Mittwoch, 13. August 2014
peak
wenn sich alles in meinem leben so exorbitant steigern ließe wie meine demotivation.

wenigstens das a-amt ist auf meiner seite, was meinen ausbeuterischen arschloch-chef betritt. das zu wissen tut schon mal gut. und gut, dass ich den mumm hatte, diesen sack an himmelschreienden ungerechtigkeiten einmal aufzumachen.

ansonsten mit dem mitinsassen von fernen kontinenten träumen.

wish me luck.

ich bin zu absolut allem bereit.
theoretisch.

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Sonntag, 10. August 2014
zärtliche parasiten
der anruf kommt unerwartet gegen mittag. ein ehemaliger mitinsasse, der mich schon während meiner zeit drinnen mit großen augen verfolgt und mir einmal gestanden hatte, dass ich für ihn ein faszinierendes wesen sei.

heute hat er freigang und fragt, was ich so mache. wie immer habe ich keine sonntagspläne, außer dass ich auf mein spar-mittagsmenu vom lieblings-asiamann warte - das kulinarische highlight meiner woche, mangels anderweitiger highlights.

"ich könnte in einer halben stunde bei dir sein", sagt der mitinsasse.
"äh", sage ich und denke: der will bestimmt ficken.
"also nur wenn du willst", beschwichtigt der mitinsasse.
"wir könnten ja spazierengehen", schlage ich leicht hysterisch vor.
"das können wir doch auch nachher noch entscheiden", sagt der mitinsasse sanft.

nachher. nach dem fick?
ich bin skeptisch. anderseits: den ganzen sonntag alleine rumhängen? ich lausche in mich hinein. ein fick ist immer noch eine erträgliche dosis nähe, oder nicht? und wenn es nicht läuft, schicke ich ihn eben weg.
"okay", sage ich.
"schön", freut sich der mitinsasse.
herrimhimmel. ich sollte mal nein sagen lernen.

kurz darauf klingelt es an der tür. ich öffne und bin dann von mir selbst überrascht, denn ich freue mich. der mitinsasse tritt ganz langsam ein und zieht im flur die schuhe aus. wow. gut erzogen. das gefällt mir.
"bei dir siehts ja aus wie bei mir", sagt er, als er sich langsam umsieht.
"echt? lebt du auch im sperrmüll und so spartanisch?" versuche ich witzig zu sein.
"das ist nicht spartanisch, das hat stil", findet er.
aha.

er setzt sich in meinen besuchersessel, während ich tee mache. alkohol darf er nicht, wird ja in der klapse streng kontrolliert.
dann sitzen wir zusammen und reden über dies und jenes. es ist angenehm. ich entspanne mich langsam. vielleicht ist er ja doch nicht nur zum ficken gekommen.

als wir am fenster stehen und ich von meinem horror-volontariat erzähle, nimmt er mich unvermittelt in den arm. ganz ruhig und ganz sacht. ohne die hände wandern zu lassen wie andere es immer tun, um meinen hintern zu befummeln oder meine brüste zu betatschen. ich atme tief ein und aus. und werde ruhig. die anspannung fällt von mir ab. für einen moment brennen tränen der dankbarkeit hinter den augäpfeln, aber sie bleiben unsichtbar, trocknen. ich atme ein und aus im takt mit meinem besucher.

als wir uns lösen, sagt keiner etwas. es ist klar, diese umarmung war ein geschenk, mit dem wir uns gegenseitig beschämt haben.

