Freitag, 22. Mai 2015
verdammt tief unten
ich warte noch immer auf die selbstregulation meines stoffwechsels. und verliere langsam aber sicher den glauben an eine metamorphose. offenbar kann man nicht einfach beschließen, nicht mehr verrückt zu sein.

neben der schlaflosigkeit und der intensiven anspannung ist die lähmende traurigkeit mit voller wucht zurückgekehrt. das verträgt sich nicht mit dem schlafmangel. der körper kommt morgens nicht mehr hoch. im verlauf des tages schleicht sich die migräne an. arbeiten ist unmöglich.

da ich keinen therapeuten mehr habe, den ich belabern könnte, und die klinik wegen pfingsten unterbesetzt ist, hat sich mein hausarzt kurzerhand der problematik meines überquellenden herzens angenommen.
"setzen sie sich doch nicht so unter druck. sie können doch wieder mit den medikamenten anfangen!"
"ich weiß nicht mehr, was wahr ist... gaukeln mir die medikamente etwas vor, damit ich leben kann, während ich in wirklichkeit alles verändern müsste, weil es mir schadet, oder ist das meine matrix, die mir die normalität als tragödie anzeigt?"
mit der frage nach der wahrheit sind wir im bereich der philosophie, aber mein arzt kann eben nur medizin.

wir versuchen es mit homöopathie und viel baldrian. ich kann schwer dran glauben, versuche es aber, weil ich weiß: der glaube versetzt berge. ich will glauben. erst an die homöopathie und dann an die metamorphose.

abends sitze ich im moor. eine ente entsteigt dem gewässer, setzt sich vor meine füße und quakt mir zärtlich etwas vor, als wolle sie mir lebensweisheiten erzählen. die tränen laufen. gassigeher und ihre hunde starren mich an, es ist mir gleichgültig.

jeden abend verspreche ich mir, morgen wird ein neuer tag. vielleicht musst du nur mal schlafen. eine nacht normal schlafen. oder mit jemandem sprechen. oder eine umarmung.

ich bin schwer versucht, das objekt zu reanimieren, wie immer in schwachen momenten. ein mensch, der mich versteht. der die richtigen knöpfe drückt. haha, wie verführerisch. die sehnsucht ist ein arschloch.

ob wir hier jemals lebend rauskommen?

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Sonntag, 17. Mai 2015
mit 100 kmh
am nachmittag kommt die lederjacke zu mir, um ihre promotion vorzubereiten. wir schreiben vier stunden, dann bin ich alle, unter anderem auch, weil das thema hundertfünfzig prozent aufmerksamkeit verlangt und ich mich damit noch viel zu wenig auskenne.
"ich beneide dich so um diese chance", sage ich warm und schaue die lederjacke liebevoll an.
"is aber n haufen arbeit, verdammt", schnauft die lederjacke, um dann hinzuzufügen:
"aber wenn ich erstmal prof bin, du... dann hab ich meine 4000 tacken und kauf mir ne finca, und da sitz ich dann die fünf monate semesterferien im jahr und bereite meine seminare vor!"
ich schmunzle:
"heirateste mich, bevor ich flaschensammlerin in deutschland werden muss?"
die lederjacke schüttelt energisch den kopf und meint:
"wohnen kannst du natürlich bei mir. aber heiraten ist doch quatsch! das mach ich nicht. nie im leben. so ein verlogener scheiß!"

später sitzen wir in meinem lieblingsimbiss und teilen uns nudeln und ein fischgericht.
"was soll denn nun aus mir werden?" frage ich die lederjacke mal wieder. "was würde denn zu mir passen?"
"mach doch das ref", rät mir die lederjacke zwischen zwei gabeln glasnudeln.
"was würde mich denn in deinen augen dafür qualifizieren, lehrerin zu sein?"
die lederjacke denkt scharf nach und sagt dann:
"du bist so ein unglaublich guter mensch, du könntest kindern ganz viel geben, weil du so empathisch bist."
"boah, lederjacke", rufe ich. "genau deswegen wäre ich doch total am arsch als lehrerin. ich wäre der punching-ball im null-bock-kampfring! als lehrerin musste hart sein, knallhart und cool und darfst nichts an dich ranlassen. nicht den scheiß der kinder, nicht den krampf mit den eltern, nicht das gesülze der kollegen und schon gar nicht das bewusstsein, dass du für ein schweinesystem arbeitest, das auf die totale ersetzbarkeit in einer leistungsgesellschaft und soziale kälte vorbereitet!"
"hm", sagt die lederjacke, "so gesehen haste schon recht. aber für den ein oder anderen wärst du eine offenbarung."

