Mittwoch, 3. September 2014
pulse
wie wir uns verschlingen mit blicken.
wie wir einander speisen mit unserem atem.
wie wir uns begegnen im traum, in der erinnerung.

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Sonntag, 31. August 2014
fortschreitende heilung
sonntag, 14 uhr. das objekt klingelt mich aus dem bett:
"hey morphinchen! hast du lust, mit mir schwimmen zu gehen?"
schlafschwere betäubung in meinem kopf.
"hmhmhm..." murmle ich, ohne recht zu begreifen.
"oh, ich hab dich aufgeweckt... ich geb dir mal ein paar minuten zum wachwerden, ja?"
schwupps, hat das objekt aufgelegt. und ich bin mit der ersten schweren frage des tages konfrontiert:
schwimmen oder nicht schwimmen?

bis vor wenigen wochen wäre dies keine frage gewesen, sondern ein kraftvoller impuls, über das serotonin-morgenloch hinweg sofort aus dem bett zu springen, jubilierend den tag zu begrüßen, dann schwimmsachen, kondome und spielzeug einzupacken und zum objekt zu rasen. inzwischen ist jedoch eine bemerkenswerte veränderung im denken eingetreten. der kopf schreit nicht mehr, hurra, hauptsache objekt, sondern hakt kritisch nach: habe ich wirklich lust, heute ins schwimmbad zu gehen? jetzt, an einem kater-sonntag, so mit kreischenden kindern und millionen anderer hässlicher menschen?

ich putze erstmal zähne. dann klingelt das handy erneut.
"wo willste denn überhaupt schwimmen gehen?" will ich vom objekt wissen. "st. pauli?"
"nee, ich würde heute rausfahren, richtung kellinghusen."
auch noch weit fahren, hm. ich werfe einen blick aus dem fenster. es regnet bindfäden. und ich merke, wie mir das wetter die letzte entscheidung abnimmt.
"nee, ich glaub, ich hab kein bock", sage ich den für mich unvorstellbaren satz, den ich gegenüber dem objekt meines wissens noch nie ausgesprochen habe.

das objekt verstummt betroffen. ganz offenbar hat es mit dieser reaktion nicht gerechnet.
"schade", sagt es irgendwann und es klingt tatsächlich nach "schade", nicht nach "na gut, ich hab trotzdem spaß".
dann legen wir auf.

zwei minuten später dreht meine biochemie durch. wohlige erinnerungen durchzucken mein bewusstsein: heiße küsse in der gemeinschaftsumkleide, unterwasserfummeln, nacktschwimmen im whirlpool. du musst sofort das objekt anrufen und ihm sagen, dass du doch mitkommen willst, befiehlt mir der objektverseuchte teil meines hirns.
nein, du hälst das jetzt mal aus, sagt ein anderer und sendet abschreckende vorahnungen vor mein geistiges auge: unrasierte muttis unter der dusche, kleinkinder mit vollen windeln, jugendliche, die ins wasser pullern, lüsternde typen, die mir auf den arsch glotzen.

und dann geschieht das wunder: ein stückchen gelassenheit und das vage gefühl, trotz allem die richtige entscheidung getroffen zu haben, machen sich in mir breit.
tschakka!

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Donnerstag, 28. August 2014
arschlecken
der mitinsasse hat den kontakt abgebrochen. hamburger-typisch ohne ankündigung oder angabe von gründen. war ja auszurechnen, wär ja mal wer vernünftiges gewesen. also sind wir jetzt unvernünftig und gehen heute mal wieder einen familiendaddy ficken. das objekt würde jetzt wieder schreien, dass das selbstverletztendes verhalten sei. aber das objekt kann mich mal. kürzlich schickte es mir eine anfrage, ob ich es nicht am wochenende in den swingerclub begleiten möchte. ich schrieb ihm zurück, dass ich bezweifle, dass es mich dafür angemessen bezahlen könne. seither herrscht humorbefreite funkstille.

die lederjacke ruft mich plötzlich nach monaten doch wieder an und tut, als wäre nichts gewesen. nach zwei minuten fragt sie, ob ich eine wohnung für ihren kriminellen bruder wüsste, der dringend die stadt wechseln muss. so schnell ist man also wieder en vogue. ich nutze die situation eiskalt aus und verpflichte die lederjacke als packesel beim schwedischen möbelgiganten. ich entwickle meine kernkompetenz "berechnendes arschloch" also doch noch.

apropos kernkompetenz, ich habe mal wieder ein vorstellungsgespräch. bei einem kirchlich getragenen unternehmen. ich musste ein wenig grinsen, als ich telefonierte, konnte aber nicht laut lachen, denn die kollegen hörten mit. also tat ich, als handle es sich um einen kunden und vereinbarte fix einen termin. man wird sehen.

die egalitätsgrenze verschiebt sich derzeit stark nach oben. vielleicht kiffe ich auch nur zu viel.