wir gehen dann doch spazieren. aus einem impuls heraus führe ich den mitinsassen ins moor. wir sitzen am wasser und beobachten die enten, während die enten uns beobachten, ob wir nicht doch gleich etwas essbares aus der tasche ziehen.
"soll ich mal was gemeines machen" frage ich.
der mitinsasse nickt.
ich raschle mit einer packung taschentücher. daraufhin stürzen von überall enten aus den büschen und versammeln sich vor unseren füßen.
"das ist ein agentur-trick", erläutere ich. "man verspricht eine belohnung, woraufhin sich das team beide beine ausreißt, und wenn der erfolg eintritt, nimmt man alles zurück."
der mitinsasse schaut mich lange an.
"dir ist viel scheiße passiert, was?"
"kann man so sagen. obwohl ich nicht behaupten möchte, das meine scheiße so wahnsinnig viel schlimmer ist als die der anderen."
da legt der mitinsasse seinen arm um mich, und ich krieche hinein.

später stehen wir an der u-bahn. ich ertappe mich, dass ich breit grinse.
"das war eine gute idee, dass du vorbeigekommen bist", sage ich.
"finde ich auch", strahlt der mitinsasse. "mir gehts gerade richtig gut."
"mir auch."
"sehen wir uns wieder?"
ich nicke.

dann drehe ich mich um und gehe. der mitinsasse winkt noch einmal vom gleis, ich winke zurück. und kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte mal so wohlgefühlt habe.

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nadelöhr
party-versuch. ich tauche gutgelaut ins nachtleben, aber kaum bin ich unter leuten, schlägt die soziale lähmug zu. ich klebe in der ecke, sauge an einer zigarette und bin nicht in der lage, ein bier zu bestellen. los jetzt, du dumme kuh, sage ich mir, aber die dumme kuh will nicht vom eis.

aus der menge löst sich der architekt und grüßt mich. die soziale lähmung lässt nach einigen sätzen nach.
"wie findest dus heute", will der architekt wissen.
"nicht so pralle", sage ich. die lieder sind alle tausend mal gehört, die leute sind schrecklich besoffen oder schrecklich hässlich oder beides, und ich bereue es, den weg hierher gemacht zu haben.
"du warst aber schon länger nicht mehr hier", stellt der architekt fest.
"ich war sozusagen nicht in freiheit."
der architekt schmunzelt.
"klingt, als wärst du im knast gewesen."
"so ähnlich. psychiatrie. so richtig mit nicht rausdürfen und so."
"warum denn das?"
"ich habe ein bisschen zu überzeugt vorgehabt, mich aus diesem leben davonzumachen."
der architekt guckt und guckt und weiß offenbar nicht, was er sagen soll.
"du musst das jetzt nicht kommentieren", nehme ich ihm die verlegenheit.
"äh ja. menschen sind schon seltsam", sagt er dann.
"definitiv. und man steht als seltsamer auch immer auf verlorenem posten."

der architekt schweigt und nuckelt an seinem bier.
"ich würde ja gern mal wieder knutschen", sagt er dann.
"ich stehe nicht zur verfügung", sage ich lächelnd. "außerdem wär das langwilig, du hattest mich ja schon."
"das wäre jetzt meines erachtens kein hindernis."
"ich weiß. aber für mich schon. ich habs satt. ich will nicht so einen luftikus. ich will einen menschen, der mich für ein bisschen länger erträgt als für eine zufällige begegnung."
der architekt wiegt den kopf.
"verständlich."

wir lehnen an der wand und schauen in die menschenmenge.
"da ist heute aber auch nix, was man knutschen könnte", finde ich.
"mann oder frau, was meinst du?"
"beides. ich bin bi, ich hab immer den blick auf beides."
der architekt lächelt.
"menschen sind schon komisch", sagt er noch einmal, und dann:
"aber ich mag das."
"ich mag das nicht mehr so, obwohl es auch interessant ist."
"was meinst du?!"
"nunja, es zieht mich an. es ist nicht langweilig. aber gleichzeitig... mag ich nicht mehr. ich hab mich so von den menschen verabschiedet, großtenteils. obwohl ich vermutlich süchtig bin nach begegnungen."
der architekt schaut verwirrt.
"das ist ein krasser grenzgang. wenn es die ganze welt gibt voller menschen, für mich gibts nur ein nadelöhr. das ist unheimlich schwierig", sinniere ich.