als wir fertig mit dem essen sind, bin ich ganz aufgewühlt. ich denke daran, dass es mit tabletten viel einfacher war. just in diesem moment schaut mich die lederjacke von der seite an und sagt:
"du, ich finde das übrigens ganz großartig, dass du so stark bist und die medikamente abgesetzt hast."
"danke", sage ich leise.
"wie ist das eigentlich so, wie sind da die unterschiede?"
"körperlich oder geistig?"
"beides, wenns für beides unterschiede gibt."
"also, erstmal schlafe ich viel weniger... und ich habe wieder mehr schmerzen, weil die anspannung steigt und ich total verkrampfe. das ist das körperliche. im kopf ist alles wieder viel intensiver. ich kann so in den himmel schauen oder in die blätter eines baums und es ist wahnsinnig schön, so schön, dass ich mich dadurch mit der ganzen welt verbunden fühle... die kehrseite ist, dass alles traurige auch wieder viel intensiver ist. ich habe wieder viel mehr angst - vor menschen, vor meiner sozialen lage, vor jedem tag. alles ist schwieriger und sperriger, der kopf rattert die ganze zeit und ich hab angst, dass mir irgendwann die sicherungen durchbrennen. aber ich versuche, die angst auszuhalten. es muss sich doch auch mal einpendeln, meinst du nicht?"
die lederjacke lächelt unsicher, das ist nicht ihr terrain, doch dann sagt sie:
"das mit dem rattern im kopf kenn ich auch, ich kann auch ganz schwer abschalten. aber versuchs doch mal als gabe zu sehen. du kriegst viel mehr mit als andere. für irgendwas muss das doch auch nützlich sein."

solange ich mit der lederjacke unterwegs bin, geht es mir gut. zuhause dann packt mich die große leere wieder. zum glück schreibt mir v., ob ich nicht noch mit ihm was trinken gehen möchte. dankbar antworte ich mit ja und verabrede mich mit ihm auf dem kiez.

als ich bei der kneipe ankomme, in der wir uns treffen wollen, findet dort gerade eine schlägerei statt. ich drücke mich an die hauswand und hoffe, dass mir keiner auf die fresse haut. dann kommen auch schon die bullen angerast mit tatütata, vier autos insgesamt. die ordnungshüter springen aus den wagen und krallen sich die unruhestifter, nur einer entkommt, aber eine junge frau, die offensichtlich auch mit in den kampf verwickelt war, hetzt zwei polizisten auf den flüchtenden, der dann auch gleich aus dem trubel herausgezerrt, gegen ein auto geworfen und durchsucht wird.
ich drücke mich ganz vorsichtig an den immer noch schreienden und sich wehrenden menschen vorbei und verschwinde in der kneipe, wo v. schon auf mich wartet.
"da draußen gehts ja ab", sage ich zur begrüßung.
"ach, das ist halt großstadt", sagt v. beruhigend und umarmt mich.

v. hat mir schon einen gin tonic geordert und eine warme welle schwappt über mein herz, weil ich das eine so schöne geste finde.
dann will v. erstmal wissen, wie sich der zustand meinerseits hält. ich berichte.
"meinst du, du ziehst das weiter durch?"
"weiß nicht. in zwei wochen hab ich wieder termin in der klinik, da bespreche ich das mal. ist halt irre anstrengend so. alles sehr fragil, aber auch irgendwie schön. so mehr ich, weißte?"
"und denkst du dann auch mehr an suizid?" will v. wissen.
ich überlege.
"das thema ist präsenter, ich würde auch sagen, dass in einer akuten situation die hemmschwelle vielleicht niedriger läge... aber insgesamt kann ich das im moment noch ganz gut durch geistige anstrengung ausbalancieren."
"hast du keine angst, dass es dich einfach mal überkommt?"
"das kann ich mir ehrlich gesagt so konkret gar nicht vorstellen."
"ich hatte ja mal so einen moment..."
"wie meinst du das?"
"das ist schon länger her, ich kam damals gerade von meiner freundin, war eigentlich ganz gut drauf, und dann hatte ich irgendwie so einen impuls... und hab das auto gegen nen baum gesetzt."

