. "die aktuelle problematik will ich auf einer party, auf der ich mich endlich mal wieder gut amüsiere, nicht aufrollen. und andere themen gibt es nicht. unser gemeinsamer kosmos ist tot."
"harte worte", findet v., der aber auch um meinen weichen kern weiß.

"wie willst du das eigentlich machen, wenn ihr eure unterredung habt?"
"ich schreibe mir einen gesprächsleitfaden", sage ich.
"morphine, du kannst doch keine herzensangelegenheit mit dem verstand lösen!"
"es ist meine einzige chance. ich brauche die ratio in diesem emotionalen kontext. das objekt ist leider clever, das steckt mich sonst in die tasche."
"nicht, wenn du dich nicht in die tasche stecken lässt."
"deshalb der gesprächsleitfaden. ich will unbedingt vollständig alle punkte klären, damit ich hinterher nicht wieder mit einer ungewissheit dastehe, und ich will mich auf seine antworten vorbereiten und mich erinnern, damit ich nicht wieder drauf reinfalle."
"ich würde mich an deiner stelle nicht darauf verlassen, dass du überhaupt antworten kriegst."
"damit muss ich rechnen. das objekt kommuniziert nicht - das objekt lässt raten. das ist seine strategie, damit macht es sich interessant und vermeidet zugleich, dass man es auf etwas festnageln kann."

"und wie willst du dem begegnen?"
"das ist wie mit rock, paper, scissors."
"hä?"
"gewinner wiederholen erfolgreiche taktiken, verlierer ändern ihre strategie. wenn du einmal verloren hast, weißt du schon mal, dass der gegner denselben zug noch mal versuchen wird. so wird das objekt bei mir erstmal alles versuchen, wovon es weiß, dass ich mal drauf angesprungen bin. meine einzige chance ist, mir das ins bewusstsein zu holen. wenn es dann merkt, dass es verliert, ich also nicht mehr auf ein bestimmtes verhalten anspringe, weiß ich schon mal, dass es die taktik dann ändern wird. indem ich bereits recht viele objektmanöver kenne, kann ich hoffentlich abschätzen, was als nächstes kommt. und je mehr taktiken dann nicht mehr funktionieren, desto größer wird seine verunsicherung werden. dann krieg ich ihn am arsch."

v. sieht mich nachdenklich an:
"gehts dir um das objekt oder ums gewinnen?"
ich lächle nur geheimnisvoll.
dann steige ich auf mein fahrrad und drücke v. zum abschied einen kuss auf die wange.
"komm gut nachhause."
"du auch. und lass uns mal wieder was zusammen machen!"
"gern. du weißt, für sushi bin ich immer zu haben."
"gute idee! ich ruf dich an, ja?"
ich nicke und winke.
dann fahre ich in der frischen, duftenden sommerbrise nach hause.

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Freitag, 31. Juli 2015
free to dance
ich hatte zweifel erwartet nach gestern. aber alles, was ich empfinde, ist freude und erleichterung.

heute eine königin, ready to dance!

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Freitag, 31. Juli 2015
traumwirklichkeit
schon als ich aufstehe, habe ich den eindruck, in einen besonderen tag zu starten. der traum mit mir als einbrecherin in die objektive wohnung hat etwas in mir verändert. ich denke an das, was mir kürzlich jemand sagte, nämlich dass meine ängste und einstellungen in manchen punkten resultate von vorurteilen und falschen überzeugungen seien.

auf arbeit starre ich tatenlos in den bildschirm. lieber gott, was soll ich tun? gib mir doch einen hinweis. gleichzeitig muss ich über mich schmunzeln: der traum war doch hinweis genug. in eine offen stehende wohnung einbrechen, das heißt doch, dass es keine verschlossenen türen gibt!

zweifle nicht.
verzweifle nicht.


zuhause stelle ich mich unter die dusche, lasse das heiße wasser über mich laufen und lausche tief in mich hinein. wenn mich mein gefühl nicht trügt, hat das objekt heute spätschicht. ich könnte jetzt einfach zur klinik fahren und mit ihm reden.

der verstand erhebt einspruch.
aber die traumgewissheit ist stärker.
ich ziehe mich an und mache mich auf den weg. mir ist schwindelig und übel, ich zittere. aber in mir zeigt mein kompass unbeirrbar eine richtung.

tatsächlich steht das objektive rad vor der klinik. wenn es nicht überpünktlich zur nachtschicht erschienen war, müsste es bald aus dem gebäude kommen.

