Samstag, 14. Dezember 2013
radioactivity
gestern war der tag der großen szinitgrafie. ich hatte sowas noch nie und stellte es mir ähnlich vor wie röntgen oder mrt, was ich zuvor ja nun reichlich hatte. also rein, ein bisschen radioakitivität in die knochen kriegen, einmal lustig durch die röhre und fertig.

um acht uhr morgens kam ich an der klinik an, wo meine inzwischen eingetroffenen eltern auf mich warteten. einer der größten fehler, die man in meiner situation übrigens machen kann, ist der fatale schrei nach mama. nach der diagnose knochenkrebs hatte ich einfach nicht richtig nachgedacht. panik macht ja impulsiv. jetzt waren diese beiden menschen gekommen, mit denen ich ohnehin meine differenzen hatten, die in der angeditschten nervlichen lage schon nach wenigen minuten voll zum tragen kamen.

ich war zunächst dankbar gewesen, dass sie nach kaum 48 stunden die koffer gepackt und in einen zug gesprungen waren, was angesichts der komplett fehlenden spontanität meiner eltern ein akt war, den ich schwer für möglich gehalten hätte. dann stellte ich jedoch fest, dass meine eltern mit der situation noch viel weniger klar kamen als ich. ich war darauf vorbereitet und machte gleich zu anfang die große ansage, dass es mir leid täte, dass sie das erleben mussten und dass ich wisse, wie schwer das für sie sei, dass ich nun aber das quasi unmögliche verlangen müsse: dass sie ihre eigenen ängste und den kummer einmal zurückstellten und mir stattdessen mut machten. genauso hätte ich sagen können, verpisst euch, denn meine mutter war sofort tödlich beleidigt und schmollte, weil es mir ja offenbar egal sei, wie es ihnen als eltern gehe und dass mein vater kurz vor einem herzinfarkt stehe. weiterhin war die rede davon, dass sie mich sofort in meine nichtmehr-heimat verfrachten wollten, was mir noch mehr angst machte.

als wir nach der beinahe-eskalation im warteraum der nuklearmedizin saßen, überlegte ich tatsächlich, wie weit meine eltern in ihrer vermeintlichen fürsorge gehen würden und wohin ich im ernstfall flüchten könnte. dann unterbrach der strahlenarzt meine überlegungen und rief mich zum aufklärungsgespräch. meine mutter wollte natürlich mit. der strahlenarzt guckte skeptisch. ich überlegte, wollte dann aber aber nicht noch mehr unfrieden stiften und hoffte, dass meine mutter den arzt nicht allzu sehr strapazieren würde.

der arzt war zum glück arschcool und erkannte die lage klar. er widmete sich also erst meiner mutter und ihren sorgen, erklärte, dass sie mir weder sofort chemo verpassen noch körperteile amputieren würden, nein, schon gar nicht vor weihnachten, dem heiligen familienfest, und dass es vom heutigen tage bis zu meiner wenigkeit als kompletten pflegefall noch weit sei. dann erklärte er mir, was nun als nächstes passieren würde und nahm mich mit in den dritten stock, wo schon zwei fachkrankenpfleger - oder röntgenassis oder was man da eben so ist - auf mich warteten.

weil die welt so klein und die szene hier relativ groß ist, war, wie es das schicksal so wollte, einer der beiden weißkittel ein club-bekannter von mir. wir machten beide große augen und lachten. dann hieß mich mein bekannter platz nehmen, weil er mit die radioaktive flüssigkeit spritzen musste.
"wehe, du durchbohrst mir meine sehnen, das passiert bei mir ganz schnell", warnte ich.
"keine sorge", meinte der bekannte und schaffte es, mit einem ganz sanften pieks den butterfly in meinen arm zu manövrieren. dann wurden meine venen erst mit kochsalzlösung gespült, anschließend verstrahlt und zum schluss noch mal gespült.

