Sonntag, 22. Dezember 2013
weihnachtsgeschenk
party. das objekt hat zuvor noch angerufen, um zu fragen, ob ich gehe, und um mir mitzuteilen, dass es auch gerne gehen würde, aber die vermietergespielin mache terz, das objekt soll zuhause bleiben, weil sie krank ist.
"wenn die alte krank ist, soll sie schlafen", finde ich. "und dazu braucht sie dich doch nicht."
das objekt druckst eine weile herum und gibt letztendlich zu, dass er sich dem diktat wahrscheinlich beugen werde.
"muss wahre liebe schön sein", sage ich spöttisch und böse, und das objekt ist eingeschnappt, weil ich mal wieder den finger in den wunden punkt gehalten habe.

ich habe trotzdem spaß, denn ich habe freie flirtbahn. zunächst lerne ich einen etwas älteren typ kennen, der mir schon seit geraumer zeit aufgefallen war, weil er schön und prollig zugleich ist, diese rudimentäre "hey baby"-stammtisch-schönheit, wenn sie verstehen, was ich meine. ich weiß, dass er verheiratet ist, seine frau ist heute auch dabei, und irgendwer hatte mal erzählt, sie sei fleischerin, was sehr gut zu ihr passt. sie sieht sehr streng und rüde und zupackend aus und macht mit dem hackebeil zwischen am haken schwingenden schweinehälften bestimmt eine gute figur.

ihr mann spendiert mir eine whiskey cola nach der anderen und labert mir eins an die backe. ich finde ihn sympathisch, mehr nicht. doch als wir blau sind, beginnt er unerwartet, mir komplimente zu machen und mich zu küssen.
"aber deine frau ist doch da", wage ich anzumerken.
er macht nur eine abwehrende geste, bis die olle vor uns steht, zur furie mutiert. ich habe angst, dass sie gleich das schlachtmesser zückt, also renne ich erstmal aufs klo, damit der typ die lage beruhigen kann.

immer die gleichen scheiß-situationen. immer diese eifersüchtigen, besitzergreifenden weiber. die welt könnte so schön sein ohne frauen, denk ich mir manchmal, auch wenn ich selber eine frau bin. ich unterhalte mich mit dem architekten darüber.
"es gibt nunmal jäger und sammler", doziere ich besoffen. "die meisten männchen sind jäger und die meisten weibchen sind sammler, aber das ist nicht immer so. ich bin beipielweise auch ein jäger und ich find das so kacke, dass immer sammler dazwischen kommen und mir die beute grabben wollen. und zwar nicht, weil sie schöner und intelligenter oder sexier wären. sondern weil sie ein konstruiertes recht geltend machen. das führt den sozialdarwinismus ad absurdum!"
der architekt guckt verwirrt und kann mir nicht folgen, aber ich kann mir selber auch nicht mehr ganz folgen. alles was ich habe, ist eine stinkwut auf die gesellschaft mit ihren blöden normen und auf die blöden weiber allethalben.

in der ecke sitzt ein typ mit eckiger intellektuellenbrille und beobachtet meine aufgebrachte rede und mein besoffenes gestikulieren. weil ich noch immer in rage bin, gehe ich hin und frage:
"is was?!"
er schüttelt schüchtern den kopf und lächelt dann ein winziges sympathisches lächeln.
ich stapfe wieder zurück, trinke mein glas leer, jetzt bloß kein alkohol mehr, dann drehe ich ab in richtung tanzfläche.

weil ich wegen des knies nicht tanzen kann, sitze ich am rand der tanzfläche und wippe mit den beinen. keine fünf minuten später taucht der brillentyp auf, setzt sich zu mir und lächelt mich wieder an. ich habe ein sympathisches kribbeln im bauch, der findet mich gut, der findet mich gut, jubiliert das herz, das depressionsbedingt ständig mit selbstzweifeln kämpft, und weil ich ausnahmsweise mal so gelöst bin, nehme ich den typ einfach an der hand und zerre ihn zur bar.
"was willst du trinken?"
der typ guckt sehr überrumpelt.
"äh..."
die bedienung beugt sich über den tresen.
"hi, was möchtest du haben?"
ich bin plötzlich zögerlich, denn der gedanke an noch mehr alkohol verursacht mir brechreiz. auch mein neuer bekannter guckt noch immer verwirrt. die bedienung wird ungeduldig.
"einen kirschsaft", sage ich schnell.
"ich auch", schließt sich der typ an.

