Sonntag, 25. Januar 2015
kuscheln unter freunden
dass vorletzte mal clubbing. je näher die schließung rückt, desto voller wird es und desto näher rücken alle zusammen. mein bekannter v. ist inzwischen tatsächlich ein freund geworden. wir hängen ständig zusammen und manchmal legt er den arm um mich und drückt mich.

"magst du eigentlich kinder?" fragt er mich später am abend leicht getüddert.
ich lache laut:
"wieso, willste welche von mir?!"
v. haspelt verlegen:
"ähm, ich meinte so grundsätzlich."
"nö. immer wenn ich mütter sehe, bin ich froh, dass ich nicht in deren rolle stecke. das würde mich zu tode nerven."
"naja, das sind ja fremde kinder."
"jaaaaaaa... ich weiß, ich wäre dann auch hormonverklärt und würde mir einbilden, dass mein kind was besonderes ist", seufe ich genervt. "und damit allen anderen leuten total auf den keks gehen."
"aber ist dir eigentlich klar, dass dann nichts von dir bleibt?"
ich schaue v. scharf an:
"also mal ehrlich, v., wenn ich heute entscheiden dürfte, ob ich geboren werden möchte oder nicht, und dabei all das vorher wüsste, was mir bis dato passiert ist, würde ich ehrlich drauf verzichten."
v. schaut mich sinnierend an:
"weißte, ich hab nen freund, der ist neulich vater geworden, ist einfach so passiert, der klassische unfall. und der ist total glücklich jetzt. weil er endlich weiß, wofür er sich in der arbeit den arsch aufreißt und was er mit seinem ganzen geld tun kann."
"ja, v., aber dein freund musste auch nicht neun, naja, sagen wir mal fünf monate fett wie eine tonne rumrennen, und sich die eingeweide ausleiern lassen, und dann im job zurücktreten und zuhause hocken und windeln wechseln. für deinen freund hat sich insgesamt vermutlich nicht viel geändert, außer dass da jetzt was ist, womit er spielen kann, wenn er von der arbeit nach hause kommt oder wenns am sonntag regnet und er keine böcke hat, das haus zu verlassen."
v. zuckt die achseln.
"naja, das ist jetzt schon eher so das klassische paar... also sie zuhause und er arbeitet."
"siehste. und irgendwann in zehn jahren hat er die schnauze voll, fickt seine sekretärin, drückt seiner alten das sorgerecht an die backe und beginnt ein neues leben. und die olle kann sich aufhängen."
"du siehst das alles viel zu negativ."
"ja, ich weiß. aber es ist realistischer als zu glauben, dass sich mit kind meine depressionen erledigen, weil ich dann weiß, wohin mit meinem ganzen geld. für mich wäre ein kind der finanzielle ruin. ich könnte dem kein anständiges zuhause und keine gute ausbildung bieten. und dann würde es sicherlich auch depressiv werden und mich den ganzen tag suizidal vollheulen und mich dafür hassen, dass ich es nicht abgetrieben habe."
v. lacht.
"okay, ich verstehe, du möchtest im augenblick keine kinder."
"du hast es erfasst."
"ich frag dich in fünf jahren noch mal."
"tu das."
"aber mein freund da, der ist echt happy."
"ich kenne auch väter, die weniger happy sind. nämlich alle, die nicht so ne feierabend- und sonntagspapis sind oder die ein paar monate elternzeit zum spaß gemacht haben. das objekt zum beispiel. das sagt immer, so sehr es den kleinen liebt, wenn er die wahl hätte, dann hätte er ihn lieber nicht zum kind. oder auch meine erste große liebe. seine tochter ist fantastisch, aber bis sie volljährig war, hatte er nur stress und ärger."

als wenns das stichwort gewesen wäre, betritt das objekt in diesem moment den raum. es hat seine ische im schlepptau, die mich sofort sieht. sie wirft sich dem objekt überfallsartig an den hals, um es vor meinen augen revierzumarkieren. das objekt ist darauf nicht gefasst, macht eine abwehrende geste, schwankt, macht einen schritt rückwärts und stolpert in eine menschengruppe.
ich breche in lachen aus.
"oh, der ist ja auch wieder da", kommentiert v. die lage.
"guck mal, das traumpaar muss sich auch gleich beweisen", sage ich so laut, dass die gespielin es hören kann.
die gespielin schaut mich giftig an und verzieht sich, während das objekt eine ecke im raum möglichst weit weg von mir sucht, um hastig eine zu rauchen. eine minute später taucht die gespielin wieder auf und zerrt es am ärmel weg in richtung tanzfläche.