ich mache augen wie untertassen und bin erstmal sprachlos.
"aber daraufhin haben sie dich doch sicherlich eingebuchtet?" frage ich, als ich mich wieder berappelt habe.
"nee. also, der fall wurde natürlich untersucht, gab ja keine bremsspuren, es war eine freie strecke und ich hatte 100 sachen drauf. aber der polizist meinte bei der vernehmung ganz lapidar, ist ja jedem seine sache, was er mit seinem leben macht. meine freundin war damals übrigens auch ganz cool und sagte, wenn du meinst, dann bring dich halt um."
ich überlege.
"eigentlich ganz clever."
"das hat mich damals echt verletzt!"
"ja, aber... das ist gut, wenn sich jemand nicht emotional erpressen lässt, weißte? das objekt war in solchen momenten auch immer ganz distanziert und klar und hat mich in die pflicht genommen."
"wie, in die pflicht genommen?"
"wenn ich am telefon rumgeheult hab, vonwegen ich will nicht mehr, dann sagte es meist nur, gut, du hast zwei möglichkeiten, ich rufe jetzt den krankenwagen, oder du überlegst noch mal und wir vereinbaren was."
"und das funktioniert?"
"solange jemand absprachefähig ist, also trotz emotionalem stress auf gewisse geistige ressourcen zurückgreifen kann, geht das."
"ich habe immer gedacht, dann sollte man jemanden vielleicht einfach mal in den arm nehmen?"
"könnte man, aber die gefahr ist dann halt, dass der andere dann immer mit suizid droht, nur weil er in den arm möchte."

wir sitzen eine weile da und gucken stumm vor uns hin.
"trotzdem, ich bin noch immer ganz schockiert", sage ich dann und schaue v. an. "ich hätte dir das nicht zugetraut."
"ich habs mir selbst nicht zugetraut. das war ein bruchteil einer sekunde, in der ich das entschieden habe."
ich schaue in meinen leeren gin tonic und überlege, ob das der moment für eine umarmung wäre, bis mir klar wird, dass ich mit medikamenten gar nicht überlegt hätte, also überwinde ich mich und nehme v. kurz in den arm. ich denke nach, ob ich noch etwas sagen sollte, etwas kitschiges wie "mach das nie wieder", aber ich entscheide mich dagegen, versuche nur, ein bisschen nähe zu geben und fertig.
"du zitterst", sage v. schmunzelnd, als er mich wieder loslässt.
"ist die anspannung, weißte, ich bin nicht so gut in sowas."
"warum?"
"vielleicht, weil ich denke, dass du nicht umarmt werden möchtest? oder zumindest nicht von mir?"
"warum sollte ich nicht von dir umarmt werden wollen?"
ich gucke wieder in mein glas und schäme mich für mein misstrauen.
"ich fand das gerade echt schön", sagt v. noch, aber ich schaue nicht hoch, also schweigen wir lieber schnell wieder.

als wir am ende des abends vor die kneipe treten, ist es längst hell.
"scheiße, schon halb sechs", sagt v.
"ich mag das", sage ich. "jetzt noch schön radfahren, das wird mir gut tun."
"da hätte ich sowas von keinen bock drauf."
ich grinse:
"wenn ich kohle hätte, würde ich jetzt natürlich auch ein taxi nehmen."
"wenn du eines brauchst, sag bescheid."
"nee, lass mal."
dann verabschieden wir einander.

als ich die straßen entlang radle, umfängt mich der morgen mit seinem speziellen licht und einem duft, der an jeder ecke anders riecht. ein bisschen regen kommt ab und an von oben, aber für den moment ist alles in mir friedlich und freut sich auf das bett.