dann sitzen wir da und nippen an unserem saft.
"was ich an kirschsaft so mag, ist diese farbe", sage ich zusammenhangslos.
"ah", sagt der brillentyp.
dann schauen wir uns wieder an und grinsen wie die osterhasen.
"ich bin dir total dankbar, dass du mich angesprochen hast", sagt der typ dann. "ich hätte mich nämlich nicht getraut. und was für eine geste! das hatte was."
"ach, ich bin auch total schüchtern", sage ich lakonisch.
"echt?!"
"ja. ich finde mich nicht hübsch oder clever oder so."
"du wirkst aber gar nicht so."
"gute maske, ne?!"

der brillentyp grinst. was ich beruflich mache, will er wissen. ich sage es ihm und frage dann nach seinem job, wenn wir schon bei den heiratsrelevanten eckdaten sind.
"ich bin therapeut."
"was für einer denn?"
"in einer psychiatrie."
ich lache mich halbtot und der therapeut schaut schon wieder verwirrt.
"herzlichen glückwunsch, du unterhälst dich gerade mit deiner klientel", sage ich.
"ach was?"
"ja, leider. soll ich gehen? ist ja langweilig für dich."

und plötzlich habe ich die arme des therapeuten um meine mitte. wir hören auf zu lächeln. ich bekomme angst. aber der therapeut riecht gut. er riecht richtig. er riecht so, dass ich mich einfach in diese arme sinken lasse und den kopf auf seiner schulter ablege, gerade so, als kannten wir uns schon ewig. dann küssen wir uns. und die welt um mich herum versinkt.

es fühlt sich gut an, aber meine angst vor nähe bricht immer wieder durch. er merkt das.
"ich hab so ein nähe-problem", gebe ich zu.
"ich bin auch depressiv, wenn dir das irgendwie hilft", lächelt der therapeut.
ich bin perplex:
"wie geht das denn, therapierst du dich dann selber?"
"ich hab alles an medikamenten genommen, was es gibt. aber nichts hat geholfen. das kann vorkommen, rund 20 prozent meiner patienten profitieren einfach nicht von medikamenten."
"oh mann, das ist nicht leicht."
"depressionen sind generell nicht leicht, egal ob mit oder ohne. aber man kann sehr viel lernen und sich strategien aneignen, mit denen man anderen menschen dann überlegen ist."
"das finde ich auch!"
"leider tröstet das nicht, oder?"
"nee. höchstens ganz selten."
"ganz, ganz selten."
"ich wäre manchmal gerne einfach normal."
"das ist nicht dein ernst."
"nein. aber es gibt so momente. da möchte ich eine glattgebügelte persönlichkeit sein, die dem leistungsprinzip dieser gesellschaft nacheifert, hübsch 1,4 kinder wirft und samstags in die innenstadt geht, um ordnungsgemäß zu shoppen. und die darüber nicht nachdenken muss, ob das richtig so ist."
der therapeut lacht und schaut mich offenherzig an.

ich beschließe, meine nähe-angst vorläufig aufzugeben und einfach sitzenzubleiben, hier, in der wärme, unter den zärtlichen, forschenden blicken des therapeuten. er streichelt meinen rücken und meine schultern und küsst meine wangen, meinen hals und meine lippen. und so verharren wir, bis es halb sieben uhr morgens ist und der tanztempel schließt.

draußen stehen wir noch lange beisammen.
"ich wohne hier gleich um die ecke", sagt der therapeut. "wenn du möchtest, kannst du gerne mitkommen."
"nee", sage ich. "ich bin nicht so die frau für die erste nacht."
"so war das nicht gemeint."
"egal. ich muss nachhause. echt. ich kriege morgen nachmittag besuch."
"okay, dann..."
"dann..."
"gibst du mir deine telefonnummer?"
"klar."
wir tauschen nummern und nehmen uns dann ein letztes mal in die arme.

im bett kann ich lange nicht einschlafen. was hab ich mir da bloß geangelt? mann oder memme, würde das objekt fragen. wird er anrufen? frage ich mich. wird er? oder ist er wie alle anderen?

der therapeut ist ein bisschen wie ein weihnachtsgeschenk. noch unausgepackt. mit rätselhaften inhalten. wir werden sehen,ob es grund zur freude geben wird.