danach kam untersuchung nummer eins, eine art ganzkörperscreening, das potenzielle metastasen ermitteln sollte.
"jetzt musst du leider 20 minuten ganz, ganz still liegen", sagte der bekannte.
"tust du mir nen gefallen", fragt ich, "kannst du mir bitte immer mal sagen, wie lange ich noch habe."
"klar. ich kann dir sogar musik machen, wenn du willst."
"auja."
"was willste denn hören?"
leider hatte die klinik nur radio, aber irgendwo spielten die sisters gerade "alice" und der bekannte und ich grinsten uns an.
"call me you personal dj", scherzte der bekannte.
dann setzte er sich an den computer und startete das programm. die ersten zehn minuten gingen ganz locker, danach wurde es kritisch, weil ich natürlich auch verdammt angespannt war und deshalb schneller zu zittern begann.
"dein kopf ist gleich raus", kündigte der bekannte nach rund 13 minuten an, "dann kannst du über den kleinen bildschirm über dir zusehen, welche körperteile gerade gescannt werden."
fasziniert beobachtete ich, wie auf dem bildschirm meinen hände flimmernd und fluoreszierend sichtbar wurden.
"wow", sagte ich.
"die hände bitte ganz still halten, da haben wir ganz besonders feine strukturen", mahnte mich mein pfleger.
"ich will aber nicht sehen, wo ich geschwüre hab."
"das siehst du auch jetzt noch nicht."
"ich mach trotzdem lieber die augen zu, ja, und du sagst mir, wie lange noch."
"okay."

nach dem ersten screening hatte ich erstmal pause, weil die radioaktivität zeit brauchte, um ganz tief in meine knochen vorzudringen. ich traf meine eltern im cafe wieder, wo sich meine mutter sichtlich bemühte, die mundwinkel auf normalhöhe zu halten. offenbar hatte mein vater, der der vernünftigere von beiden war, ein machtwort gesprochen. wir tranken relativ wortlos kaffee, dann bat ich um eine stunde für mich, in der ich einen spaziergang machen wollte.

ich hatschte in den park nebenan, dann rief das objekt an.
"wie weit bist du und wie geht es dir?"
"noch mittendrin. mir geht es aber jedenfalls besser als meinen eltern."
"lassen sie dich das merken?"
"wir hatten bis vor kurzen kein anderes thema als ihre sorgen."
"oh mann. das ist natürlich nicht so produktiv."
"nee, überhaupt nicht. ich hab mich gerade abgeseilt, weil die situation so kacke ist und ich nicht ständig den clown spielen kann für die zwei."
"schrei sie doch einfach mal an."
ich lachte.
"dann enterben sie mich."
jetzt kicherte das objekt:
"dir ist schon klar, dass die erbfolge auch andersrum passieren könnte?"
"ach stimmt, du hast recht, ich muss mir ja vielleicht gar keine sorgen mehr machen!"
der galgenhumor tat gut und die angst verpisste sich für ein paar minuten aus meiner brust.
"brauchst du ne umarmung?" fragte das objekt dann. "ich bin nebenan und könnte schauen, ob ich mal kurz runter kommen kann. kann ich aber nicht versprechen, hier ist armageddon wegen weihnachten, lauter suizide, und die angehörigen rennen mir die bude ein."
"schon okay, ich komm klar."

gegen mittag folgte ein zweites, kürzeres und relativ entspanntes screening, dann kam mein pfleger wieder und manövrierte mich in eine andere lage.
"du musst jetzt noch mal ungefähr 20 minuten lang still liegen und dabei die füße so nach innen drehen, dass sich deine zehen berühren."
"nicht dein ernst, oder? da halt ich nicht durch."
"ich kann dir auch die füße zusammenbinden und die beine seitlich fixieren."
"ja, bitte, ich bin jetzt schon ganz zappelig."
der bekannte bettete meine beine in eine art kleine sacksäcke und band meine füße zusammen.
"bondage mal anders", witzelte er.