"was schauste denn so", stupst mich jemand an. es ist die coole barfrau, mit deren mann ich mal geknutscht habe, und die mir immer sympathischer wird.
"ich hab nur meinen ex gesehen."
"wer ist das denn?"
ich ziehe die barfrau in stück richtung tanzfläche:
"der da. der große mit den langen haaren und dem rauschbart."
"gott im himmel, morphine, das sieht man doch auf zehn meter, dass das kein guter ist!" ruft die barfrau. "wie lange wart ihr zusammen?"
"viereinhalb jahre."
"gott im himmel", ruft sie wieder. "komm bloß weg da. das ist nicht gut, wenn du den hier siehst."
sie schubst mich wieder richtung barraum und stellt mir dann einen wodka auf den tresen.
als ich verzweifelt trinke, streicht sie mit der hand über meine wange und lächelt ganz lieb, was man ihr auf den ersten blick niemals zutrauen würde, weil sie sehr hart und cool rüberkommt.
"du bist so ne... verletzte kleine große frau", sagt sie zu mir. "unglaublich. ich hab immer gedacht, du bist ganz kühl und überlegen."
"das sagen viele. aber du bist auch anders als du wirkst. viel netter."
die barfrau, die n. heißt, wie mir jetzt wieder einfällt, lächelt geschmeichelt, und mich überkommt ein anflug von mut.
"duhuuu... n.," sage ich. "hast du lust, dass wir uns mal treffen? und irgendwas machen? bisschen quatschen?"
"klar!" ruft sie und gibt mir ihre nummer.
so einfach ist das manchmal.

"was macht ihr beiden hübschen denn da", fragt der lieblingsbarkeeper, der sich von bar nummer zwei herangeschlichen hat und uns von hinten umarmt.
"wir planen gerade das club revival im elitären kreis", sage ich. "magst du auch kommen?"
"was bitte wäre denn ein club revival ohne mich?!" empört sich der lieblingsbarkeeper.
dann tippt er mir auf die schulter.
"deine nummer brauche ich sowieso noch, du willst doch in zukunft für uns arbeiten, oder?"
"ja, will ich, also wenn das geht."
"mit so einer schönen frau hinter dem tresen wird der neue laden brummen", ist der lieblingsbarkeeper überschwänglich-sicher.
"habt ihr denn nun schon was im auge?" will ich wissen.

da zieht mich der barkeeper in den personalbereich.
"also, es ist noch nicht offiziell, und es ist auch noch nicht durch, aber es sieht gut aus. wir haben was gefunden, nur halb so groß, und es ist auch kein club, sondern eher eine bar. trotzdem wollen wir da die alten mottopartys wieder veranstalten."
"hurrah!" rufe ich und knuddle den barkeeper, um gleich darauf entsetzt festzustellen:
"nur seh ich dann wahrscheinlich meinen ex wieder."
"wer ist denn dein ex?"
ich beschreibe das objekt kurz und der barkeeper nickt wissend:
"der ist ja stadtbekannt, sozusagen."
"ich bin immer noch traurig und wütend, irgendwie, zumindest manchmal."
der lieblingsbarkeeper legt den arm um mich und lacht:
"so ist das leben. aber komm mir bloß nicht auf komische gedanken, nicht dass du dem dann k.o.-tropfen ins getränk mischst oder sowas.
ich kichere:
"du bringst mich auf ideen!"
"keine skandale, sonst muss ich dich feuern."
"mir wärs lieber, wenn er hausverbot bekäme. das wäre für mich die nachhaltigere lösung."
"wenn du den laden kaufst, kannst du das gerne so bestimmen. so musst du mir erstmal stichhaltige gründe liefern, warum ich ihn nicht reinlassen sollte."
"er ist ein arsch und ein lügner."
"das reicht nicht ganz, sorry", lacht der barkeeper.

während das objekt schon gegen halb fünf von der gespielin energisch hinauseskortiert wird, wie ich schadenfroh bemerke, bleibt der laden wie auch die letzten male bis morgens um acht halb voll. irgendwann haben die djs keine lust mehr und schalten die musik ab, was die gäste aber kein bisschen stört. erst als die security kommt und alle zum gehen auffordert, bewegen sich die menschen. ich bin ein bisschen gerührt und schaue von einem zum anderem, bevor auch ich meine jacke hole.

