Montag, 27. Mai 2013
die fauchkatze, der terrortaxifahrer und der entenkind-adoptivvaddi
gestern kam meine neue pflegekatze an. sie ist 13, latent übergewichtig und ziemlich aggro, obwohl das exfrauchen sie als sehr lieb beschrieben hat. verkaufstricks, denk ich mir und fühle mich über den tisch gezogen.

die olle katze macht es erstmal wie mademoisellchen: ab unters bett. da sitzt sie auch noch, als die lederjacke aufschlägt, mit der ich zum abendspaziergang verabredet bin.
ich lasse mich in das wohlriechende sweatshirt der lederjacke sinken und jaule:
"ich glaube, ich mag meine neue katze nicht und die mag mich auch nicht."
"ach komm, das wird noch", tröstet mich die lederjacke.
"die faucht", sage ich frustriert.
die lederjacke legt sich auf den boden und guckt unters bett:
"hey olle katze!"
die katze glotzt und faucht.
"die hat voll die pupillen, hast du der deine drogen gegeben", frotzelt die lederjacke.
"haha", sage ich.
die lederjacke wird wieder ernst:
"die hat ganz schön viel angst."
"ich weiß."
"na komm", schubst mich die lederjacke versöhnlich, "lass uns rausgehen, dann ist sie ein bisschen allein und kann mal relaxen."

ich nehme die lederjacke mit ins moor.
"boah, ist das schön hier!", ist die lederjacke beeindruckt, als wir am see stehen. um uns herum zwitschern die vögel ihre abendlieder, während zwei schwarze schwäne ihre runden ziehen und vereinzelt ein frosch quakt.
"lass uns noch da hinten lang gehen, da sind immer ganz viele wasserlilien", sage ich und die lederjacke ist einverstanden, obwohl es wie aus kübeln schifft.

"wie war eigentlich dein wochenende mit deinen eltern?" frage ich die lederjacke. "sind die heute zurückgefahren?"
"die waren gar nicht da", erzählt die lederjacke. "denen war das wetter zu mies."
"und was haste stattdessen gemacht?"
"weiß ich nicht mehr so ganz."
"gesoffen?"
"hm", sagt die lederjacke und schlägt schuldbewusst die augen nieder.
"schlimm?"
"ich hab am freitag über 100 euro versoffen."
"alter!" ich bleibe stehen und reiße die augen auf.
"und dann hab ich ein taxi genommen... und wir sind ne weile rumgefahren, weil ich nicht mehr wusste, wo ich wohne. aber dann waren wir endlich bei mir und da hab ich voll scheiße gebaut."
"warum?"
"ich hatte keine kohle mehr, hab dem taxifahrer also gesagt, er soll warten, ich geh eben hoch geld holen... und dann weiß ich nichts mehr."
"und wo ist jetzt das problem?"
"ich weiß nicht, ob ich den bezahlt habe. und mein ausweis ist weg... ich hab angst, dass der taxifahrer den hat."
"na und? der ist doch bestimmt so schlau und gibt den beim fundbüro oder so ab."
"aber wenn ich den doch nicht bezahlt hab, ist der bestimmt sauer und kommt wieder."
"war das so ein haudruff-typ?"
"weiß ich nicht mehr! kann mich doch an nix erinnern!"
"steht denn deine neue adresse schon auf deinem ausweis?"
"nee."
"na also!"
"aber mein name!"
"meinste, der macht sich die arbeit und kriecht zwischen den hochhäusern hier rum und sucht deinen namen an den klingelschildern?"
"kann doch sein."
"und wie viel, denkst du, schuldest du ihm?"
"hm... son fuffi?"
"oh mann..."
"ja was meinste denn jetzt? meinst du, der kommt und haut mir auf die fresse?" insistiert die lederjacke.
"unwahrscheinlich."
"aber ausschließen würdest du es nicht?"
"nein, kann ich nicht."
"und was soll ich jetzt tun?"
ich ziehe die augenbrauen hoch:
"mal nicht immer bis zum filmriss saufen?"
"danke", sagt die lederjacke leicht beleidigt und dann:
"naja, hast ja recht."
"ich hab immer recht", grinse ich.