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Donnerstag, 19. Dezember 2013
geste
auf meinem büro-tisch liegt ein geschenk. es ist marzipan und ein kleiner silberner schutzengel. von meinem cheffe. er meint, ich könnte sowas brauchen. dringend.

den ganzen tag dieses lächeln nach innen getragen.

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Montag, 16. Dezember 2013
leben
und dann durchlebe ich die längsten 32 minuten ever im wartezimmer der unfallchirurgie. das herz schlägt bis zum hals, hände und beine zittern unkontrolliert, ich schwitze wie ein schwein. ein alter mann im rollstuhl schaut mich mitleidig an, dann widmet er sich wieder seiner zeitschrift.

der junge blonde chirurg kommt mit unbewegter miene herein, bittet mich in sein zimmer, setzt sich, entschuldigt sich für einen systemfehler, die patientenakten seien daher derzeit nur begrenzt einsehbar. als er dann den blick hebt und den mund öffnet, habe ich das gefühl, gleich ohnmächtig werden zu müssen.

dann beginnt er endlich zu sprechen:
"ihre knochen sind frei von metastasen. auch die veränderungen im knie sind unauffällig, das heißt, wir können mit 99 prozentiger wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es sind um ein osteofibrom und nicht um ein osteosarkom handelt."

und alle weihnachtsglocken läuten für mich.

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edit

die erste nummer, die ich nach dem befund wähle, ist die des objekts. es hat mich am mittag extra noch einmal angerufen, um mir zu sagen, dass es gewissermaßen auf abruf stehe, egal, wie die endgültige diagnose aussieht. als ich anrufe, ist es gerade dabei, mit dem sohnemann die treppen zu seiner bruchbudigen wohnung zu erklimmen.
noch bevor es etwas sagen kann, rufe ich:
"gut! es ist gutartig!"
dann höre ich ein poltern und die leitung ist tot. eine minute später ruft mich das objekt zurück:
"mir sind eben zehn tausend tonnen steine vom herzen und das telefon ins treppenhaus gefallen."
im hintergrund kreischt der sohnemann:
"und ich habs geholt! ich habs wieder hochgeholt!"
"ach morphine", fährt das objekt fort, "das ist so wunderbar, es freut mich so für dich. du hast das verdient."
"ich freu mich auch wie irrsinnig."

dann betritt das objekt offenbar die wohnung und sagt zu seinem lütten:
"der papa telefoniert jetzt und du beschäftigst dich erstmal alleine, ja?"
"okay", piepst die kinderstimme, dann geht eine tür und das objekt widmet mir wieder seine aufmerksamkeit.
"und wie fühlst du dich jetzt?"
"wie wenn ich auf nem gleis gelegen hätte und ein güterzug auf mich zugerast wäre... und jemand hat ihn in letzter sekunde aufs nebengleis gefahren."
das objekt lacht.
"und hast du auch was mitgenommen an erkenntnissen aus dieser zeit?"
"hm, also ich habe überrascht festgestellt, dass ich keine angst vorm tod habe. also vorm sterben schon... vor dem wie und vor allem dem wie lange... aber tot zu sein wäre okay gewesen. wenn die heute gesagt hätten, sie haben 25 metastasen und das lohnt sich alles nicht mehr, hätte ich mir mein morphium abgeholt und wäre fein gewesen. das hat, glaub ich, auch damit zu tun, dass ich so viel über selbstmord nachgedacht habe. in dem fall hätte mir das schicksal das eben aus der hand genommen."
"da siehst du mal, depressiv sein hat manchmal auch einen vorteil", sagt das objekt.
"ja, mann, wer hätte das gedacht! ich bin privilegiert mit meiner arschkarte!"
wir lachen beide.