"warte mal", ruft der lieblingsbarkeeper, als ich zur tür will.
"was denn?"
"nächstes wochenende musst du bitte um halb zehn hier sein. wir machen so ein kleines special vor der offiziellen party, im kleinen kreis, nur für stamm- und lieblingsgäste. ihr müsst dann auch keinen eintritt zahlen."
ich umarme dem barkeeper ganz fest:
"das ist so lieb, dass ich da kommen darf! das ehrt mich total."
"na wer, wenn nicht du?"

wir verabschieden uns alle voneinander, küsschen links, küsschen rechts, und v. bekommt sogar einen schmatzer auf den mund, was ihn ganz verlegen macht. dann gehe ich in den morgen hinaus. es ist bereits hell am himmel. ein paar objekt-hass-gedanken spuken noch kurz durch mein gehirn, dann aber werde ich einfach nur müde und alles, was ich denken kann, hat mit bett und schlafen zu tun.

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Samstag, 24. Januar 2015
droge konsum
dass ich konsumwut und kapitalismus anprangere, scheint für viele hier das produkt von sozialneid zu sein: die dämliche alte lebt vom schreiben bzw. einem mies bezahlten bürojob und kann demnach froh sein, wenn sie überhaupt die miete jeden monat zusammenkriegt. natürlich ist so eine dumme kuh eifersüchtig auf alle, die sich kaufen können, was ihr herz begehrt.

dass konsum allerdings tatsächlich das belohnungszentrum im gehirn aktiviert und damit genauso wirkt wie drogen, alkohol, essen oder sonstige als suchtmittel bekannte substanzen, bestätigt jetzt auch die wissenschaftliche seite.

dieser kluge artikel erwähnt übrigens auch, dass konsumieren lediglich das kaschieren tiefer gehender bedürfnisse ist. damit bekommt der materialismus wie von mir bereits vermutet die bedeutung einer - leider allzu dürftigen - religion.

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Donnerstag, 22. Januar 2015
[fan-content]
dass dieses blog aktuell täglich zwischen 200 und 400 leser aus aller welt hat, ist mir eine ehre. dass sich aber mehrere leser aus ein und demselben krankenhaus darunter befinden, war mir neu.

schwerkranken leuten bei der therapie die zeit zu vertreiben finde ich aber prinzipiell sehr schön. wenn mich ein depressiver anfall überkommt, lese ich auch gern blogs oder, wenn alles zu anstrengend wird, twitter. ablenkung ist toll, gerade wenn es sonst eher einsam, elend und kalt um einen ist.

ich kann nicht heilen (das wär mal schön, dann hätte ich auch nen haufen probleme weniger), ja, ich darf noch nicht mal stammzellen spenden, weil ich so medikamentenverseucht bin. (mein blut kann töten, harhar!) ich gebe auch keine doofen ratschläge, bin ja nicht eure mutti, und wir wissen ja alle: das gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint. aber ich kann euch was erzählen.

ganz besondere grüße
von der verkorksten alten, die so gut über psychokram, alk, ficken und drogen schreiben kann

<3

p.s.: wer helfen will, sollte mal hier gucken, ob er als spender infrage kommt.