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Donnerstag, 14. Mai 2015
was man mehr will
dank chemiefreier blutbahnen wächst die anzahl meiner täglichen wach-stunden beträchtlich. alle synapsen stehen unter dauerfeuer. gestern nach dem büro empfange ich erst den dr.-ing., der einen dringenden entsaftungswunsch hat, danach arbeite ich mich in ein neues seo-tool ein, und um mitternacht habe ich die grandiose idee, dass man ja noch ein wenig party machen könnte. also haare gewaschen, nägel lackiert, eine line gelegt und nicht gezogen, denn ich fühle mich auch so high von adrenalin, zwischendurch noch schnell eine waschmaschinenladung aufgehängt, und dann los.

auf dem kiez treffe ich zunächst den liebeskummergebeutelten jammer-typen, und weil ich gerade emotionales oberwasser habe, beschließe ich, ihm mal ganz oberlehrerhaft die leviten zu lesen. überraschenderweise hat er ein einsehen, gibt mir recht darin, dass er ein wenig übertrieben hat und berichtet, dass er die suizidankündigung auf fressenbuch schon selbstständig wieder entfernt habe. na immerhin. ich lobe ihn ein wenig, männer brauchen das auch mal, vor allem, wenn frau sie gerade angekackt hat, nur so bleibt der schwanz ein schwanz inmitten von zickenterror und scheinemanzipation.

den rest des abends bin ich eingeladen und bekomme einen drink nach dem anderen ausgegeben. wir diskutieren über monogamie und polygamie, und während der typ glaubt, wurzel allen übels sei monogamie, berichte ich aus meinem reichhaltigen polyamourösen multisexuellen erfahrungsschatz und schlussfolgere, dass beides eben nun mal vor- und nachteile hat, und dass es allenfalls persönliches ermessen sei, welche art von beziehung das kleinere übel darstellt.

"alles, was du sagst, klingt immer so akribisch durchdacht", sagt der typ irgendwann. "fast wissenschaftlich, und dann aber auch immer irgendwie.... poetisch."
"das objekt hat mich immer wissenschaftlerin des lebens genannt", rutscht mir raus.
"du hängst doch noch an dem", erwischt mich der typ.
"klar. unendlich weh tut das alles immer noch. vor allem jetzt ohne medikamente. da ist das thema unheimlich präsent und ich möchte so gerne wissen, was er denkt und darüber dann mit ihm reden. dennoch ist mir bewusst, dass ich das nicht tun darf. trotzdem, eine tür ist halt immer erst dann zu, wenn man nicht mehr durchs schlüsselloch linst."
"siehst du, das meine ich. du bist so klar, du hast das alles so analysiert... auch wenn du noch nicht drüber stehst. aber du könntest einen ratgeber schreiben. oder wenigstens eine kolunme für die zeitung. du wärst so eine art sibylle berg, nur ganz anders. ich glaube echt, die leute würden das lesen. ich jedenfalls würde das gern lesen."
"ja, das wär mal geil, aber ich habe bisher nur biedermeier-feuilleton geschrieben. und ich heiße halt leider nicht sibylle berg oder sascha lobo. morphine ist kein gutes branding, das ist ein null-branding. und mal abgesehen davon ist es schon eine schon herausforderung, sibylle berg das wasser reichen zu wollen."
"du könntest das. wer, wenn nicht du?"
"frag mich in zehn jahren noch mal", lache ich.

bereits recht blau beschließe ich, noch mal in der neuen spelunke vorbeizuschauen, schließlich wollte ich ja auch dem inhaber dort mal sagen, dass das so nicht geht mit dem dj. ein dj, der die tanzflächen leerspielt, ist gift für eine location, die sich gerade etablieren muss.

drinnen ist es wie erwartet wieder leer, aber ich habe glück, inhaber eins und inhaber zwei sind beide anwesend und ich bitte sie zum beratungsgespräch in eine stille ecke. nach drei wochen ist den beiden immerhin auch schon aufgefallen, dass der dj scheiße ist. heute legt einer der alten stammgäste auf, der ein bekannter von mir ist, das ist schon mal besser, aber auch der ist nun mal kein profi und vor allem kein großer name in der szene, der zieht. marketingtechnisch ungeschickt, das ist wie die sache mit morphine versus sybille berg.

