Mittwoch, 9. Oktober 2013
vielleicht ist unser leben in wenigen stunden vorbei
morgen soll der sturm fukushima erreichen. und dann gnade uns gott.

die einzige quelle, die darüber berichtet:

das schreckensszenario

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Dienstag, 8. Oktober 2013
murmuration
das schnattern, quietschen, schnarren und brausen übertönt den lärm des berufsverkehrs an der großen kreuzung. schwarze schwingen durchstreifen den abendhimmel nach den gesetzen einer geheimnisvollen choreografie. steigen in wellen auf und ab. zerfließen und finden sich neu.

es ist das erste mal, dass ich den formationsflug der stare erlebe. mitten in der großstadt.

als einzige von vielen gehetzten bleibe ich stehen. hebe den kopf. und schaue. und kann den blick nicht mehr abwenden. auch wenn die formationen irgendwann verschwimmen. weil mir die tränen in die augen steigen ob so viel erhabenheit und schönheit.

für alle, die nicht wissen, wovon ich spreche:

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Montag, 7. Oktober 2013
kaffeetrinken
ich sitze im café, alleine, in bester gesellschaft von monsieur houellebecq, als sich ein typ zu mir gesellt. er ordert ein astra und schaut zu mir, immer wieder. ich spüre, wie seine neugier wie eine ameisenstraße über den rand meines buches kriecht und die buchstaben vor meinen augen zerwimmelt. ich kann nicht umhin und wende den blick aus den seiten ab ins gesicht meines tischgenossen. er fixiert mich, lächelt, irgendwie sexy.

unsere blicke hängen ineinander, ich spüre ein gefährliches pulsieren, dann packt der typ meinen stuhl und zieht ihn zu sich heran. sehr dominant. sehr bestimmt. langsam nähert sich seine hand meinem knie, dann zieht er meine beine in seinen schoß.
"hey", sage ich, ansatzweise protestierend.
"hey", sagt er sanft und weich.
und küsst mich einfach.

"schüchtern bist du gar nicht", sage ich.
"doch, total", erwidert der mann ernst.
"kennen wir uns eigentlich?"
"nein", sagt der mann. "aber du hast... so eine ausstrahlung."
"wie was?"
"keine ahnung. du bist... wie vom mars oder so."
ich mustere den typ von kopf bis fuß. er sieht normal und gepflegt aus. hübsch. irgendwo anfang bis mitte dreißig, schätze ich. ein bisschen spießig und gut situiert. nicht der typ, der sonst normalerweise auf mich steht.

er fängt an, meine beine zu streicheln. angenehm. ich bin weniger überrascht als fasziniert. ansatzweise angesext. die anderen cafébesucher glotzen. dann küssen wir uns wieder und hören gar nicht mehr auf.

als es dämmert, sitzen wir da noch immer. es wird kalt und ich schlinge meinen wintermantel um mich. der typ steckt seine hände darunter. nun kann niemand mehr sehen, wohin seine finger wandern.
"warm" sagt er und atmet schneller.
"tropisch", flüstere ich.
dann komme ich sehr, sehr leise und unauffällig.

der mann lacht in sich hinein. seine erektion presst sich durch seine jeans. ich lasse die hand darüber wandern, bis er sagt, dass er nicht mehr kann.
"das gilt nicht", wispere ich. "ich habe auch ein nasses höschen."
"hast du gummis dabei", will er atemlos wissen.
"nee", sage ich.
"schade", sagt der mann, "ich würde dich jetzt so gerne ficken."
ich lache und genieße meine macht über den moment.

wir trinken noch ein glas wein zusammen, bemüht, die contenance zu wahren und nicht des cafés verwiesen zu werden.
"sehen wir uns wieder", will der typ später wissen.
ich nicke.
"wenn du keine beziehung suchst."
"nein", sagt der typ.
dann lächeln wir und umarmen uns zum abschied. der mann küsst meinen hals, während seine hände meine brüste berühren, und ich dankbar bin, dass ich gerade mal keinen bh trage.

"ich rufe dich an", verspricht der typ, als er meine nummer ins handy tippt.
ich drehe mich um und winke nonchalant.
dann stakse ich auf meinen hohen absätzen nach hause, mit weichen knien und einem frivolen kichern in der tiefe der kehle.

manchmal muss man das leben für seinen irrsinn einfach lieben.