als wir bei den lilien stehen und entzückt in das gelbe blütenmeer glotzen, schwimmt auf einmal eine entenfamilie vorbei.
"guck mal", stupse ich die lederjacke aufgeregt an, "entenkinder!"
"süß", findet die lederjacke, um dann laut zu rufen:
"hey, entenkinder!"
die entenfamilie ist sichtlich erschrocken. der entenpapa legt einen zahn zu und seine crew folgt ihm flugs - bis auf ein entenkind, das neugierig kehrt macht und richtung lederjacke schwimmt.

dann stehen sich entenkind und lederjacke gegenüber und die lederjacke wird ganz verlegen:
"scheiße... los... hau schon ab... schwimm wieder zu deiner family!"
"das bleibt jetzt bei dir", lache ich.
"das geht bestimmt gleich wieder, wenn es merkt, dass es nichts zu fressen kriegt", ist die lederjacke überzeugt.
doch das entenkind straft die lederjacke lügen. es bleibt. es guckt knopfäugig. es fiept. und als wir beschließen weiterzugehen, folgt es uns am ufer entlang.
"oh mann", sagt die lederjacke genervt und gerührt zugleich.
"tja", sage ich. "jetzt hast du den salat. es hat dich adoptiert. es wird nie wieder zu seiner familie zurückkehren... und wenn du nicht bei ihm bleibst, hat es gar niemanden mehr."
"haha."

irgendwann verlieren wir das entenkind im schilf.
"hoffentlich kommt es gut zu seinen eltern zurück", meint die lederjacke unruhig auf dem nachhauseweg, und ich muss lächeln, weil die lederjacke genauso tierlieb wie ich ist.

als wir wieder bei mir sind, sind wir bis auf die haut durchgeweicht. meine jeans sind schlammig bis zu den knien.
"du bröselst", sagt die lederjacke liebevoll, als ich die jeans ausziehe und in etwas trockenes schlüpfe.
"wollen wir film gucken?" frage ich.
"auja", sagt die lederjacke.
"ich muss der ollen aber erst noch was zu futtern geben."
"ja, mach mal."
ich wähle thunfisch, obwohl das schlimm stinkt, aber ich weiß, die neue kitty steht extrem drauf. vielleicht hilft ein lieblingsfressi ja beim befreunden.

wir finden die olle katze unter dem schreibtisch. sie funkelt uns mit großen eulenaugen an. ich lege mich auf den boden, damit ich kleiner bin, mache mich lang und schiebe den futternapf ganz vorsichtig und langsam an die katze ran. die lederjacke beobachtet die szene gespannt aus der entfernung. als ich den napf ungefähr 20 zentimeter vor der schnauze der katze platziert habe, springt sie wieder auf und faucht. da reißt mir der geduldsfaden und ich fauche zurück. die katze guckt erschrocken und verkrümelt sich.
die lederjacke steht unter der tür und lacht sich schlapp.
"das ist nicht zum lachen", schaufe ich entrüstet, während sich die lederjacke kaum mehr einkriegt:
"ihr seid mir schon zwei sone diven!"

dann liegen wir im bett und gucken film. die lederjacke ist nah und riecht gut. ich rutsche richtung achselhöhle und schnuppere.
die lederjacke grinst.
"wenigstens bleibst du ne schmusekatze."
"na hör mal, ich bin selektiv kontaktfreudig."
"welcher psychoheini hat dir denn den scheiß erzählt?"
"keiner. steht in meinem grundschulgutachten."
"heißt auch nichts anderes als dass du ein kleiner eigenbrötler bist."
"na und?" sage ich ziemlich aggressiv.
"nicht aufregen, ja? mich musst du nicht anfauchen", lacht die lederjacke.
"außerdem bin ich auch ziemlich komisch und ich finde es toll, dass wenigstens du mit mir klarkommst."

als der film zu ende ist, liegen wir noch ein weilchen mit vollen bäuchen zwischen leeren gummibärchentüten und trinken wodka energy. dann muss die lederjacke nach hause und ich ins bett.

als ich die tür hinter der lederjacke schließe, steht die katze hinter mir. ich erschrecke mich und stoße einen kleinen schrei aus. die katze erschrickt sich ebenfalls und rumpelt unter das bett.
ich seufze und gehe zähneputzen. nunja. man muss es ja nicht übertreiben mit der freundschaft. und morgen ist schließlich auch noch ein tag...