der architekt gibt das verstehenwollen sichtlich auf und schnorrt ein zigarette.
"ich werde gleich gehen", kündige ich an.
der architekt nickt.
"obwohl du ja gerade erst gekommen bist."
"nicht mein abend", erwidere ich.
"kannst du mir einen gefallen tun", fragt der architekt noch, und ich denke, was für einen gefallen, und träume einen augenblick davon, dass er sagt, bitte bring dich nicht um.
"gibst du mir noch ein zigarette für später?"
ich muss lächeln, weil ich so absurd denke, und gebe dem architekten die ganze schachtel.
"da."
der architekt guckt wieder verwirrt.
"ist okay", sage ich.

dann gehe ich.
ohne mein nadelöhr gefunden zu haben.

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Donnerstag, 7. August 2014
heaven without honey
mein sommer ist wie honig, der in einem langgezogenen goldenen faden schwerfällig-versiegend von der tischkante tropft.

geduld, ihr kleinsten vögel, ihr schmetterlinge. keine verschwendende bewegung, kein vorschnelles hüpfen und hoffen, keine flucht mit federlosen schwingen.

lasst den späten sonnengott noch ein wenig über die lider flirren, die wie warmes wachs die augäpfel bedecken. bäumchen schüttle dich, bäumchen rüttle dich, wirf schlaf und stille über mich.

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Dienstag, 5. August 2014
titanic
ich arbeite wieder. gegen ärztlichen rat. gegen mein gefühl. weil ich angst habe, diesen fucking job zu verlieren. wobei da ja nicht allzu viel verloren wäre.

seit halb sechs uhr morgens komme ich mir vor wie die titanic, die auf ihren eisberg zuläuft. das objekt ruft an, nachdem ich ich s.o.s. gefunkt habe und kackt mich ein bisschen an. vielleicht ist da ja gar kein eisberg, meint es, und wenn das wasser kalt ist, soll ich einfach ein bisschen schneller schwimmen.

keine angst, sagt es zum abschied. keine angst.

wenn das alles so einfach wäre.

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Sonntag, 3. August 2014
baumgarten reloaded
gegen acht klingelt das objekt an.
"ich habe jetzt gleich arbeit aus... und du wolltest doch noch eine aussprache. ich dachte, wir könnten uns doch hier in den park setzen, weißte, wo wir im winter waren?"

20 minuten später treffen wir uns am besagten heiligen ort. das objekt kommt gerade angeradelt, als ich die zelte im übertragenen sinne aufschlage und schon mal den tabak auf dem paper ausbreite. ich bekomme eine bärenumarmung, dann plumpst das objekt auf die bank, schleuert die tasche von sich, trennt das arbeitsschildchen von der kleidung und zieht das hemd über dem t-shirt aus.
"schön, dass das so spontan geklappt hat!" findet es und beugt sich dann herüber, um gras auf den tabak zu krümeln.

ich sitze in der pheromonwolke, die glücklicherweise rasch von einer brise warmem sommerwind davongetragen wird, und fühle mich angespannt. nach einigen zügen und mit zunehmender entspannung sucht das objekt nach worten und macht den anfang unserer unterredung.
"morphine, ich möchte dir sagen, dass ich eigentlich gar nichts zur aussprache beitragen kann, weil von meiner seite aus im grunde alles in ordnung ist. ich mag dich, du bist ein wunderbarer mensch, und ich bin froh, dich zu kennen."