wir machten wieder countdown mit musik. als ich danach von der liege krabbelte, war ich zittrig, schweißgebadet und bekam kreislauf. der bekannte fing mich auf und setzte mich auf einen stuhl.
"trink mal noch was. du musst auch die strahlung aus deinem körper kriegen."
"boah, ich kann nicht mehr trinken, ich hab schon einen wasserbauch, habe ich das gefühl."
"du bist bestimmt auch unterzuckert."
"ich krieg nichts runter."
"okay, verständlich, aber zwing dich ruhig."

dann betrat der oberarzt den raum und schenkte uns einen kritischen blick.
"ich brauche noch zusatzaufnahmen."
dann drehte er sich um und verschwand.
"was soll das denn nun heißen?" frage ich.
"wir machen noch mal aufnahmen von deinem knochen in scheibchen. dabei dreht sich das gerät einmal ganz um dich."
"das ist ein schlechtes zeichen, oder? der würde doch keine zusatzaufnahmen wollen, wenn da nichts verdächtiges wäre."
der bekannte berührte meine schulter.
"mach dir keine sorgen, so ungewöhnlich ist das nicht."
"wie lange dauert das denn nun wieder?"
"20 minuten, knappe halbe stunde. brauchst du ne pause?"
ich nickte.
"muss ich dann wieder irgendwelche komischen stellungen halten?"
"nein, ich polstere dir die knie ein bisschen bequem, wenn du das magst, aber es ist nichts besonderes."
ich nickte wieder.
"dann hole ich jetzt den nächsten patienten rein und du isst zwischenzeitlich was. ich hol dich so in einer viertelstunde oder 20 minuten wieder rein."

ich aß zwei bissen von einem brötchen und las eine zeitschrift. dann ging es weiter.
als ich endlich draußen stand und meine eltern wieder traf, war es halb vier uhr nachmittags.
"was wollen wir nun machen?" fragte mein vater, der inzwischen gefasster wirkte.
"hm, ich muss mal schauen, ich kenn hier wen, der arbeitet da drüben, der wollte vielleicht noch kurz runterschauen."
"dann gehen wir schon mal was essen."
"okay."

ich latschte um den block, doch das objekt war nirgends zu sehen. ich funkte es an, erhielt aber keine antwort. erst eine stunde später, als ich längst zuhause weilte, rief es an.
"alter, das ist der horror derzeit auf station. das ist das schlimmste weihnachten, das ich hier in vier jahren erlebt habe."
"hahaha, frag mich mal."
wir lachten, und es tat so gut, endlich wieder zu lachen.
"jetzt hab ich aber gar keine umarmung bekommen", beschwerte ich mich.
"hm, ich habe morgen frühdienst... du könntest mich abholen und dann... gehen wir im park spazieren? ich zeige dir auch meinen lieblingsplatz."
"magst du denn spazierengehen? sowas haben wir noch nie gemacht..."
"du bist sicherlich die größere spaziergängerin von uns beiden, aber man muss ja aufgeschlossen bleiben. und ich finde den park echt gut."
"dann drehe ich uns einen johnny und bring den mit."
"jetzt hab ich noch mehr lust auf spazierengehen."
"das dachte ich mir."
"du... taktikerin."
"ich hab schon mal schlimmere schimpfworte aus deinem mund gehört."
"das soll sich aber nicht wiederholen."
"na gut. dann sag mir bescheid, wenn du morgen durch bist und dann bin ich da, so gott will."
"bis morgen, und schlaf nachher gut. und vergiss nicht, dir was gutes zu tun und was leckeres zu essen."
"bis morgen, mutti."
das objekt lachte in den hörer und legte auf.

meine eine öffnete sich ein flasche wein, drehte einen und begab sich zu einer zeit, zu der sie die letzten 25 jahre nicht mehr schlafen ging, ins bett.
kraft sammeln.