der himmel zieht feindlich-schwarz über mir und wirft dicke regentropfen ab. inzwischen schlottere ich nicht nur vor angst. ich setze mich abseits auf eine parkbank und rauche eine zigarette. und noch eine. und noch eine.

nach der dritten zigarette kommt das objekt plötzlich um die ecke. es sieht mich nicht. klein wirkt es und um jahre gealtert. ich will ihm hinterherrufen, aber meine stimme streikt. meine zittrigen beine übernehmen die regie und rennen ein paar schritte.

jetzt wird das objekt doch aufmerksam und dreht sich um. es schaut überrascht und ist offenbar zu überrumpelt, um abweisend zu reagieren.
"morphine?" sagt es fast so freundlich wie im traum.
dann stehen wir uns gegenüber.
"hallo", sage ich, denn alle wohldurchdachten sätze sind mit einem male aus meinem gedächtnis herausgefallen.

das objekt findet seine fassung wieder.
"bist du hier gerade in der klinik?" fällt ihm als erstes ein.
ich schüttle den kopf.
"warum bist du dann hier?"
ich schaue nur stumm und kann nicht sagen, wegen dir, weil der traum es mir gesagt hat.
dann lächelt das objekt auf einmal und fragt leise:
"bist du wegen mir hier?"
ich nicke:
"ich dachte, ich bringe es mal hinter mich."
"was genau?"
jetzt kehren die sätze zurück.
"du schuldest mir ein paar antworten, und ich dir wahrscheinlich auch, finde ich."
das objekt schaut weg und sagt dann ziemlich aggressiv:
"ich schulde dir überhaupt keine antworten."

wut flammt in mir auf. was bildet sich das objekt eigentlich ein?!
"also, ich meine, wenn ich im gespräch merken sollte, dass dem doch so sein sollte, bekommst du natürlich antworten", relativiert das objekt dann.
"wie großzügig", spotte ich.
das objekt merkt meinen sarkasmus nicht oder will ihn nicht merken. aber es hat ein gespräch vorgeschlagen, immerhin.
"ich ruf dich die tage mal an, ja?" sagt es. "kann sein, dass ichs von der klinik aus mache, also denk dir nichts dabei, wenn es eine dienstnummer ist."
ich nicke.

wir stehen in der kälte herum und ich merke, dass das objekt gerne gehen würde. fast habe ich nun ein wenig mitleid, wegen des auflauerns, was dem einbrechen im traum schon recht nahe kommt.
"hau schon ab", sage ich. "du hast doch feierabend."
das objekt lächelt wieder und sagt erleichtert:
"ja, genau."
also sage ich schnell und kühl: "tschüß".
"tschüß", antwortet das objekt, dreht sich dann unvermittelt um und geht.

als ich das gelände verlasse, habe ich das gefühl, knapp einer ohnmacht entgangen zu sein. alles dreht sich, die ohren klingeln, und der kalte schweiß klebt an mir. doch in mir kein geilheitsalarm, kein schmetterlingsflattern, nur latente traurigkeit. denn das objekt ist eigentlich schon gar nicht mehr da. nur sein gealterter körper läuft noch durch die straßen dieser stadt.

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intruder
ich habe mich die treppe bis in den dritten stock hochgeschlichen. die tür ist angelehnt, weil das objekt nur kurz hinausgegangen ist. ich schlüpfe rasch in den stockfinsteren flur. das herz klopft mir bis zum hals, ich atme schnell. wohin? wo soll ich mich verstecken?

dann nähern sich schon schritte aus dem hausflur der angelehnten tür, und mir fällt auf einmal ein, dass es ja auch die objektgepielin sein könnte. und überhaupt, vielleicht ist es doch ein wenig übertrieben, sich einfach so in eine fremde wohnung einzuschleichen?

bevor ich den gedanken zu ende denken kann, öffnet sich die tür und das objekt steht vor mir.
"morphine?" flüstert es, fast so, als hätte es auf mich gewartet.
"entschuldige, bitte sei mir nicht böse, ich will nur so gerne mit dir reden", sage ich.
das objekt starrt mich durch das dunkel an.
"hm", sagt es nicht unfreundlich. "da muss ich erstmal die gespielin rausbitten, damit wir ruhe haben."

ich folge dem objekt ins wohnzimmer, erleichtert, dass es meine invasion so gelassen, ja fast positiv aufgenommen hat. möglicherweise mag es mich immer noch?