"und hast du auch was schönes erlebt in dieser zeit? was würdest du für dich festhalten?"
was für eine frage. eine typische objekt-frage.
"das war alles sehr intensiv. die angst und die traurigkeit... aber auch die schönen momente. der sex neulich bei dir oder unser spaziergang... ich hab das alles ganz anders wahrgenommen. einzigartig und kostbar und vielleicht ohne die möglichkeit einer wiederholung."
ich stocke, weil ich angst habe, zu viel gefühlsduselei zu evozieren, aber das objekt atmet nur ganz tief und sagt:
"ging mir auch so."
wir schweigen eine weile, dann fängt der akku des objekts an zu piespen.
"verdammte scheiße", flucht das objekt. "willst du mir noch was sagen? was wichtiges?"
was meint es bloß? ich rätsle und entscheide mich dann für die version kleiner feigling:
"ich würde dich gern zum essen einladen. so richtig feudal. wenn du magst und du zeit hast."
"oh!" das objekt, das mindestens so verfressen wie meine katze und für kulinarische experimente immer aufgeschlossen ist, ist hocherfreut.
"kochst du?"
"äh, nö. weil das könnte unangenehm werden und das wäre nicht sinn der sache. ich hatte an essen gehen gedacht. du darfst auch gerne was aussuchen."
"dann bin ich für... was muscheliges."
"hä?!"
"auster?"
ich stehe auf der leitung, bis sich das objekt kaputt zu lachen beginnt.
"ach, ich verstehe. du meinst so... wiener würstchen in auster an frischen eiern?"
"genau. gerne auch als nachtisch. nur für das wiener würstchen müsste ich dir jetzt eigentlich die nippel langziehen."
"scheint, als hättest du aus dieser zeit auch was mitgenommen."
"genau. das leben ist zu kurz, um auf sex mit morphine zu verzichten."
"dann meld dich doch einfach, wann es dir passt."
"mach ich. und du schick ab und an mal ne brieftaube, falls du in den süden fährst."
"aye-aye."
"braves mädchen. bis bald."
"ciao."

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Sonntag, 15. Dezember 2013
im baumgarten
am samstag gegen mittag schreibt mir das objekt, dass es wegen der angespannten lage erst um 16 uhr rauskommt. wenn ich will und kraft habe, darf ich bei seiner arbeit vorbeikommen und dann würden wir im park spazierengehen. ich freue mich trotz allem wie irr und schreibe, dass ich da sein werde. das objekt mahnt mich, mit dem bus statt mit dem fahrrad zu fahren, weil es glaubt, dass ich derzeit zu durcheinander sei, um mit dem straßenverkehr klarzukommen. ich, die ich nicht weiß, wie lange ich noch radfahren können werde, sehe das anders.

um viertel vor vier stelle ich mein rad an der klinik ab und begebe mich durch den gebäudedschungel zu dem neubau, wo das objekt arbeitet. es ist kalt und neblig und ich verfluche mich, dass ich keine wärmere jacke mitgenommen habe. dann kommt auch schon das objekt auf mich zugeeilt, strahlt mich an und nimmt mich in die arme.
"schön, dass du da bist."
"schön, dass DU das bist", erwidere ich.
"hat das alles geklappt? hast du den bus genommen?"
ich schaue schuldbewusst zu boden.
"morphine! du bist so unvernünftig! so unvernünftig!" poltert das objekt, um dann schmunzelnd hinzuzufügen:
"und trotzdem versteh ich dich. ich würde es ja nicht anders machen."

das objekt nimmt mich über die straße mit in den park.
"warst du schon mal hier? kennst du die wege?"
"ich war zweimal hier. aber ich hab den park noch nie ganz gesehen."
"dann zeig ich dir jetzt erstmal meinen lieblingsplatz."
der objektive lieblingsplatz ist eine anhöhe mit einem dicken, uralten baum in der mitte. es gibt zwei bänke, von denen aus man auf einen teich schauen kann. das objekt kramt in seiner kuriertasche und bringt handtücher zum vorschein.
"wie gut, dass ich gestern noch schwimmen war, jetzt können wir uns auf die handtücher setzen und bekommen keinen nassen po."

die handtücher verströmen einen zarten duft nach dem objektiven limette-ingwer-duschgel. wir setzen uns nieder.
"ganz schön kalt", finde ich.
"komm", sagt das objekt, schlüpft aus einem ärmel seiner jacke, zieht mich an sich und meine beine in seinen schoß und schlingt dann die jacke um mich.
"herrlich. du bist so praktisch."
"ist ja nicht ganz uneigennützig", sagt das objekt und berührt die kontur meiner rechten brust, die an seine seite gepresst ist.
"bisschen kalt für outdoorsex", konstatiere ich.
"das wird gleich warm", meint das objekt.
es zieht tabak und eine dose aus der tasche.
"du hast nicht ernsthaft dein gras mit auf arbeit", sage ich.
"doch klar", meint das objekt völlig entspannt. es drückt mir ein paper zum festhalten in die hand und fummelt dann tabak aus der tüte, streut fein gras darüber und formt das ganze anschließend zu einem festen, schönen joint.
"du darfst anrauchen", sagt es großzügig.