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Donnerstag, 12. Dezember 2013
kieselsteinchen
bloggen, was die zeit hält. ich nehme sie mir gerade, auch wenn ich eigentlich vorhabe, den alltag weiterzugehen. es gilt vor allem, die nächte zu nehmen, die nackte todesangst, die ungewissheit und die schmerzen zu überbrücken. sich an das positive halten, das, was gerade da ist. und es gibt diese momente zum festhalten, allen schrecklichkeiten zum trotz.

der erste mensch, der nach der diagnose sofort live und in farbe an meiner seite stand, war das objekt. bevor ich mir noch recht überlegen kann, was ich von dem krebs, meinen meinetwegen schicksalsgebeutelten eltern und den voraussichtlichen auswirkungen der erkrankung auf meine berufliche situation halten soll, hat das objekt schon die vermietergespielin kurzerhand für den rest des tages zu ihrer freundin ausquartiert und mich einfliegen lassen.

dann sitze ich in der neuen objektwohnung, die trotz sechsmonatiger renovierung schlimm aussieht. davon abgesehen ist ganz offenbar auch die vermietergespielin keine leuchte im putzen und aufräumen. besonders im bad sieht es schrecklich aus. nicht ohne genugtuung stelle ich allerdings fest, dass das objekt und die vermietergespielin getrennte schlafzimmer haben. auch sonst kaum hinweise auf eine vermischung dieser beider leben. keine romantischen gegenstände, keine kleinen zettelchen mit botschaften wie "bis heute abend, schatz, hängst du schon mal die wäsche auf?" wie ich es von anderen zusammenlebenden paaren kenne. kurzum, ich bin beruhigt.

ich darf mich an den küchentisch setzen, das objekt nimmt gegenüber platz. fünf sekunden später überlegt es sich es jedoch anders, steht auf, schiebt mich zur seite, pflanzt sich neben mich und nimmt mich sehr fest in die arme. so sitzen wir eine weile, bis der objektsohnemann reinplatzt und vor freude schier ausflippt, dass ich da bin. er stürzt sich auf mich und umarmt mich in objekt-manier.
"du warst aber lang nicht mehr bei uns", sagt er und es klingt wie ein vorwurf.
das objekt schaut lächelnd von mir zu seinem kind, steht dann langsam auf und meint:
"ich mach mal essen, bleibst du solange bei der morphine?"
der kleine nickt und zieht mich ins schlafzimmer seines vaters, wo wir spiele spielen, bis das essen fertig ist. es gibt tagliatelle mit wildlachs und spinat, und obwohl ich der meinung bin, keinen bissen runterzubekommen, schmeckt es ganz köstlich. das objekt strahlt und lobt mich, als mein teller tatsächlich leer ist.

"können wir noch ein spiel spielen", greift der sohnemann nach dem abwasch nach meiner hand, aber der papa ist streng, beharrt darauf, dass ich sein besuch sei und mich der sohnemann schon lange genug in anspruch genommen habe.
ich sehe den jungen an, der die haare inzwischen ebenfalls lang wie sein vater trägt, sein hübsches mädchengesicht mit dem forschen blick. ich verspreche ihm, ihn nachher mit ins bett zu bringen, dann verzieht er sich, um einen film zu gucken.

"der hat sich aber gemacht", sage ich zum objekt. "der wortschatz, und wie er mit einem umgeht..."
das objekt grinst sehr zufrieden.
"na wenn die frau lehrerin das sagt."
"wie isses in der schule?"
"ganz okay. also, es könnte natürlich sehr viel besser sein, aber ich klage ja vom hohen ross."
"und wie kommt er hier so klar mit der situation", frage ich, und meine damit die objekt-wg.
"naja, also, so recht warm wird er nicht mit der gespielin. die dulden sich gegenseitig, aber es ist jetzt kein herzliches verhältnis."

weil ich erschöpft und kalt bin, steckt mich das objekt in sein bett, krabbelt hinterher und nimmt mich wieder in die arme.
"stell dir vor, all die positive energie, die du hier bekommst, sind wie kieselsteinchen. wenn du sie aufsammelst, behälst du sie, auch wenn du wieder alleine zuhause bist und die nacht durchstehen musst."
die unglaubliche wärme und die zart über mein haar und meine wangen streichelnden hände machen mich mich tatsächlich ruhiger, auch wenn die panik noch immer zwischen meinen schultern sitzt, wo sich inzwischen knochenharte verspannungen gebildet haben.
"morphine, es ist ganz normal, dass du solche gedanken hast", sagt das objekt, als könne es die schwarz wabernden hirnströme lesen. "das hat nichts mit hysterie oder so zu tun. es ist ja durchaus klug, sich innerlich auf die gefahren vorzubereiten. aber dazu ist jetzt der falsche zeitpunkt. wir haben noch ein paar tage. also versuch, die gedanken ziehen zu lassen und sie einfach fernzuhalten."