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Montag, 25. August 2014
let´s go criminal!
im briefkasten befindet sich ein umschlag mit post von der staatsanwaltschaft hamburg - und ich erleide den schock zum montag. jetzt ist es also soweit, schießt es mir durch den kopf, offenbar hat irgendwer mal deine kreditkarte unter die lupe genommen und deine kleinen importgeschäfte entdeckt oder deinen downloadtraffic genauer überprüft. verdammt.

ich überlege, ob ich den umschlag öffnen soll. ich könnte auch wieder "empfänger verstorben" draufschreiben wie bei der gez und das ganze zurückschicken, dann meine koffer packen und untertauchen. aber irgendwie will ich auch wissen, was man mir vorwirft. also fetze ich den umschlag auf und ziehe ein blatt papier heraus. darauf steht in fetten lettern: "diebstahl in besonders schwerem fall".

mein herzschlag setzt aus. ich habe doch gar nichts geklaut! ich bin in einen kafkaschen prozess geraten, jemand will mich für etwas drankriegen, was ich gar nicht getan habe!

dann lese ich weiter. und dann steht da "fahrrad". und mir wird klar, dass ich hier gar nicht die beschuldigte bin. sondern dass mir die bullerei lediglich mitteilt, dass das verfahren wegen meines geklauten rads eingestellt wird, weil der täter nicht ermittelt werden konnte.

uff.

dann aber ärgere ich mich. wollen die bullen mir etwa weißmachen, dass da jemals ernsthaft gesucht wurde? und das, wo fahrraddiebe in hamburg zu einem echten problem geworden sind? aber offenbar ist die koexistenz der bullerei und diebe in hamburg so friedlich wie die der bullerei und dealer in berlin. 10,3 prozent aufklärungsquote, sagt der adfc.

da fragt man sich: was treiben unsere freunde und helfer eigentlich so den lieben langen tag? die aufklärungsquote bei diebstahl allgemein liegt bei rund 20 prozent, bei einbrüchen nur bei 15 prozent. da bekommt man richtig lust, kriminell zu werden, denn das risiko erwischt zu werden ist marginal. wenn man sich da halbwegs clever anstellt, hat man ein schönes leben.

hat hier zufällig jemand ein cashflow-problem und lust auf organisierte kriminalität?

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Sonntag, 24. August 2014
kollisionskurs
das objekt schickt eine nachricht, die sich liest wie eine einladung zum prä-clubbingmäßigen vorglühen. doch als ich um 23 uhr klingle, öffnet mir ein erstauntes objekt die tür:
"du kannst doch nicht einfach so hierher kommen!"
"na hör mal, du hast mir doch geschrieben..."
"aber das doch nur so allgemein! was wäre denn, wenn die gespielin jetzt da gewesen wäre?!"
"dann kommuniziere halt klarer!"

zunächst ist es mir peinlich, das objekt so überrumpelt zu haben. dann denke ich, na und, soll es sich mal nicht so anstellen. die gespielin weiß, dass wir uns kennen und dass wir beide in den club gehen, also warum sollte ich das objekt nicht mal zum ausgehen abholen? außerdem hat die gespielin nachtschicht, und da sie inzwischen in derselben klinik arbeit wie das objekt, kann sie nicht nur das objekt noch besser kontrollieren, sondern weiß das objekt auch ganz genau über schichtanfang und -ende bescheid. überraschungen ausgeschlossen.

das objekt beruhigt sich nach wenigen minuten wieder und scheint sich dann doch zu freuen, dass ich da bin. wir setzen uns an den küchentisch und rauchen noch eine. es beginnt ein stockendes gespräch.
"ich habe gestern drei bewerbungen abgeschickt", sage ich.
"klasse. wo haste dich denn beworben?"
"überall."
"aha."
ich zucke die schultern.
"du hast ja damals auch gesagt, dass du es gut fändest, wenn ich hier endlich weg bin."
das objekt reißt die augen auf:
"DAS soll ich gesagt haben?!"
"ja."
"niemals habe ich SOWAS zu dir gesagt."
"doch, an dem abend, als wir uns auf der straße begegnet sind, weißt du nicht mehr?"
"das hab ich bestimmt nicht so gemeint."
"ich hab dir von einem bewerbungsgespräch in berlin erzählt, und dann hast du das gesagt."
"das kann ich mir nicht vorstellen, das hab ich bestimmt in einem anderen kontext gemeint."
"hör mal, ich weiß sehr genau, dass du das genau so gesagt hast, und an den kontext erinnere ich mich ausgezeichnet, weil solche sätze gehen bei mir sehr, sehr tief und da denke ich sehr lange darüber nach."
das objekt schweigt betreten, dann machen wir uns auf den weg.