wir sitzen ineinander gekuschelt da und qualmen. das objekt wärmt mich in seiner jacke und wiegt mich sachte wie ein kind. es hat seinen weichen bart an meine wange gedrückt und summt leise in mein ohr.
"das hier ist so mein burggarten", sagt es dann. "also wenn da jetzt noch ne hecke wäre. die musst du dir denken. da könnten wir auch dahinter verschwinden, wenn wir mal pinkeln müssen."
ich lache mich halbtot.
"mit hecke würden mir hier noch ganz andere dinge einfallen. stell dir vor, es wäre jetzt ein schöner sommerabend... wir wälzen uns nackt auf der erde von mutter natur..."
das objekt grinst mich an und schweigt.

dann stehen wir auf und das objekt setzt seine parkführung fort. es sind kaum noch leute unterwegs bis auf einige wenige jogger, die im dunkel ihre runden drehen.
"was würdest du machen, wenn du sehen würdest, dass eine frau hier überfallen wird", will ich vom objekt wissen.
das objekt lässt mich kurz los, ballt die fäuste und deutet einen zweikampf an, bei dem es den gegner niederstreckt.
"und dann würde ich das weibchen reißen", grinst es frech. "die beute als belohnung."
ich puffe es in die seite und gebe mich empört und das objekt knufft und küsst mich.

wir kommen zum teich, den wir von oben gesehen haben.
"hier gibt es ganz viele kaulquappen und auch ein paar fische", erzählt das objekt. "also falls die klinik deine sommerresidenz werden sollte... hier gibt es einiges zu entdecken und zu staunen. das lohnt sich immer, ich mag es jedenfalls sehr gerne hier."
ich muss lächeln und denke an mr. shyguy, der das objekt noch als jugendlichen kennt und der immer sagt, das auffälligste am objekt sei damals gewesen, dass es immer seine welt teilen und anderen das schöne zeigen wollte. im zuge der kompletten nichtachtung durch seine eltern, der rohheit seines vaters und des vermehrten alkohol- und drogenkonsum sei ihm diese lebendigkeit allerdings immer mehr abhanden gekommen. die erkenntnis, dass das objekt gerade in diesem moment vielleicht genau so ist, wie es eigentlich wirklich ist, durchschießt meinen kopf und sammelt sich als warmes gefühl in meiner brust.

nach gut einer stunde stehen wir wieder am parkausgang. das objekt zieht mich wortlos in seine arme und hält mich ganz fest.
"wie auch immer", seufzt es dann. "also... wie auch immer es ausgeht... ich werd versuchen, da zu sein. trotzdem musst du dir jetzt schon überlegen, wie es im ernstfall weitergeht. was machst du mit deinen eltern?"
"die fahren morgen wieder."
"wie hast du das denn geschafft?"
"meine mutter wollte heute meine wohnung sehen und ich hab gesagt, dass ich dich sehen werde und ich sie erst abends treffen würde. sie meinte dann, aber sie hätte meine katze sehen wollen. was mich verblüfft hat, denn meine mutter hasst katzen. nunja, über kurz oder lang war sie wieder angefressen und meinte, sie würden dann nach hause fahren. ich meinte, okay, macht das. ich hab dann nur noch kurz mit meinem vater gesprochen und ihm gesagt, dass ich für heute abend einen tisch reserviert habe und wo das genau ist. mein vater versteht mich gerade glaub ich eher."
das objekt schaute skeptisch.
"ich hätte es gut gefunden, wenn jemand für dich da gewesen wäre."
"du musst das nicht machen, echt nicht, ich komm schon klar."
"das meinte ich nicht."
"aber ich will, dass du das weißt. ihr habt doch hier eine sozialstation, ich werde da fragen, was ich machen soll, ob es eine art vorübergehende pflege für alleinstehende krebspatienten oder sowas gibt. ich zieh das alleine durch, ich schaff das schon."
das objekt schaut mich bewundernd an.
"respekt. du hast echt nen arsch in der hose."
"ich weiß. aber ich rede jetzt vielleicht auch cooler daher als ich nächste woche dann sein werde."
"was machst du mit deiner arbeit?"
"ich bin dieses jahr noch krankgeschrieben... aber ich werde nächste woche wieder arbeiten gehen. egal, was rauskommt. wenn ich allein zuhause rumsitze... davon geht der krebs auch nicht mehr weg. es sei denn, ich habe schlimme schmerzen, dann bleib ich zuhause."
das objekt nimmt mein gesicht in seine hände und streichelt meine wangen und haare. es überlegt und überlegt und sagt dann zögerlich:
"weißt du, was ich mir wünschen würde? falls es schlimm ausgeht... dann möchte ich etwas von dir haben. irgendwas, was dir gehört und was dir vielleicht auch was bedeutet. damit mir etwas von dir bleibt."