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Freitag, 24. Mai 2013
kittencontent
man meint ja, es könne ihn kein wässerchen trüben.




aber das täuscht. ganz gewaltig.

lieblingsbeschäftigungen dieser woche:

- auf der tastatur spazieren gehen, wenn ich gerade eine wichtige geschätliche e-mail tippe. so hat er heute eine mail mit "ffffföööööp" an einen vorstandswichtigwichser geschickt. zum glück gemerkt, fettes sorry hinterhergeschickt.

- im hinterhalt lauern und mich dann anspringen, weil man an strumpfhosen so schön laufmaschen mit den krallen ziehen kann.

- auf meine schulter klettern und meine haare anfressen

- dabei gerne auch fangen mit meinen ohrringen spielen (bis dass das blut fließt)

- hingebungsvoll meine flauschejacke lecken (potenzieller artgenosse). flauschejacke riecht jetzt nach katzenmundgeruch.

- mein telefonkabel durchnagen

tja. aber was soll man sagen außer: "hach, ist der süß!"?

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Mittwoch, 22. Mai 2013
dritter streich - against the shitstorm of life
nachdem ich den pfingstsonntag in mittellosigkeit verbracht habe, klingelt das telefon und die lederjacke ist dran. da ich deprimiert klinge, fragt sie nach, was sich seit samstagnacht so ereignet hat. ich erzähle zunächst die objektgeschichte in lederjackenfreundlichen auszügen und komme dann bei meiner finanzmisere an.
"wie viel brauchst du denn?" will die lederjacke wissen.
"naja... ich muss irgendwie durch die woche kommen..."
"sag einfach eine summe und ich leih sie dir."

die lederjacke hat mein loyalitätsprinzip verstanden: in der not sind freunde einander unbedingt verpflichtet.
"n fuffi?", frage ich zaghaft.
"das ist doch lächerlich", findet die lederjacke. "ich geb dir 100, okay?"
"hast du denn dann noch genug für den monat?"
"ich hab jetzt ziemlich genau noch... warte mal..." die lederjacke macht kassensturz, um dann bedröppelt zu sagen:
"öhem, 200 euro."
"dann kannst du mir unmöglich die hälfte davon leihen!"
"hör mal, du hast mir auch geholfen. sehr sogar."
"nee, nee. also wir machen das wenn dann jetzt so: du gibst mir jetzt deine kontoverbindung und ich überweise dir was, was du mir dann auszahlst."
die lederjacke lässt es sich nicht anmerken, aber ich kann die erleichterung spüren, die durch den hörer tropft.
"ja, das ist prima!"

wir machen rasch die transaktion, dann fragt die lederjacke:
"magst du gleich vorbeikommen?"
"klar. es regnet zwar, aber ich brauche ja meine kohle."
"ich mach nen tee, okay?"
"auja. hast du noch kippen?"
"tabak."
"magst du mir eine drehen, bis ich da bin?"
"klar doch", sagt der gentleman.
ich merke, dass ich mich wahnsinnig freue.
"bis gleich dann... und dank dir!"
"jetzt hör aber auf!" kontert die lederjacke.

ich radle durch den regen und komme klatschnass an. als ich unter der tür stehe, beäugt mich die lederjacke misstrauisch und guckt dann sehr erleichtert, weil ich schuhe und jacke schon im flur ausziehe. ich grinse verständnisvoll. in sachen sauberkeit sind die lederjacke und ich uns unglaublich ähnlich.
"du siehst lustig aus", findet die lederjacke.
"ich knutsch dich gleich, dann siehst du auch lustig aus", erwidere ich.