langsam steigen wärme und leben in mir auf.
es gibt objekt-hausmarke zu rauchen und weil mir geld inzwischen egal ist, kaufe ich dem objekt eine größere menge ab.
"ich werds brauchen", sage ich und das objekt schmunzelt und nickt.
der sanfte rausch breitet sich in meinem kopf aus und ich werde schläfrig und entspannt. das objekt hat meine kalten hände auf seinen bauch gepackt und hält sie fest. aller misere zum trotz finde ich das sexy. und auch hinter der objektstirn scheinen sich inzwischen nicht mehr ganz so unschuldige gedanken abzuspielen. wir schenken einander verstohlene blicke, dann küsse ich das objekt schüchtern auf die wange. es küsst mich zurück auf den mund, schaut mich dann an und überlegt, schweigt aber.

ich bewege meine hände, die noch immer auf seinem bauch liegen, ein kleines stück weiter nach unten, warte aber ab, denn das objekt ist mittlerweile auch sehr breit und damit eigentlich in keiner guten verfassung für sex. aber der kopf ist bereits angetriggert, das kann ich spüren.
"morphine", flüstert das objekt irgendwann. "wenn du so weitermachst, fallen mir lauter sauereien ein."
"also ICH sehe da kein problem", erwidere ich lachend. "du hast eine so genannte 'freundin', an der deine wohnsituation hängt. für mich ist es vielleicht der letzte sex meines lebens!"

anstatt einer antwort steht das objekt auf und beginnt, im flur zu kramen. dann kommt es wieder herein und schließt seine zimmertür von innen zu, damit die gespielin nicht unerwartet vor unserem bett stehen kann.
"aber das merkt die doch, so doof ist die auch nicht", sage ich.
"manchmal muss man eben prioritäten setzen", entgegnet das objekt. "auf jeden fall gibt uns das zeit, im ernstfall schnell was überzuziehen und ein bisschen abstand zwischen uns bringen."
ich schaue das objekt an und zweifle mal wieder heftig an der aufrichtigeit seiner gefühle für die vermietergespielin, beschließe dann aber, dass ich mir darüber eine sorgen machen muss.

das objekt lässt beiläufig und elegant die kleider fallen, steigt wieder zu mir ins bett und beginnt, mein winteroutfit aufzuknöpfen. ich taste mich indes richtung objektschwanz, der noch traurig auf halbmast hängt.
"ich kann dir nicht garantieren, dass das heute noch ein richtiger schwanz wird", sagt objekt das. "eigentlich habe ich viel zu viel gekifft."
"vertrau mal auf meine fähigkeiten", beschwichtige ich.

keine zwei minuten später habe ich einen prallen, harten schwanz aus der hülle gezaubert und das objekt wälzt sich begeistert über mich. dann vergessen wir alles um uns herum. beim orgasmus gibt das objekt eine art urschrei von sich. unsere hände halten sich umklammert und wir sehen uns aus weit aufgerissenen augen an.
ich sauge den moment in mir auf und versuche, ihn zu speichern. irgendwie für immer, egal, wann für immer enden wird.
"fantastisch", seufzt das objekt, als es wieder sprechen kann, und vergräbt den kopf an meiner schulter.

plötzlich raschelt es im flur. wir springen aus dem bett und greifen orientierungslos nach den wild übereinandergeworfenen klamotten. eine hand drückt von außen die türklinke hinunter. das objekt schaut mich panisch an und fummelt sich in seine hose. dann ruft eine stimme:
"papa! papa, was ist denn los, was macht ihr denn so lange, ich muss doch ins bett."
wir sehen uns an, bekommen einen lachanfall.
"uff", sagt das objekt leise, um dann die stimme zu heben:
"alles in ordnung, mein spatz, ich komme gleich mit der morphine rüber und dann lesen wir noch eine geschichte."