im club betrinke ich mich bis zum umfallen. es graben mich zwei typen an, ein unternehmensberater mit einer hässlichen hysterischen lache und ein anderer, der aber schnell wieder aufgibt. als der unternehmensberater mich in eine ecke zieht und die hände unter mein oberteil schiebt, greift das objekt ein. der unternehmensberater lässt daraufhin von mir ab:
"ey, ist das dein freund?!"
"exx..lover."
"dafür ist der aber ziemlich unentspannt!"
"der mussich gaaa nich so habn... der hat selba... ne freunnnndnn", sage ich provokant in objekthörweite.
das nimmt der unternehmensberater als aufforderung, mir an die titten zu gehen.

das objekt registriert das aus den augenwinkeln, dreht sich noch einmal um, packt den typen unsanft und schubst ihn beiseite. dann zieht es mich an die bar und schiebt mir einen hocker unter den arsch.
"ey, wassss solln das...", wehre ich mich.
"du bist total breit, du schnallst doch gar nicht mehr, was du willst! und du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass du von diesem idioten befummelt werden willst!"
"na unnnn... er hatmia aba wassu trinkn ausgegemmm."
"wenn der auch nur baumschulen-iq gehabt hätte, hätte er dir ein wasser gekauft."
ich muss kichern wegen dem baumschulen-iq, merke aber auch, dass das objekt jetzt sauer wird.
"jezzz... enspann dichma... willzu noch was suuu trinkn?"
das objekt schüttelt den kopf. ich winke dem barkeeper mit meinem glas:
"machsssu mia nochso ein?"
das objekt gestikuliert:
"sie braucht ein wasser."
der barkeeper schmunzelt und versteht und schiebt mir ein wasser hin.
ich schaue das objekt beleidigt an:
"spiel dich nich so aufff...du machs mia den gannzn ammmd kaputt!"
jetzt platzt dem objekt der kragen:
"nee! du machst mir meinen kaputt!"
dann stürmt es richtung tanzfläche.

ich suche mir einen platz auf der couch und lasse mich in die polster sinken. ich bleibe sitzen, bis ich mich wieder klarer fühle. dann gehe ich tanzen, bis das knie schmerzt und die kleidung schweißnass an mir klebt.
als ich von toilette komme, treffe ich das objekt noch einmal.
"tut mir leid wegen vorhin", sage ich.
"gehts dir wieder besser", will das objekt wissen.
"ja. ich werde gleich nach hause."
das objekt nimmt mich in den arm.
"hab ich das damals wirklich so gesagt, dass ich es gut finde, wenn du weg bist?"
ich nicke.
"aber ist schon in ordnung, du hast ja recht damit. hier gibts keinen platz für mich. und du hast auch keinen platz für jemanden wie mich in deinem leben. ich weiß ja noch nicht mal, ob ich überhaupt so für das leben gemacht bin. ich pass hier nicht rein. nirgends."
das objekt starrt mich wortlos ab.
"ich starte jetzt so meinen letzten versuch, weißte, mit diesem ganzen bewerbungsmarathon. aber wenn sich so in den nächsten monaten nichts ergibt... also noch ein weihnachten mach ich so nicht mit."
"du meinst...", stammelt das objekt schockiert.
ich nehme es in den arm.
"hör mal, wenn es passiert, mach dir bitte keine vorwürfe. es ist meine entscheidung. was willst du denn mit mir, du hast dich für die gespielin entschieden. und ich will nicht deine patientin sein. das ist eine ganz doofe rolle."
"du bist doch nicht meine patientin."
ich löse meine umarmung.
"aber eben auch sonst nichts anderes. schau mal, wir haben so unseren kleinen gemeinsamen nenner. da driftet ab und an ein wenig warmherzigkeit zu mir rüber. das ist schön und hilft mir, so durch die nächsten tage zu kommen. dafür bin ich dankbar, aber ich weiß auch, mehr ist da nicht. wir werden auch nie zusammen irgendwo leben. weil du das gar nicht willst."
das objekt starrt mich nur an und weiß nicht, was es sagen soll.
ich schlüpfe in meinen mantel und gebe ihm einen kuss auf die wange:
"tschüß."

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