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Dienstag, 20. Januar 2015
sortierungsarbeiten: je ne suis pas allemagne
deutschland ist aufgeregt. endlich gibt es pegida. endlich gibt es wieder einen grund, sich auf die straße zu stellen, sich wichtig zu fühlen und dabei auf so drollig-harmlose weise rein gar nichts zu bewirken. mit plakaten wedeln, rumgröhlen, vielleicht mal einen leeren kaffeebecher schmeißen.

deutschland sortiert sich. auf einmal wird den menschen wieder bewusst, wie nett es ist, auf der richtigen seite zu stehen. in diesem fall ist es besonders einfach, denn die geschichte hats ja schon vorgemacht: böse nazis! pfui!

deutschland ist das volk. auf der straße entsteht ein wir-gefühl, wie es noch nicht mal bei der wm vorherrschte. wir, die guten! wir, die richtigen! wir sagen einer truppe, die sich durch ihre blödheit in kürze wahrscheinlich selbst erledigt, den erbitterten kampf an. weil wir uns dabei so gut fühlen, ist es uns sogar egal, dass wir dem feind damit nur noch mehr aufmerksamkeit bescheren. egal. es glühen die überzeugungen und emotionen, wer denkt da noch an demokratie und die offenheit, die demokratie eigentlich erfordert, die freiheit, die vielfalt, die extreme per se unschädlich macht, den one-world-geist, wenn wir endlich mal deutschland sein können, recht haben können, wenn wir, das volk, denen, die behaupten, das volk zu sein, so richtig einheizen. denn nur wir sind das volk, völkischer, wir sind am völkischsten.

wir sind diejenigen, die hormongedopte tiere aus massenhaltung fressen, die wegsehen, wenn einem freund leid widerfährt, denen flüchtlinge erst dann bewusst werden, wenn sie tot sind, wenn die asylantenheime brennen. wir sind diejenigen, die an obdachlosen vorbeirennen, weil wir uns ekeln, weil wir doch keiner von "denen" sind, wir sind diejenigen, die um alles, was anders ist, was fremd ist, was verrückt oder ein bisschen zu bunt erscheint, einen weiten bogen machen, und abends nach mit deutscher gründlichkeit verrichteter arbeit in unser ikea-nest schlüpfen, den fernseher andrehen und uns einen scheiß darum scheren, wie es unseren nächsten nachbarn geht.

wir sind deutschland, ein haufen selbstgerechter antidemokraten. wir brauchen dafür keine gratulanten, wir gratulieren uns selbst.

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Sonntag, 18. Januar 2015
clubklokunst


found@fundbureau

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islam und westlicher götzendienst
wir haben uns erfolgreich vom kirchlich-christlichen gott emanzipiert. der alte mann mit dem rauschebart, der für nächstenliebe und verzicht steht, ist out. das abnabeln von diesem etwas strengen und altbackenen gott bedeutet jedoch noch lange ist, dass wir auf unseren glauben verzichten können. denn ohne einen glauben sind die meisten menschen hilflos und nicht lebensfähig.

how come?

beim modernen glauben handelt es sich nicht um das anbeten einer gestalt, die für althergebrachte werte und eine etwas seltsame weltanschauung steht. angebetet werden stattdessen die götzen des kapitalismus.
anstatt in die kirche zu gehen, rennen die menschen samstags in die kaufhäuser und bedecken ihre schmächtigen, hässlichen seelen mit konsumgütern. wer früher durch tugendhaftigkeit und reinheit punkten konnte, muss heute mit markenklamotten und teuren autos protzen. anstatt dienste an armen und kranken zu tun, schuften die menschen im job bis zur selbstaufgabe, um ihre existenz durch das anheben des kontostands rechtfertigen zu können. wenn sie orientierung und erbauung suchen, hören sie sich an, was dieter bohlen, helene fischer und andere hohlbratzen von sich geben. und statt beim abendmahl oblaten zu mümmeln, gehen die leute zum plastischen chirurgen und lassen sich die falten wegspritzen und die nasen plätten, damit sie in die götzengemeinde der ewig jungen, schönen, reichen und leistungsbereiten passen und - um götzenwillen - bloß nicht irgendwie auffallen.

die menschen im westlichen kapitalismus leben damit in einer welt, die heute mehr denn je von angst und aberglauben regiert wird und lichtjahre von freiheit, aufgeklärtheit und gemeinsinn entfernt ist. obwohl jeder damit prahlt, keinen gott zu brauchen, sind alle versklavt und verkauft, ohne es zu merken.

in diesem kontext über eine religion wie den islam richten zu wollen, ist obszön. man kann dem islam ankreiden, dass er sich mangels exegese einer immanenten kritik verschließt. aber genau das tut auch die westliche welt, die sich den götzen des kapitalismus unterjocht.

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