am ende des abends sind alle ein wenig zerknirscht, aber durchaus nicht hoffnungslos, nachdem ich meine 75 hochprofessionellen ideen in die runde gegeben habe. dann trinken wir noch ein paar kurze zusammen, bis ich sodbrennen kriege und mir einfällt, dass ich ja mit dem rad unterwegs bin, und ich steige auf alkfrei um.

erst gegen halb sechs hat sich mein pegel soweit reguliert, dass ich wieder daran glauben kann, auf meinem knapp 10-kilometer-heimweg nicht mehrfach auf die fresse zu fallen. wir stehen draußen, rauchen eine letzte zigarette und schauen in petrolfarbenen morgenhimmel, wo sich schon wieder regenwolken ballen, die sich just dann, als ich in den sattel steige, zu entleeren beginnen. auf meinem heimweg werde ich nass bis auf die haut, aber es ist angenehm, quicklebendig fühle ich mich, und so verdammt mittendrin. in den beinen merke ich ein wenig, dass ich seit über 24 stunden wach bin, aber der kopf ist ganz da, das ist schön, auch wenn er wieder so anfällig für traurige objektgedanken geworden ist.

zuhause stehe ich noch eine ganze weile unter strom, frühstücke ein ben&jerrys-eis und lese blogs und zeitung im vergleich und denke darüber nach, warum man nicht wirklich mehr blogger schreiben lässt statt irgendwelcher drögen gleichgeschalteten wichtigwichser. dann gehe ich langsam zu bett und träume all das, was ich mehr oder besser will als das, was es ist oder ich habe. the power of traum eben, frei nach oliver koletzki, weil der traum einfach das letzte ist was bleibt, während die realität an dir vorbeizieht wie eine abgefeierte bitch auf dem vollgekotzten pavement des lebens.

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Montag, 11. Mai 2015
unfun
samstagnacht, on tour. st. pauli ist hafengeburtstagsbedingt mal wieder ganz kotze und scherben. tagsüber familien-trallala, nachts besoffene touris, das konzept geht immer auf. als ich aus der s-bahn-station auftauche, fühle ich mich splitterfasernackt, kontaminiert mit dem gestank von dönersoße, pisse und alkohol.

ich lande in der neuen spelunke, zwei bekannte sind auch da, sonst ist es halbleer, halbleere gläser allethalben, und der dj hängt auch schon auf halbmast, die musik plätschert vor sich hin und alles ist wie immer, nur ein bisschen trauriger.

ich ziehe mich in den hintersten winkel zurück, wo schon zwei typen sitzen und trinken. der eine schaut mich neugierig an, der andere schläft bereits und berührt mit der stirn den niedrigen tisch. als er mit dem kopf ein paar gläser abräumt, wacht er kurz auf, grinst und klammert sich schwankend an seinen kumpel.

zwei trusen kommen angewackelt, die eine ist blond, mopsig und aufgetakelt, die andere ganz schlicht in jeans. sie schieben ihre ärsche auf die sitze neben mir. die mopsige aufgetakelte sitzt da wie ein nasser sack, alkoholschlaff mit hängenden schultern und titten, und lamentiert. die schlichte tröstet und tröstet, aber es will offenbar nicht fruchten, also wendet sie sich irgendwann an mich:
"entschuldige, ich muss dich mal was fragen!"
"was denn?"
"hat sie noch marktwert?" sagt die schlichte und zeigt auf die mopsige aufgetakelte.
"als was?" frage ich zurück.
"na so bei den typen!"
ich gucke und überlege und bin dann ganz unverblümt:
"also was das alter betrifft, bestimmt, aber sie muss echt an ihrer haltung arbeiten!"