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Samstag, 5. Oktober 2013
a night to remember
seitdem ich meine medikamente abgesetzt habe, hat sich das verhältnis schlaf zu beischlaf deutlich zugunsten des letzteren verschoben.

gestern gehe ich aus und begegne zufällig dem dritten, der den langen weg aus h nach hh genommen hat, um party zu machen und um sich mit dem objekt zu treffen. doch das objekt behandelt uns alle gleich demokratisch schlecht:
"ich hab dem zehn smsen geschickt und mehrmals angerufen", berichtet der dritte. "keine resonanz. und das, wo ich doch sein bester freund bin."
genau wie auch ich kaut der dritte mann immer wieder an diesen zurückweisungen, die eigentlich niemals so gemeint sind, die man aber dennoch so empfinden kann.
"tja", sage ich.
"tja", sagt der dritte.
"wo haste denn heute deine frau gelassen", wechsle ich das thema.
"zuhause", sagt der dritte und in seine augen stiehlt sich ein glitzern, das ich so gut kenne. dann schmiegt der dritte seinen kopf an meine schulter und ich weiß, wie der abend enden wird.

und tatsächlich: unter dem vorwand, dass er schrecklich blau sei und es ihm ganz schlecht gehe, quartiert sich der dritte bei mir ein. bei mir zuhause gesteht er mir dann, dass er eigentlich gar nicht so betrunken sei.
"das wusste ich doch", sage ich.
"oh nein", schämt sich der dritte. "ich kann einfach nicht lügen."
"du kannst doch auch direkt fragen."
"wie jetzt? hallo morphine, nimmst du mich mit?"
"zum beispiel."
"ich weiß nicht, dazu habe ich zu viel respekt vor dir."
"jetzt mach aber mal halblang. wie lange kennen wir uns jetzt? dreieinhalb jahre?"
da lächelt der dritte sein entwaffnendes jungslächeln und zieht mich an sich.

dann schält er sich aus hemd und hose und klettert zu mir unter die decke.
"sag mal, ist das nicht ne jacke vom objekt?" fragt der dritte und zeigt auf eine kapuzenjacke mit tribals, die über meinem bett hängt.
"nee", antworte ich.
"hm", sagt der dritte, schweigt und fragt dann:
"denkst du auch noch manchmal an unsere nächte zu dritt?"
"klar. ziemlich oft sogar. das war doch phänomenal damals."
der dritte küsst mich und schiebt seine hand unter mein t-shirt.
"wollen wir ihn anrufen?"
"wie? jetzt?"
"ja."
ich richte mich auf und überlege.
"also da er nicht auf party war, hatte er bestimmt nachtschicht. aber jetzt ist ja schon nach sechs, der ist bestimmt schon auf dem weg nachhause zu seiner alten. und ich weiß auch nicht, ob er so direkt nach dem job ficken kommen wollen würde."
"das ist doch kein fick, das ist der event des jahrtausends."
"wenn ich ihn anrufe, geht er bestimmt nicht ran."
"ach egal, lassen wir das. wir können ihm ja hinterher eine gemeinsame sms schicken, was er so verpasst hat."
ich kichere.
"du bist ganz schön fies."
"hat er aber verdient. ich verstehe sowieso nicht, warum der mit der gespielin zusammen ist. ich hab mir immer so gewünscht, dass ihr beide richtig fest zusammenkommt."
"mit ihr kann er lachen und es ist alles einfach, sagt er."
"aber er liebt sie doch gar nicht."
"nein, das tut er wohl nicht. aber er brauchte ja eine wohnung, du erinnerst dich?"
"trotzdem, wie kann sich ein so freiheitlicher mensch wie das objekt in so eine zwangssituation begeben?"
"der wird alt. ab ende 30 werden männer beguem. das hatte ich in meiner letzten langen beziehung, das war die reinste komfortzonenpflege."
"trotzdem. was der an der findet, verstehe ich nicht."
"ich auch nicht. ich hab ihm ja ganz klipp und klar mal gesagt, sein frauengeschmack hat wohl ziemlich gelitten."
der dritte kichert.
"und was er drauf gesagt?"
"nüscht. war beleidigt, denke ich."
"höchstens, weil er weiß, dass du recht hast", grinst der dritte und küsst mich erneut.