die lederjacke lacht und schubst mich dann mit tee und wolldecke in den händen in die gute stube.
ich setze mich und schaue der lederjacke ins gesicht.
"jetzt erzähl mal, wie war der umzug gestern?"
"umzug war okay. nur dann hab ich was getrunken und mich total mit meinem bruder gestritten."
"oha."
"ja, ich war total assig zu dem, und dabei hat der doch liebeskummer!"
"naja, aber der muss ja auch sehen, was du fürn stress hast. der anstrengende behördenjob, die schulden wegen deinem bafög und dem studienkredit und dann der umzug! du hast da auch ein päckchen zu tragen..."
"das sieht der nicht, der ist ja auch erst 24."
"naja, gut, er ist halt noch jung... aber ich finde, man merkt es dir total an, unter was für ner spannung du stehst."
"du schon. der nicht."
"aber du machst dir jetzt trotzdem vorwürfe, was? so als der älteste bruder vom ganzen clan?"
"klar."
"unklar. hast du mal drüber nachgedacht, was du dir damit für ne rolle auflastest?"
die lederjacke ist ganz still geworden.
"vielleicht hat das ja auch was mit deinen schlafproblemen zu tun."
"ich hab keine schlafprobleme! also nicht immer", wehrt die lederjacke ab.
"wenn du mal nicht besoffen bist, dann haste immer welche", analysiere ich messerscharf.
"naja, hast ja recht", gibt die lederjacke zu, um dann gleich einen plan zu machen:
"aber jetzt bist du ja da und dann trinken wir nur tee und sonst höchstens ein bier. du bist ne super suchtprävention."
"jaja, aber nur, weil du meine drogen nicht magst!" lache ich.

nachdem wir eine weile herumgesessen sind, steht die lederjacke auf, kramt in den kisten und holt dann drei antike bilder hervor.
"die wollte ich noch aufhängen, hilfst du mir?"
"klar doch. was soll ich machen?"
"halt die mal an die wand da! aber gerade!"
"aye-aye."

während ich mich mit bild an der wand langmache, steht die lederjacke unter der tür und guckt.
"bisschen runter... ja... nee, auch mit der linken kante... nee, jetzt biste rechts zu weit oben!" dirigiert sie mich, bis es dann endlich passt und die lederjacke sich mit hammer und nagel bewaffnet ans werk macht. dann hängen die drei bilder, die, wie ich erfahre, der lederjacken-großvater alle selbst gemacht hat, mit linolschnitt und anderem kladderadatsch.

"manchmal hätte ich gern damals gelebt", träumt die lederjacke vor sich hin.
"im krieg?"
"naja, weniger, aber so die zeit danach... wie geil muss das sein, wenn du in einer zeit großwirst, in der es immer nur bergauf geht!"
"hm."
die lederjacke schaut mich aufmerksam an:
"du magst dein leben doch auch nicht. das ist doch die totale kacke, in der wir leben!"
"hm", sage ich wieder.
"warum machen wir das dann?" fragt die lederjacke.
"weil wir uns schuldig fühlen?" mutmaße ich. "weil wir unsere eltern nicht enttäuschen wollen? weil uns jemand dieses haus-garten-kind-schema eingetrichtert hat?"
"na, wenigstens haben wir kein beschissenes haus und keine kinder!" schmunzelt die lederjacke und lehnt sich lächelnd gegen den fensterrahmen.
was für ein hübscher mann, denke ich, und dann sage ich es einfach, und die lederjacke grinst geschmeichelt.

danach fahren wir mit dem aufzug in den 13. stock und entern die dachterrasse. oben hängt alles voller nebel, aber wir schnappen uns dennoch zwei klappstühle, drehen zigaretten, rauchen kette und diskutieren bis spät, warum alles vielleicht doch nicht ganz so kacke ist wie es sich oftmals anfühlt.

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Sonntag, 19. Mai 2013
zweiter streich oder an evening with desaster
ich fahre noch mal zur lederjacke, weil wir die wohnung noch putzen wollen. als ich ankomme, ist auch einer der fünf brüder der lederjacke da. der lederjackenbruder ist klein und rund, hat weiche gesichtszüge und guckt sehr lieb. ich bin überrascht.
"krass, ihr habt null ähnlichkeit", sage ich und schaue immer wieder vom lederjackenbruder zur lederjacke.
"ach... wennde erst mal alle von uns kennst... da sind schon überschneidungen", sagt die lederjacke.

während die lederjacke alles desinfiziert, was jemals fremde hände erreicht haben könnten, feudle ich mit dem lederjackenbruder die wohnung. wir verstehen uns auf anhieb bombe und landen nach beendigung der wischaktion bei einem bier in der küche, wo die lederjacke zu uns stößt.
"pass auf, du aschst alles voll", weise ich die lederjacke hin.
"oh sorry", sagt die lederjacke, um dann zu fragen:
"was machstn heute noch?"
ich zucke die achseln:
"vielleicht clubbing."
"schade, dass ich morgen umziehe... sonst wären wir ja mitgekommen."
"ich seh schon, ich muss bald mal wiederkommen", sagt der lederjackenbruder.