jetzt muss ich doch ein bisschen heulen, einfach, weil ich das objekt so lieb habe und es manchmal so schöne gedanken hat. und weil es mich immer noch festhält, warm, beruhigend, zärtlich, und ich so sein kann, wie ich bin.
lustig und traurig.
krank und gesund.
cool und emotional.
schüchtern und sexy.

und ich weiß, dass ich noch einmal herkommen werde, an den objektiven lieblingsplatz und an den kaulquappen-teich und genau an diese stelle hier am ausgang. immer dann, wenn ich kraft brauche und mich erinnern muss.

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Samstag, 14. Dezember 2013
radioactivity
gestern war der tag der großen szinitgrafie. ich hatte sowas noch nie und stellte es mir ähnlich vor wie röntgen oder mrt, was ich zuvor ja nun reichlich hatte. also rein, ein bisschen radioakitivität in die knochen kriegen, einmal lustig durch die röhre und fertig.

um acht uhr morgens kam ich an der klinik an, wo meine inzwischen eingetroffenen eltern auf mich warteten. einer der größten fehler, die man in meiner situation übrigens machen kann, ist der fatale schrei nach mama. nach der diagnose knochenkrebs hatte ich einfach nicht richtig nachgedacht. panik macht ja impulsiv. jetzt waren diese beiden menschen gekommen, mit denen ich ohnehin meine differenzen hatten, die in der angeditschten nervlichen lage schon nach wenigen minuten voll zum tragen kamen.

ich war zunächst dankbar gewesen, dass sie nach kaum 48 stunden die koffer gepackt und in einen zug gesprungen waren, was angesichts der komplett fehlenden spontanität meiner eltern ein akt war, den ich schwer für möglich gehalten hätte. dann stellte ich jedoch fest, dass meine eltern mit der situation noch viel weniger klar kamen als ich. ich war darauf vorbereitet und machte gleich zu anfang die große ansage, dass es mir leid täte, dass sie das erleben mussten und dass ich wisse, wie schwer das für sie sei, dass ich nun aber das quasi unmögliche verlangen müsse: dass sie ihre eigenen ängste und den kummer einmal zurückstellten und mir stattdessen mut machten. genauso hätte ich sagen können, verpisst euch, denn meine mutter war sofort tödlich beleidigt und schmollte, weil es mir ja offenbar egal sei, wie es ihnen als eltern gehe und dass mein vater kurz vor einem herzinfarkt stehe. weiterhin war die rede davon, dass sie mich sofort in meine nichtmehr-heimat verfrachten wollten, was mir noch mehr angst machte.

als wir nach der beinahe-eskalation im warteraum der nuklearmedizin saßen, überlegte ich tatsächlich, wie weit meine eltern in ihrer vermeintlichen fürsorge gehen würden und wohin ich im ernstfall flüchten könnte. dann unterbrach der strahlenarzt meine überlegungen und rief mich zum aufklärungsgespräch. meine mutter wollte natürlich mit. der strahlenarzt guckte skeptisch. ich überlegte, wollte dann aber aber nicht noch mehr unfrieden stiften und hoffte, dass meine mutter den arzt nicht allzu sehr strapazieren würde.

der arzt war zum glück arschcool und erkannte die lage klar. er widmete sich also erst meiner mutter und ihren sorgen, erklärte, dass sie mir weder sofort chemo verpassen noch körperteile amputieren würden, nein, schon gar nicht vor weihnachten, dem heiligen familienfest, und dass es vom heutigen tage bis zu meiner wenigkeit als kompletten pflegefall noch weit sei. dann erklärte er mir, was nun als nächstes passieren würde und nahm mich mit in den dritten stock, wo schon zwei fachkrankenpfleger - oder röntgenassis oder was man da eben so ist - auf mich warteten.