zum ersten mal seit langem fühle ich mich völlig befreit beim sex mit einem mann, der nicht das objekt ist. das liegt auch am dritten, der nicht nur fantastische anatomische kenntnisse hat, sondern ein absolut leidenschaftlicher liebhaber ist. aber ich selbst bin ebenfalls ganz bei der sache. sämtliche hautsensoren kommunizieren direkt mit meinem unterleib und befeuern die kleinen flammen der lust, die sich zur großen explosion emporlecken.
"wahnsinn", sagt der dritte, als er einmal kurz innehält, "ich kann das gar nicht fassen, dass das mit dir immer so schön ist."

später stehen wir nackt am fenster und rauchen. drunten gehen die ersten menschen mit ihren hunden gassi, gegenüber schüttelt eine frau die betten auf.
"ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mal so lebe", sage ich. "dass ich so eine hausfrau bin, die samstagmorgen um neun betten macht und ihrem mann ein frühstücksei kocht."
der dritte grinst.
"nee, das könntest du nicht. niemals. dafür bist du nicht gemacht."
er streichelt zärtlich meinen po.
"für was bin ich dann gemacht?"
der dritte überlegt.
"du bist die befreierin."
"von was?"
"von allen konventionen."
der dritte grinst.
"das hast du gut gesagt", erwidere ich.

wir kriechen wieder in bett.
"es ist halb zehn und ich bin total wach", sage ich.
"geht mir genauso", meint der dritte.
"trotzdem, lass uns mal versuchen zu schlafen."
aneinandergekuschelt schlafen wir ein, bis um eins die drittefreundin anruft und wissen will, wo der dritte ist.
"tut mir leid", sagt der dritte, als er die situation geklärt hat, indem er behauptete, er sei bei seinen eltern. "ich will nicht, dass du dir gedanken machst."
"ich mache mir nie gedanken."
der dritte schüttelt den kopf und lächelt:
"du bist die einzige frau, die ich kenne, die so tickt."
"tja. du weißt doch, ich bin die befreierin. ich kann doch keine fesseln gebrauchen. auch keine gedanklichen."

der dritte schlüpft hastig in seine klamotten, putzt zähne, raucht noch eine mit mir und macht sich dann auf den weg zu bahnhof.
"wir sehen uns wieder", sagt er an der tür bestimmt. "genau so, nur MIT dem objekt", und ich nicke und lächle, nicht zuletzt, weil ich irgendwie tatsächlich daran glaube.

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Freitag, 4. Oktober 2013
eigenbrötlerinnen unter sich
feiertagsnachmittägliches treffen mit meiner freundin h. in der schanze.
"und, was machen die männer?" fragt mich h. und erwartet turbulente stories wie immer.
ich berichte von meinem letzten langweiligen beziehungsversuch.
"wir hatten schon spaß, irgendwie... wenn wir so zusammensaßen wie wir beide hier. der war theoretisch schon sehr okay. aber so der rest, weißte? dieses akademische geschwaller und dieses permanente rekurrieren auf seinen bildungshintergrund... und dazu dann diese undifferenzierte weltanschauung..."
"das sind schon faktoren, die viel kaputt machen können", findet h.
"ausschlagebend war aber der miese sex."
h. kichert sich einen.
"wie jetzt genau?"
"der war weder pervers noch hatte er potenzprobleme oder so... der hatte einen wunderschönen, großen schwanz. aber damit wusste der nicht viel anzufangen. und auch sonst... sehr romantisch. übertrieben romantisch..."
"kitschig", vollendet h. meine überlegung.
"er stand auf vollmond und liebte spaziergänge in der hafencity!"
"uh, hafencity, dieses tote betonviertel?!"
"ich dachte auch immer, das finden nur schwerreiche senioren mit akuter geschmacksverirrung gut."