gegen halb eins trennen wir uns an der u-bahn.
"ich muss in die richtung, ich muss noch mal nach hause, duschen und mich aufbrezeln", sage ich.
"ja dann... bis bald", sagt die lederjacke und drückt mich.
"ich ruf dich morgen mal an, okay?!"
"okay", rufe ich und steige in die einfahrende bahn.

zuhause spüre ich die müdigkeit, die mir in den knochen steckt. außerdem habe ich nur noch round about zehn euro und müsste dringend geld holen. draußen schifft es comme vache qui pisse. nach einer heißen dusche fühle mich jedoch wieder munterer und schmeiße mich in ausgehklamotten.
eigentlich will ich gleich noch zur spaßkasse, aber ich bin zu spät dran. als ich um die ecke radle, kommt schon mein bus um die kurve. also nix wie rein. in altona gibt es ja auch sparkassen.

trotz starkregens nehme ich am ziel den umweg zur bank meines misstrauens. dort dann die große überraschung: man lässt mich nicht ein. offenbar ist das kartenlesegerät am eingang defekt und meine karte wird nicht erkannt.
ich fluche, zähle mein geld, neun euro und 60 cent, das ist keine gute grundlage, aber es reicht für den eintritt und die fahrkarte zurück. getränketechnisch würde ich mich einfach frech durchschnorren.

vor dem club steht das arschlochfahrrad. sofort sinkt meine restgutelaune in den keller. verdammt, ich wollte mich ja gewitzt rächen und keine konfrontation mehr.

erstmal rein und aufs klo. dort treffe ich die neue flamme von mr. shyguy, die mich zum rauchen überredet. wir gehen noch mal kurz vor die tür und ziehen einen durch. da ich aufgeregt und schon wieder wütend bin, wirkt das dope nicht beruhigend wie sonst, sondern verursacht mir einen megaherzschlag, von dem mir schlecht wird.
"alles gut?" fragt mich die neue mrs. shyguy und guckt besorgt.
"jaja", sage ich, denn mrs. shyguy kennt die unselige objektstory ja nicht.

im club gibt es mal wieder mittelprächtige musik und mittelmäßige menschen. ich sage mr. shyguy und einem bekannten hallo. dann hänge ich mit dem bekannten an der bar. der bekannte guckt deprimiert, weil er ein laufendes gerichtsverfahren an der backe und ein gesperrtes konto hat.
"und dabei war ich mal unternehmer und hatte 20 angestellte", seufzt der bekannte frustriert. "manchmal möchte ich einfach nur hoch zur bahn gehen und den kopf auf die gleise legen." der bekannte hat sein unternehmen in die insolvenz gefahren, weil er sehr lange sehr krank war und vom krankenhaus aus zu wenig kontrolle über seinen betrieb hatte. als die auftraglage einbrach, hat er den schweren fehler begangen, seine angestellten fairerweise weiterzubezahlen und so ratzfatz schulden im sechsstelligen bereich angehäuft.
"du musst ein schwein sein in dieser welt..." intoniere ich und der bekannte lacht wieder ein bisschen.