weil die welt so klein und die szene hier relativ groß ist, war, wie es das schicksal so wollte, einer der beiden weißkittel ein club-bekannter von mir. wir machten beide große augen und lachten. dann hieß mich mein bekannter platz nehmen, weil er mit die radioaktive flüssigkeit spritzen musste.
"wehe, du durchbohrst mir meine sehnen, das passiert bei mir ganz schnell", warnte ich.
"keine sorge", meinte der bekannte und schaffte es, mit einem ganz sanften pieks den butterfly in meinen arm zu manövrieren. dann wurden meine venen erst mit kochsalzlösung gespült, anschließend verstrahlt und zum schluss noch mal gespült.

danach kam untersuchung nummer eins, eine art ganzkörperscreening, das potenzielle metastasen ermitteln sollte.
"jetzt musst du leider 20 minuten ganz, ganz still liegen", sagte der bekannte.
"tust du mir nen gefallen", fragt ich, "kannst du mir bitte immer mal sagen, wie lange ich noch habe."
"klar. ich kann dir sogar musik machen, wenn du willst."
"auja."
"was willste denn hören?"
leider hatte die klinik nur radio, aber irgendwo spielten die sisters gerade "alice" und der bekannte und ich grinsten uns an.
"call me you personal dj", scherzte der bekannte.
dann setzte er sich an den computer und startete das programm. die ersten zehn minuten gingen ganz locker, danach wurde es kritisch, weil ich natürlich auch verdammt angespannt war und deshalb schneller zu zittern begann.
"dein kopf ist gleich raus", kündigte der bekannte nach rund 13 minuten an, "dann kannst du über den kleinen bildschirm über dir zusehen, welche körperteile gerade gescannt werden."
fasziniert beobachtete ich, wie auf dem bildschirm meinen hände flimmernd und fluoreszierend sichtbar wurden.
"wow", sagte ich.
"die hände bitte ganz still halten, da haben wir ganz besonders feine strukturen", mahnte mich mein pfleger.
"ich will aber nicht sehen, wo ich geschwüre hab."
"das siehst du auch jetzt noch nicht."
"ich mach trotzdem lieber die augen zu, ja, und du sagst mir, wie lange noch."
"okay."

nach dem ersten screening hatte ich erstmal pause, weil die radioaktivität zeit brauchte, um ganz tief in meine knochen vorzudringen. ich traf meine eltern im cafe wieder, wo sich meine mutter sichtlich bemühte, die mundwinkel auf normalhöhe zu halten. offenbar hatte mein vater, der der vernünftigere von beiden war, ein machtwort gesprochen. wir tranken relativ wortlos kaffee, dann bat ich um eine stunde für mich, in der ich einen spaziergang machen wollte.

ich hatschte in den park nebenan, dann rief das objekt an.
"wie weit bist du und wie geht es dir?"
"noch mittendrin. mir geht es aber jedenfalls besser als meinen eltern."
"lassen sie dich das merken?"
"wir hatten bis vor kurzen kein anderes thema als ihre sorgen."
"oh mann. das ist natürlich nicht so produktiv."
"nee, überhaupt nicht. ich hab mich gerade abgeseilt, weil die situation so kacke ist und ich nicht ständig den clown spielen kann für die zwei."
"schrei sie doch einfach mal an."
ich lachte.
"dann enterben sie mich."
jetzt kicherte das objekt:
"dir ist schon klar, dass die erbfolge auch andersrum passieren könnte?"
"ach stimmt, du hast recht, ich muss mir ja vielleicht gar keine sorgen mehr machen!"
der galgenhumor tat gut und die angst verpisste sich für ein paar minuten aus meiner brust.
"brauchst du ne umarmung?" fragte das objekt dann. "ich bin nebenan und könnte schauen, ob ich mal kurz runter kommen kann. kann ich aber nicht versprechen, hier ist armageddon wegen weihnachten, lauter suizide, und die angehörigen rennen mir die bude ein."
"schon okay, ich komm klar."