auch die gespielin ist unerwartet freundlich, merkt an, dass sie eigentlich gemeinsam mit dem objekt schwimmen gehen wollte, aber das auch alleine machen könne. ich bin verwundert, seit wann geht die mopsige gespielin schwimmen? aber weil sie so nett ist, will ich nicht unnett sein, also schlage ich vor, dass sie und das objekt schwimmen gehen und ich einfach später noch mal vorbeischaue. die beiden finden das eine gute idee, packen ihre sachen und brausen dann auf dem motorrad der gespielin davon.

ich stehe im hausflur und bin erstaunt, wie groß das haus ist. in den zahlreichen winkeln stehen figuren wie man sie in einer kirche vermuten würde - engel, teufel, kreuze. alles ist in gold und schwarz gehalten. es ist atemberaubend schön und ein klitzkleinwenig gruselig. es gibt wahnsinnig viele flure in diesem haus, was wohl, so glaube ich, der tatsache geschuldet ist, dass das haus wie eine burg gebaut ist, so einmal im kreis herum. in den fluren gehen menschen auf und ab, einer sieht aus wie ein priester, und ich bin ganz verzaubert.

als die gespielin und das objekt zurückkehren, gibt es kuchen. den kuchen hat die mutter der gespielin, die offenbar gerade zu besuch ist, gebacken. ganz viele mandeln sind darin, und die glasur ist dicker honig.

wir sitzen am tisch und plaudern über dieses und jenes, und es ist so, als gehöre ich fest in diese konstellation wie eine uralte freundin. ich fühle mich wohl. es gibt nichts zu klären, die sympathie und herzenswärme, die in diesem raum stehen, machen jegliche fragen oder antworten überflüssig, denn sie sprechen für sich.


wach.

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Montag, 27. Juli 2015
[andersblogger]
ich kann durch meine glasglocke in eine andere sehen.
dort ist es ähnlich tief.
tief und schön.

es ist ein seltener, seltsamer trost in diesem anderen blog. ein nachhausekommen in den worten. fast so, als hätte man familie.

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*
die nächte haben ihren glanz verloren wie ein schopf, der langsam ergraut.

wir starren auf die geschlossenen pforten des himmels und wundern uns, ob es dahinter jemals etwas gab. die erinnerung liegt brach.

wir ziehen mit den anderen übriggebliebenen, tagelöhnern, taugenichtsen durch ein land, das uns keine heimat ist, an das wir jeden glauben verloren haben.

das einzige ziel: weiterträumen dürfen.

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Samstag, 25. Juli 2015
prinzip hoffnung
in hh träume ich ständig von n. und habe heimweh. in n. dann kann ich es gar nicht erwarten, endlich wieder wegzukommen. und zurück im norden fällt mir hh in weniger als 24 stunden derart enorm auf den wecker, dass ich den eindruck habe, es nicht eine minute länger auszuhalten.

schon als kind habe ich immer meine flucht geplant. hatte eine tasche, in der ich wichtige bücher und ein paar lebensmittel wie knäckebrot und zwieback lagerte, damit ich bei der nächstbesten gelegenheit auf und davon konnte. an den tagen, an denen beide eltern arbeiteten, fuhr ich mit dem fahrrad umher und suchte mir regensichere verstecke.

besonders weit habe ich meine flucht nie gedacht. ich war kein mutiges kind. ich besaß nicht einmal den funken dreistigkeit, schwarz u-bahn zu fahren. so kommt man natürlich nicht weit. nur in mir selbst war ich unerreichbar und sicher.

bis heute ist in mir meine einzige zuflucht. es ist eine kleine, dunkle höhle, in der man sich zusammenkauern und dem bombardement von reizen entfliehen kann. in manchen momenten verändert sich dieser ort, wenn da hoffnung oder ein noch uneingelöstes versprechen ist, oder aber ein mensch, dessen zuneigung ich hinterherhecheln kann. dann wird er schön - schöner als die wirklichkeit. mit dem objekt beispielsweise war er das.

immer, wenn so etwas in mir entsteht, möchte ich die zeit anhalten. die realität einfrieren, damit die voraussetzungen für die schönheit meiner zuflucht nicht vergehen. vielleicht bin ich deshalb nicht das, was man zupackend nennt, wenn es um mein leben geht. denn selbst die sich nicht erfüllende hoffnung ist mir lieber als die wirklichkeit.

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