dann betritt das arschloch den raum. es sieht mich und macht stante pede kehrt. in mir steigt ein 10000 grad heißer zorn auf.
"warte mal", sage ich zu meinem bekannten.
an der bar erwische ich das objekt. es kehrt mit den rücken zu wie ein kind, das nach dem motto "wenn ich dich nicht sehe, kannst du mich auch nicht sehen" handelt.
ich muss mich stark zusammenreißen, nicht gleich zuzuschlagen, sondern tippe ihm nur sehr energisch auf die schulter. es dreht sich um und glotzt.
"hallo", sage ich.
das arschloch guckt nur stumm.
"wir haben ein hühnchen zu rupfen, mein freund", grolle ich. "kommst du mal bitte mit."
"nicht jetzt", wehrt sich das objekt.
"es geht nicht immer nur um deine bedürfnisse!" werde ich laut.
da lässt sich objekt widerstandslos mitzerren.
"also", setze ich wieder an, als wir in einer ruhigen ecke stehen. "keine sorge, ich will nichts von dir. mit dir bin ich durch. ich will nur wissen, wann ich mit meinen sachen rechnen kann!"
offenbar hat sich das objekt doch die mühe gemacht, sich eine lösung zu überlegen.
"ich könnte sie dir schicken."
"ja, das ist gut", bin ich einverstanden. "schicken ist sehr gut. ansonsten bring sie mir vorbei, wenn ich nicht da bin. weißt ja, wann ich arbeite. kannst sie mir einfach vor die tür schmeißen, in meinem haus wird nicht geklaut."
"wenn du deswegen ausgaben hast, ersetz ich dir die natürlich", sagt das objekt zu meiner überraschung. sieh mal an, da schimmert ja ein rest anstand und charakter durch.
"nein", sage ich, "ich will kein geld von dir."
"ich will aber nicht diskutieren", fährt das objekt fort. "nicht heute. ich bin heute nicht konfliktfähig."
ich schnaube verachtungsvoll.
"wann warst du das je?!"
da dreht sich das objekt um und geht.

das wars, denke ich, und spüre die endgültigkeit als gewissheit vom herzen in richtung tränendrüsen steigen. ich reiße mich zusammen, hole meine sachen von der gardarobenfrau und sage mr. und mrs. shyguy tschüß.
mr. shyguy guckt traurig:
"es ist wirklich unfassbar, wie das mit dem objekt und dir so eskalieren konnte. ich dachte immer, er und du, das ist für die ewigkeit."
ich ringe mit den tränen.
"ist nicht alles seine schuld, glaub mir, auch wenn er in den letzten wochen einfach ein totaler arsch war. ich weiß nur, ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr."

dann gehe ich nach draußen, schleppe mich zur haltestelle und heule ein bisschen, bis mir mein geldproblem wieder einfällt. zum glück ist da an der ecke eine haspa-filiale. doch als ich meine karte ins lesegerät halte, wiederholt sich das spiel von vorhin: karte ungültig. spitze. und das vor den beknackten feiertagen. ich kann mein pech nicht fassen, finde aber, dass die geschichte mit der karte super zum rest des beschissenen abends passt.

als ich zuhause endlich ins bett falle, fühle ich mich müde und ausgetrocknet vom weinen, todtraurig und dennoch ein kleines bisschen befreit. du bist auch nicht einsamer als zuvor, sage ich mir, bevor ich die augen schließe und einschlafe.

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Samstag, 18. Mai 2013
der erste streich
die lederjacke hat sich eine wohnung ergeiert. zum ersten mal im leben eine eigene, keine wg.
"hilfst du mir streichen?" bettelt die lederjacke, und da ich gerne rumschmiere, sage ich zu.

als ich gegen acht vor der hochhausfront stehe, bin ich zunächst enttäuscht. aber wie so oft: außen pfui, innen hui - die lederjacke hat eine wunderschön geschnittene, helle kleine wohnung und eine unfassbar geile dachterrasse.

"hier kannst du ja ferien machen", finde ich und lehne mich gegen die verglaste absperrung.
"wenn nicht gerade ein gewitter dazwischenkommt", erwidert die lederjacke und zeigt auf eine beachtliche dunkle wolkenfront, die vom hafen heraufzieht.
"wie viele stockwerke hat das haus denn?"
"wir sind jetzt über dem 13.", antwortet die lederjacke.
"hui, dann sollten wir jetzt machen, dass wir reinkommen, sonst trifft uns der blitz!"
"das ist hier schon gut möglich, hier kommt ganz schön was runter", zeigt die lederjacke auf die blitzableiter neben uns.

während draußen ein unwetter niedergeht, legen wir drinnen die folien aus, kleben die lichtschalter und steckdosen ab und fangen im großen zimmer an.
gegen mitternacht machen wir eine pause, rauchen eine und trinken ein bier.
"wir sind richtig weit gekommen", bin ich stolz.
"hast du noch kraft?"
"klar. ich will auf jeden fall weitermachen."
"hey, was meinst du, schaffen wir heute nacht die ganze wohnung?"
"gucken wir mal."