gegen mittag folgte ein zweites, kürzeres und relativ entspanntes screening, dann kam mein pfleger wieder und manövrierte mich in eine andere lage.
"du musst jetzt noch mal ungefähr 20 minuten lang still liegen und dabei die füße so nach innen drehen, dass sich deine zehen berühren."
"nicht dein ernst, oder? da halt ich nicht durch."
"ich kann dir auch die füße zusammenbinden und die beine seitlich fixieren."
"ja, bitte, ich bin jetzt schon ganz zappelig."
der bekannte bettete meine beine in eine art kleine sacksäcke und band meine füße zusammen.
"bondage mal anders", witzelte er.

wir machten wieder countdown mit musik. als ich danach von der liege krabbelte, war ich zittrig, schweißgebadet und bekam kreislauf. der bekannte fing mich auf und setzte mich auf einen stuhl.
"trink mal noch was. du musst auch die strahlung aus deinem körper kriegen."
"boah, ich kann nicht mehr trinken, ich hab schon einen wasserbauch, habe ich das gefühl."
"du bist bestimmt auch unterzuckert."
"ich krieg nichts runter."
"okay, verständlich, aber zwing dich ruhig."

dann betrat der oberarzt den raum und schenkte uns einen kritischen blick.
"ich brauche noch zusatzaufnahmen."
dann drehte er sich um und verschwand.
"was soll das denn nun heißen?" frage ich.
"wir machen noch mal aufnahmen von deinem knochen in scheibchen. dabei dreht sich das gerät einmal ganz um dich."
"das ist ein schlechtes zeichen, oder? der würde doch keine zusatzaufnahmen wollen, wenn da nichts verdächtiges wäre."
der bekannte berührte meine schulter.
"mach dir keine sorgen, so ungewöhnlich ist das nicht."
"wie lange dauert das denn nun wieder?"
"20 minuten, knappe halbe stunde. brauchst du ne pause?"
ich nickte.
"muss ich dann wieder irgendwelche komischen stellungen halten?"
"nein, ich polstere dir die knie ein bisschen bequem, wenn du das magst, aber es ist nichts besonderes."
ich nickte wieder.
"dann hole ich jetzt den nächsten patienten rein und du isst zwischenzeitlich was. ich hol dich so in einer viertelstunde oder 20 minuten wieder rein."

ich aß zwei bissen von einem brötchen und las eine zeitschrift. dann ging es weiter.
als ich endlich draußen stand und meine eltern wieder traf, war es halb vier uhr nachmittags.
"was wollen wir nun machen?" fragte mein vater, der inzwischen gefasster wirkte.
"hm, ich muss mal schauen, ich kenn hier wen, der arbeitet da drüben, der wollte vielleicht noch kurz runterschauen."
"dann gehen wir schon mal was essen."
"okay."

ich latschte um den block, doch das objekt war nirgends zu sehen. ich funkte es an, erhielt aber keine antwort. erst eine stunde später, als ich längst zuhause weilte, rief es an.
"alter, das ist der horror derzeit auf station. das ist das schlimmste weihnachten, das ich hier in vier jahren erlebt habe."
"hahaha, frag mich mal."
wir lachten, und es tat so gut, endlich wieder zu lachen.
"jetzt hab ich aber gar keine umarmung bekommen", beschwerte ich mich.
"hm, ich habe morgen frühdienst... du könntest mich abholen und dann... gehen wir im park spazieren? ich zeige dir auch meinen lieblingsplatz."
"magst du denn spazierengehen? sowas haben wir noch nie gemacht..."
"du bist sicherlich die größere spaziergängerin von uns beiden, aber man muss ja aufgeschlossen bleiben. und ich finde den park echt gut."
"dann drehe ich uns einen johnny und bring den mit."
"jetzt hab ich noch mehr lust auf spazierengehen."
"das dachte ich mir."
"du... taktikerin."
"ich hab schon mal schlimmere schimpfworte aus deinem mund gehört."
"das soll sich aber nicht wiederholen."
"na gut. dann sag mir bescheid, wenn du morgen durch bist und dann bin ich da, so gott will."
"bis morgen, und schlaf nachher gut. und vergiss nicht, dir was gutes zu tun und was leckeres zu essen."
"bis morgen, mutti."
das objekt lachte in den hörer und legte auf.

meine eine öffnete sich ein flasche wein, drehte einen und begab sich zu einer zeit, zu der sie die letzten 25 jahre nicht mehr schlafen ging, ins bett.
kraft sammeln.

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