miss mopsig hat das gehört und schaut mich giftig an. ihr ehrgeiz ist anscheinend geweckt. in folge versucht sie, den schlafenden typen anzugraben, der den kopf inzwischen im schoß seines freundes hat, was dem sichtlich unangenehm ist. dass da gerade nichts zu holen ist, hätte ich ihr sofort sagen können. miss mopsig labert und labert, aber der besoffene typ blinzelt und murmelt nur kurz etwas in seinen bart, um sich dann wegzudrehen und sich auf dem sofa zusammenzurollen wie ein überdimensioniertes kätzchen. miss mopsig nimmt das natürlich persönlich, sie beginnt wieder zu jammern, kein glück bei den typen offenbar, was für eine scheiße. ich finde die szene unheimlich witzig und muss grinsen, was miss mopsig noch viel weniger gefällt, woraufhin sie ihre unscheinbare freundin bei der hand nimmt und richtung bar zieht.

meine beiden bekannten kommen und verabschieden sich, es ist noch nicht mal vier, aber die musik ist zum einschlafen und überhaupt kackt die stimmung im laden minütlich ab. also hole auch ich meine jacke und begleite die beiden noch zur s-bahn, dann gehe ich zum bus. auf dem weg klettet sich ein schwarzer an meine fersen, er sagt "hallo hallo hallo", als hätte jemand den repeat-knopf in seinem hirn gedrückt, aber ich ignoriere ihn eisig, und nach dem hundertfünfundzwanzigsten hallo gibt er endlich auf.

im bus fällt mir wie immer das objekt ein, und was für einen spaß wir noch vor einem jahr hatten. meine augen brennen, aber es kommen keine tränen, also mache ich noch einen abstecher zum bäcker und hole ein paar brötchen für sonntag. essen ist der sex des alters, der spruch fällt mir ein, als ich mit den warmen brötchen in der tüte nach hause trapse, vielleicht isses ja nun bei mir auch soweit.

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Sonntag, 10. Mai 2015
nervensägen
pling-pling. es weckt mich wieder einmal die sms eines "freundes", der mir schreibt: 'mir geht es soooooooo schlecht'. normalerweise würde ich jetzt aufspringen und zurückrufen, aber zwei minuten später sehe ich, dass besagter typ auch schon seit sieben stunden sein fressenbuch-profil mit weinerlichen aufrufen zur mitleidsbekundung vollspammt, inklusive suizid-drohung und bestattungstechnisch passender mucke. genau wie letztes wochenende. und wie das davor. also drehe ich mich auf die andere seite und schlafe weiter.

der hintergrund: besagter typ war jahrelang in einer bzw. zwei beziehungen. in dieser phase brachten wir es auf sage und schreibe nullkommanull anrufe, treffen oder was auch immer. manchmal grüßte er mich auf partys nicht mal, wenn er seine alte im schlepptau hatte. dieses asoziale verhalten ist mir nicht unbekannt - viele menschen brauchen eben nur dann freunde, um die miese zeit zwischen zwei beziehungen zu überbrücken. das sind allerdings dann keine menschen, mit denen ich mich befreunden mag.

bis vor wenigen wochen hatte ich schon völlig vergessen, dass wir irgendwann mal die nummern getauscht hatten. das lässt sich nun nicht mehr verdrängen, denn jetzt stehe ich ganz hoch im kurs. neben traurig-sehrtraurig-ganzschlimmtraurig-sms bekomme ich fast allabendlich auch "süße grüße zur nacht", "ganz viel liebe" und andere schleimige schwadronierereien zu lesen, wovon mir jedesmal speiübel wird - zumal ich ahne, dass der typ nie so ganz platonisch an mir interessiert war.

damit sie kein falsches bild bekommen, muss ich vielleicht dazu sagen, dass der jammer-typ ungefähr mitte 50 ist, eine familie mit mehreren erwachsenen kindern, einen super job bei der stadt sowie ein eigenes haus hat. wir haben es also keineswegs mit einer labilen, abgebrannten mitzwangziger-studenten-partybekanntschaft meinerseits zu tun, sondern mit einer gesunden, sozial und materiell privilegierten erwachsenen person.

obwohl ich inzwischen furchtbarfurchtbar genervt bin (bitte jetzt mitleid äußern! sonst muss ich mit suizid drohen!), bin ich doch auch hin- und hergerissen und muss lange mit meinem mir innewohnenenden freundlichen ratgebertanten-gen ringen. doch dann schalte ich das handy aus und schmeiße die person aus meiner fressenbuch-liste. nicht ganz ohne schlechtes gewissen. aber mit großer erleichterung.

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