und während wir so auf dem fensterbrett sitzen, die beine baumeln lassen und uns verschwitzt anstrahlen, ertönt plötzlich ein lauter knall.
"was war das?!"
die lederjacke ist beunruhigt aufgesprungen:
"das kam aus der küche!"
zusammen rennen wir in die küche - und mitten in ein splitterfeld.
"was zum teufel ist das?!" ruft die lederjacke entsetzt.
"da, der ofen!"
ich zeige auf den ofen, dessen front fehlt.
"alles voller glas!"
die gesamte glasfront des ofens war herausgesprungen und in tausend stücke zerbrochen.
die lederjacke kniet sich ungläubig nieder und inspiziert den schaden.
"nicht anfassen!" mahne ich, "machen wir erst die sicherung raus, am ende war da spannung drauf."
die lederjacke tappt in den flur und hantiert am sicherungskasten.
"geh du bitte in den flur, du bist barfuß", ermahnt sie mich, dann holt sie schaufel und besen und beseitigt die scherben.
"kannst du dir das erklären", ruft die lederjacke in den flur.
"nicht wirklich", sage ich. "das ist echt ungewöhnlich. das glas ist ja auch total dick, das geht doch nicht mal kaputt, wenn man da dagegen rennt. also das einzige, was mir einfällt, ist, dass da irgendwie spannung drauf war."

die lederjacke kommt in den flur.
"also ich finde das unheimlich."
in diesem moment beginnt die deckenlampe zu flackern.
"ein poltergeist", lache ich. "du hast nen poltergeist. das ist die erklärung."
"du glaubst nicht ernsthaft an so nen scheiß", sagt die lederjacke.
"na, es liegt doch total nahe", kichere ich.
"hör auf mit so einem mist."
"ich hatte mal einen exfreund, der glaubte, wenn man dinge ausspricht, dann treten sie auch ein."
"du warst auch nur mit psychos zusammen, kein wunder, dass du depressiv geworden bist!" findet die lederjacke.

dann streichen wir weiter - ich im bad, die lederjacke im flur. plötzlich höre ich gesang.
ich hole die lederjacke ins bad.
"herzlichen glückwunsch, du hast auch singende nachbarn."
gemeinsam lauschen wir.
"aber wer singt denn bitte nachts um halb zwei?"
"wer streicht denn bitte nachts um halb zwei?"
"okay, eins zu null für dich", meint die lederjacke.
wir lauschen noch mal.
"klingt irgendwie so... religiös."
"wie bei meinen nachbarn."
die lederjacke beäugt mich misstrauisch:
"also erst schleppst du deinen poltergeist hier an, jetzt hab ich auch noch singende satanisten in der butze!"
"kannst ja wieder ausziehen."
die lederjacke schubst mich und knuddelt mich dann.
"machen wir weiter?" frage ich.
"wird dir das nicht zu viel?" hakt die lederjacke nach.
ich wische ihr als antwort mit dem pinsel durch gesicht und flüchte mich dann kichernd zurück ins bad.

um halb fünf uhr morgens haben wir es geschafft.
"wahnsinn", sagt die lederjacke. "das sieht echt professionell aus."
"tja. ich habe ja gesagt, vertrauen sie auf meine kompetenzen, mein herr."
"aber mein rücken ist jetzt ganz schön kaputt."
"bei mir isses gerade nur die schulter und der arm, aber du hast ja auch die decken gemacht."

dann sitzen wir noch ein bisschen auf der dachterrasse und schauen in den sonnenaufgang.
"da kommt die nächste front", sagt die lederjacke irgendwann.
"dann fahre ich mal schnell nach hause, bevor mich der regen erwischt."
"wie lange hast du?"
"ach, 20 minuten oder so."
"ich finde es ja schön, dass wir jetzt wieder näher bei einander wohnen."
ich schaue die lederjacke zärtlich an.
"ich auch."

die lederjacke bringt mich zum aufzug und gibt mir einen kuss.
"vielen dank für deine großartige hilfe."
"nichts zu danken. hat spaß gemacht."
"dann schlaf mal schön."
"grüß den poltergeist von mir!"
die lederjacke lacht und verschwindet in ihrer wohnung, während ich auf mein rad steige und durch den einsetzenden nieselregen fahre.

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