ich merke, wie die wut in mir hochsteigt.
"und zum thema urlaub? hast du dazu auch nichts zu sagen?"
"es tut mir leid, dass es nicht geklappt hat..."
"ach."
"ich wollte nicht mit der gespielin fahren. echt nicht. ich hatte den urlaub sogar noch mal verschoben und es geschafft, dass sie nicht mitkonnte. aber dann hat sie solange ihren dienst getauscht, bis es doch möglich war. ich war total durch den wind wegen diesem ewigen hin und her. ich wusste bis zum tag vor der abfahrt selber nicht, was werden würde. ich war sogar regelrecht traurig und hätte gedacht, dass die gespielin das merkt und mich wenigstens fragt, willst du vielleicht lieber allein fahren, ist das überhaupt okay für dich, dass ich dabei bin?"
"du armes opfer deiner beziehung."
das objekt schaut nervös.
"ich weiß, ich hätte es ihr sagen müssen, dass ich mit dir fahren wollte. ich hab mich nicht getraut und ich habe das den ganzen urlaub lang bereut. es tut mir wirklich leid, ich habs nicht übers herz gebracht und dachte dann, na ist ja sowieso alles zu spät."

ich schaue das objekt an, das vage richtung teich blickt. schöne worte mal wieder.
"du hast mir sehr wehgetan, und ich will, dass du das weißt."
das objekt schaut mich kurz verzweifelt an.
"deshalb bin ich ja so. deshalb will ich dir auch nicht näher kommen. ich tu dir bloß weh. die distanz ist die einzige möglichkeit, dich vor mir zu schützen."
ich bin verwirrt.
das objekt fährt fort:
"ich versuche immer, dass du mich nicht zu fassen bekommst. weil du schaffst das leicht, manchmal selbst wenn ich die distanz halte... du kannst mich erreichen und berührst dann so punkte... du rüttelst an meinem ganzen system. deshalb vermeide ich es, dir nah zu kommen."
das objekt hat angst vor mir. und vor seinen gefühlen in unserem kleinen kosmos. endlich habe ich meine theorie durch das objekt höchstpersönlich bestätigt.
"trotzdem war das echt scheiße von dir", sage ich.
"wirklich, es tut mir so leid", beteuert das objekt und starrt dann wieder zum teich rüber.

dann sagt es zögerlich:
"ich habe in drei wochen noch mal ein paar tage urlaub."
"schön für dich, ich nicht", sage ich barsch.
das objekt kaut auf seiner unterlippe.
"wir könnten doch dann wegfahren. so du und ich. die gespielin muss arbeiten, das steht fest."
"ich muss auch arbeiten. wie stellst du dir das vor?! außerdem, woher weiß ich, dass dus ernst meinst?"
das objekt hibbelt nervös auf der bank. ich fahre fort:
"und wie kommst du überhaupt darauf, dass ich noch mit dir da hinfahren will? mal im ernst, vielleicht bin ich ja froh, dass ich das inzwischen gar nicht mehr möchte."
meine stimme bebt, ich spüre neben der wut auch tränen hinter den augen drücken.

das objekt streckt den arm nach mir aus und zieht mich an seine brust.
"ich hab mich wegen dir so furchtbar gefühlt, dass es mir den halben urlaub versaut hat", fahre ich fort und komme mir dann doch mies vor, da ich ja gar nicht weiß, ob es mir mit dem objekt und dem sohnemann wirklich so gut oder besser gefallen hätte.

das objekt streichelt mich ein wenig hilflos und findet keine worte mehr. dann dreht es einen zweiten joint und danach einen dritten.
"ich wünschte, ich könnte das alles ungeschehen machen."
"kannst du nicht."
"aber denk doch noch mal drüber nach. vielleicht wäre das eine option. wir könnten alles nachholen."
"und dann sagst du zwei tage vorher ab?"
"nein. echt nicht."
ich hole tief luft:
"dann denk du doch erstmal drüber nach, was du tun kannst, damit ich dir das glauben könnte. wenn du es dir schon so sehr wünschst."

fünf minuten später stehen wir am ausgang des parks, nicht versöhnt, aber um einiges unaugesprochenes erleichtert. nach einer umarmung radelt jeder in seine richtung durch eine sternklare sommernacht. jeder stern eine hoffnung, habe ich früher immer gesagt. heute sage ich, alles nur blendwerk längst verloschener sonnen.

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