wir nuckeln an unseren überteuerten handgepflückten bio-tees.
"und was hast du so gemacht?" frage ich.
"och, nix mit männern", sagt h.
"nicht? aber brauchst du keinen sex?"
"ich hab mich mal bei so einer datingplattform angemeldet. aber da war nix dabei."
"sowas mach ich nur für onenightstands."
"ich mag das nicht."
"mir ist das lieber als so ein sophisticated idiot, der mich durch die hafencity schleift."
h. muss schon wieder kichern.
"deshalb liebe ich die gespräche mit dir so."
"gestern hab ich voll das schöne kompliment von der lederjacke bekommen. dass ich eine der intelligentesten und unterhaltsamsten frauen für ihn bin."
"warum biste denn eigentlich nicht mit dem zusammen?"
"der ist bekennender gefühlslegasteniker."
"wie äußert sich das?"
"perfektionismus, hygienefimmel, allgemeine unterkühltheit und unentspannter sex. also wenn er nüchtern ist. gevögelt haben wir daher immer nur besoffen."
"das klingt ja furchtbar."
"neeeeeiiiin. der ist mir tausendmal lieber als neue mann es war. die lederjacke ist fein. klug. lustig. lieb. subversiv. und loyal. sehr sogar. und sie riecht so gut."
"und sieht gut aus."
ich grinse und nicke.

"hast du noch kontakt zum objekt", fragt h.
"ja."
"ja leider oder ja zum glück?"
"beides. ach naja. eigentlich verstehen wir uns wieder ganz gut."
"aber da ist nichts mehr?"
"doch, samstag vor einer woche haben wir geknutscht."
"warst du da noch mit dem anderen zusammen?"
"nee, ich hab mich, kurz bevor ich zur party gefahren bin, noch schnell getrennt."
h. lacht laut.
"typisch du."
"ich bin eben pragmatisch. so musste ich mir nicht vorwerfen, dass ich ihn betrogen habe."
"ach komm, so oder so, du hättet dir sowieso keine vorwürfe gemacht."
"naja, stimmt. moral ist nur was für die, die sich das leisten können."
und wir lachen.

"ich finde es schade, dass sich unser club-freundeskreis so zerschlagen hat", sagt h. "das war mal so schön."
"ja. aber man kann ja auch nicht immer in club rennen. bald sind wir eh zu alt."
"ja. ich mach jetzt auch viel mehr so für mich", sagt h.
"was denn so?"
"ich geh viel schwimmen..."
"ich auch!"
"schwimmen ist super."
"schwimmen ist oberklasse! und sonst?"
"ich habe mal überlegt, einen spieleabend zu organisieren", sagt h. nachdenklich.
ich verziehe das gesicht:
"vorher veranstalten wir aber eine tupper-party. oder einen kollektiven häkel-abend, bei dem wir uns so alberne toilettenpapiermützchen machen."
"du würdest da echt nicht mitspielen", fragt h. ein bisschen enttäuscht."
"naja, meinetwegen", sage ich, "aber dann bitte strippoker."
"geht klar", sagt h.

als wir ausgetrunken und gezahlt haben, schlendern wir noch ein wenig umher.
"was machen eigentlich deine jungs", frage ich h., die chinchillas hat.
"die werden alt. der eine kommt gar nicht mehr aus dem käfig, wenn ich die rauslassen will. der ist total faul geworden."
"meine katze ist auch faul."
"siehste, wir werden eben alle alt."
"und wählerisch und nörgelig."
"und eigenbrötlerisch."
"ich weiß nicht, ich finde das ja gut, dass man irgendwann keine kompromisse mehr macht."
"macht aber auch einsam", erwidert h.
"bist du einsam?"
"manchmal", gibt h. zu.
"ich bin happy mit mir selbst. also zumindest zur zeit. ich kann mir das gar nicht mehr vorstellen, mit einem typen zusammen zu sein."
"außer mit dem objekt", stichelt h.
"ausnahmen bestätigen die regel", kontere ich. "und ein bisschen träumen ist ja erlaubt."
"mir wäre der zu chaotisch. und der ist auch echt strange."
"er ist chaotisch und strange. aber genau das finde ich ja so spannend an ihm. vielleicht, weil ich immer so arschlangweilige saubermänner hatte."
"ich hab anfangs immer gedacht, der färbt sich die haare so rot."
ich kichere.
"nee, der ist so wie gott ihn schuf. ab und an mal wimperntusche, das ist alles."
"hässlich ist er ja nicht", sagt h. nachdenklich.
"nein, leider."

an der sternbrücke trennen wir uns. h. wohnt um die ecke, ich will noch in den schanzenmarkt.
"bis bald", sagt h. und drückt mich.
"bleib sauber und streichle deine katze von mir."
"grüß die jungs... und dann bis zu unserer tupper-strip-party", sage ich.
dann ziehen wir unserer wege, eigenbrötlerinnen, die wir sind.

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