mit schlechtem gewissen, weil es schon nach halb elf ist, bringen wir den kleinen mann zu bett. dann steige ich in meine schuhe und verabschiede mich vom objekt:
"ich geh mal besser, sonst steht dein weibchen tatsächlich gleich in der tür."
"die kommt wahrscheinlich tatsächlich gleich, die hat ja morgen frühschicht."
wir umarmen und küssen uns.
"kannst du was versuchen, bitte", flüstere ich dem objekt ins ohr.
"ja, was denn?"
"kannst du irgendwie die nächsten tage bitte nicht einfach verschwinden?"
das objekt schmunzelt, nickt und sagt dann, es werde das handy anlassen, möglichst immer ansprechbar sein und auch zu untersuchungen sowie am gefüchteten stichtag mit in die klinik kommen.

dann mache ich mich auf den weg in die nacht, in eine weitere lange nacht zwischen hoffnung und zweifel.

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Mittwoch, 11. Dezember 2013
letzter orgasmus mit dem strick um den hals
und dann sagen sie dir, es ist knochenkrebs.

irgendwie hab ich ja immer gespürt, dass ich nicht alt werde.

eine seltsame ruhe in mir. obwohl über leben oder sterben noch nichts eindeutiges gesagt ist.

um mich herum wird hysterisch geheult. es ist mir zuwider.

ich bin allem enthoben.

der kleine roboter, der überweisungsscheine einholt und sich unter große maschinen legt.

wenn, dann will ich in frieden und würde sterben, mit allen gliedmaßen am leib. das ist schon mal sicher.

wünschen sie mir was.

und wer mich schon immer mal besuchen wollte, hurry up. es ist vielleicht nicht mehr viel zeit.

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Sonntag, 8. Dezember 2013
totale sonnenfinsternis
ich gehe und gehe durch den regen, der meniskus schreit, stopp, mach ich nicht mehr, kann ich nicht mehr, will ich nicht mehr, fast wie die seele in letzter zeit wieder. aber ich hab tramal, voltaren und whiskey im blut, bin der meinung, dass das reichen muss, um so einen meniskus und auch eine seele zum schweigen zu bringen, drohe beiden schließlich auch noch mit tanzen, na bitte, schon geht es wieder für ein paar meter.

im club bin ich brezelbreit entspannt und nicht in habacht-stellung wie sonst. ich grinse offenbar nett in die runde, bekomme gleich einen porno vom barkeeper und just drauf einen jägermeister von einem glatzköpfigen überundüber-tätowierten spendiert. der architekt ist das einzig bekannte gesicht weit und breit, auch so ein der zeit verloren gegangener, auch so ein überqualifizierter sondermüll auf der resterampe.

ich beschließe, mich weiter volllaufen zu lassen, so anstatt leichenschmaus, und hoffe, das ist im sinne des verstorbenen. ich muss an seine freundin denken, seine ganz große liebe, die er erst im herbst kennen gelernt hatte, was für ein schönes paar die beiden waren, und ich bin froh, dass ich niemanden habe, denn dann kann mir auch keiner einfach so wegsterben.

neben mir sitzt eine andere frau, die einen hübschen pullover trägt, einen häkelpulli mit ganz vielen großen löchern, mehr löcher als pulli. ich mag sie auf anhieb, als sie kurz den blick hebt und mich anlächelt, bevor sie den nächsten wodka ordert.

kurz darauf habe ich pech und ein langjähriger verehrer, so unangenehm wie hartnäckig, betritt den raum. mangels objektiver schutz-option und reaktionsschnelligkeit schaffe ich es nicht mehr, vom barhocker zu rutschen und mich in der menge zu verstecken. also muss ich hallo sagen und kann sogar ein bisschen alkoholisiert vor mich hingrinsen, was ich sonst dringend unterlasse, weil ich ihm gegenüber so unfreundlich und arrogant wie nur möglich sein will. der scheinbare erfolg spornt meinen verehrer natürlich an. wie fast immer versucht er, über unseren vermeintlich gemeinsamen musikgeschmack weitere vermeintliche gemeinsamkeiten aufzubauen. ich höre weg und lächle und nicke nur, das scheint eine weile zu reichen, bis der typ schließlich meint:
"konversation ist so deine stärke, was?"
"bin blau", nuschle ich.
"du bist ganz schön gestört", knallt mir der typ da an den kopf.
jetzt muss ich doch lachen und sage:
"richtig, du sprichst hier ja auch mit einer psychiatriepatientin."
dem typ fällt erstmal das gesicht runter, dann meint er allerdings ganz nüchtern:
"sowas hab ich mir schon gedacht."
als ich mit dem kopf auf den tresen sinke, weil ich unfassbar erschöpft bin, von den ereignissen, der anstrengenden arbeitswoche und den ständigen schmerzen, streckt er die hand aus und streichelt meinen nacken. ich formiere mit aller kraft den letzten widerstand und rutsche weg.
"nich anfassen" sage ich brüsk.
endlich trollt sich der typ.

mein widerstand gegen berührungen ist kein grundsätzlicher, aber ich werde viel berührt, von menschen, die mir nichts bedeuten, die ihr wort nicht halten, die mir nicht angenehm sind. früher habe ich berührungen gesammelt, mich daran hochgezogen, hurrah, wie begehrenswert ich bin, doch heute, wo ich in den spiegel sehe und warte, ob er zerspringt angesichts dieser ausgeburt von hässlichkeit, schäme ich mich meiner selbst zu sehr und zugleich verachte ich andere, auch schöne menschen, für ihre subjektive hässlichkeit, ihre bedürftigkeit, ihren hunger nach nähe, gerade so, als stünde ich darüber, ich, die ich butterweich werden und zerfließen kann in einer umarmung, einer richtigen, zur richtigen zeit, am richtigen ort, vom richtigen menschen.

zum ende des abends bekomme ich nicht mehr viel mit, ich sitze da zwischen der frau im schönen pulli und einem bekannten, der auch immer traurig ist, weil sich seine freundin vor ein paar jahren ebenfalls umgebracht und seine mutter ihn verstoßen hat, als er beschloss, sich als transe zu outen. ihm erzähle ich die geschichte, die ich an diesem abend im herzen herumtrage, und weil hinter meinen augen mal wieder die sahara herrscht, weint er stellvertretend ein paar tränchen, kajalstrich und wimperntusche verlaufen und ich muss nun doch lächeln, das erste mal an diesem abend so ein lächeln, bei dem es warm wird rings um diesen eisklumpen in der brust.

gegen halb fünf streiche ich die segel, sehr betrunken, umarme alle und auch die frau im schönen pulli, die mir angesichts meines zustands anbietet, dass sie mich mit zu sich nach hause nimmt, aber ich versichere ihr, es bis zum bus zu schaffen. trotzdem drückt sie mir ihre telefonnummer aufs auge, und noch einmal wird mir wärmer, wie schön, wie schön es doch manchmal ist, am leben zu sein. und vielleicht verbuche ich diesen abend als ein abschiedsgeschenk, weil er so war wie der verstorbene, sehr traurig, aber eben auch ein wenig heiter und herzenswarm, wie ein leises lachen aus einer anderen welt.

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Samstag, 7. Dezember 2013
advent, advent
kein lichtlein brennt.

für manche kommt so ein freitod überraschend.

ich kannte die betreffende person weder lange noch gut. wir haben uns manchmal geschrieben. aber ich kenne die coolness und souveränität, hinter der menschen wie wir ängste und gesellschaftlich unerwünschte eigenschaften und gedanken verstecken.

ich war nicht überrascht.
es war die letzte konsequenz.
die ich gedanklich selbst schon tausendfach durchgespielt habe.
und immer noch durchspiele.
tag für tag.

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