Samstag, 18. Mai 2013
der erste streich
die lederjacke hat sich eine wohnung ergeiert. zum ersten mal im leben eine eigene, keine wg.
"hilfst du mir streichen?" bettelt die lederjacke, und da ich gerne rumschmiere, sage ich zu.

als ich gegen acht vor der hochhausfront stehe, bin ich zunächst enttäuscht. aber wie so oft: außen pfui, innen hui - die lederjacke hat eine wunderschön geschnittene, helle kleine wohnung und eine unfassbar geile dachterrasse.

"hier kannst du ja ferien machen", finde ich und lehne mich gegen die verglaste absperrung.
"wenn nicht gerade ein gewitter dazwischenkommt", erwidert die lederjacke und zeigt auf eine beachtliche dunkle wolkenfront, die vom hafen heraufzieht.
"wie viele stockwerke hat das haus denn?"
"wir sind jetzt über dem 13.", antwortet die lederjacke.
"hui, dann sollten wir jetzt machen, dass wir reinkommen, sonst trifft uns der blitz!"
"das ist hier schon gut möglich, hier kommt ganz schön was runter", zeigt die lederjacke auf die blitzableiter neben uns.

während draußen ein unwetter niedergeht, legen wir drinnen die folien aus, kleben die lichtschalter und steckdosen ab und fangen im großen zimmer an.
gegen mitternacht machen wir eine pause, rauchen eine und trinken ein bier.
"wir sind richtig weit gekommen", bin ich stolz.
"hast du noch kraft?"
"klar. ich will auf jeden fall weitermachen."
"hey, was meinst du, schaffen wir heute nacht die ganze wohnung?"
"gucken wir mal."

und während wir so auf dem fensterbrett sitzen, die beine baumeln lassen und uns verschwitzt anstrahlen, ertönt plötzlich ein lauter knall.
"was war das?!"
die lederjacke ist beunruhigt aufgesprungen:
"das kam aus der küche!"
zusammen rennen wir in die küche - und mitten in ein splitterfeld.
"was zum teufel ist das?!" ruft die lederjacke entsetzt.
"da, der ofen!"
ich zeige auf den ofen, dessen front fehlt.
"alles voller glas!"
die gesamte glasfront des ofens war herausgesprungen und in tausend stücke zerbrochen.
die lederjacke kniet sich ungläubig nieder und inspiziert den schaden.
"nicht anfassen!" mahne ich, "machen wir erst die sicherung raus, am ende war da spannung drauf."
die lederjacke tappt in den flur und hantiert am sicherungskasten.
"geh du bitte in den flur, du bist barfuß", ermahnt sie mich, dann holt sie schaufel und besen und beseitigt die scherben.
"kannst du dir das erklären", ruft die lederjacke in den flur.
"nicht wirklich", sage ich. "das ist echt ungewöhnlich. das glas ist ja auch total dick, das geht doch nicht mal kaputt, wenn man da dagegen rennt. also das einzige, was mir einfällt, ist, dass da irgendwie spannung drauf war."

die lederjacke kommt in den flur.
"also ich finde das unheimlich."
in diesem moment beginnt die deckenlampe zu flackern.
"ein poltergeist", lache ich. "du hast nen poltergeist. das ist die erklärung."
"du glaubst nicht ernsthaft an so nen scheiß", sagt die lederjacke.
"na, es liegt doch total nahe", kichere ich.
"hör auf mit so einem mist."
"ich hatte mal einen exfreund, der glaubte, wenn man dinge ausspricht, dann treten sie auch ein."
"du warst auch nur mit psychos zusammen, kein wunder, dass du depressiv geworden bist!" findet die lederjacke.

dann streichen wir weiter - ich im bad, die lederjacke im flur. plötzlich höre ich gesang.
ich hole die lederjacke ins bad.
"herzlichen glückwunsch, du hast auch singende nachbarn."
gemeinsam lauschen wir.
"aber wer singt denn bitte nachts um halb zwei?"
"wer streicht denn bitte nachts um halb zwei?"
"okay, eins zu null für dich", meint die lederjacke.
wir lauschen noch mal.
"klingt irgendwie so... religiös."
"wie bei meinen nachbarn."
die lederjacke beäugt mich misstrauisch:
"also erst schleppst du deinen poltergeist hier an, jetzt hab ich auch noch singende satanisten in der butze!"
"kannst ja wieder ausziehen."
die lederjacke schubst mich und knuddelt mich dann.
"machen wir weiter?" frage ich.
"wird dir das nicht zu viel?" hakt die lederjacke nach.
ich wische ihr als antwort mit dem pinsel durch gesicht und flüchte mich dann kichernd zurück ins bad.

um halb fünf uhr morgens haben wir es geschafft.
"wahnsinn", sagt die lederjacke. "das sieht echt professionell aus."
"tja. ich habe ja gesagt, vertrauen sie auf meine kompetenzen, mein herr."
"aber mein rücken ist jetzt ganz schön kaputt."
"bei mir isses gerade nur die schulter und der arm, aber du hast ja auch die decken gemacht."

dann sitzen wir noch ein bisschen auf der dachterrasse und schauen in den sonnenaufgang.
"da kommt die nächste front", sagt die lederjacke irgendwann.
"dann fahre ich mal schnell nach hause, bevor mich der regen erwischt."
"wie lange hast du?"
"ach, 20 minuten oder so."
"ich finde es ja schön, dass wir jetzt wieder näher bei einander wohnen."
ich schaue die lederjacke zärtlich an.
"ich auch."

die lederjacke bringt mich zum aufzug und gibt mir einen kuss.
"vielen dank für deine großartige hilfe."
"nichts zu danken. hat spaß gemacht."
"dann schlaf mal schön."
"grüß den poltergeist von mir!"
die lederjacke lacht und verschwindet in ihrer wohnung, während ich auf mein rad steige und durch den einsetzenden nieselregen fahre.

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Mittwoch, 15. Mai 2013
ein pfand, ein pfand in meiner hand
inzwischen hab ich dem objekt seine sachen in einer anonymen nacht-und-nebel-aktion zurückgegeben, aber meine nicht bekommen. seither stellt es sich blind, taub, stumm und unsichtbar. ich fand das erst lustig. dann fiel mir auf, dass ich die sachen, die es einbehalten hatte, eigentlich dringend brauche und dass ein neukauf ziemlich teuer würde.

tagelang habe ich darüber nachgedacht, was ihn dazu bewegen könnte, das zeug rauszurücken. mit freundlichkeit und geduld kam ich nicht weiter, merkte ich.

und dann kam die idee. die ist zwar ein bisschen sehr fies, aber da er jetzt auch nicht gerade den nobelpreis für fairness verdient hat, durchaus in ordnung.

jetzt muss ich nur noch die passende gelegenheit abwarten. bericht folgt.

nun aber erstmal wieder dröge dumpinglohnarbeit.

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Sonntag, 12. Mai 2013
bis zum horizont
und kein stück weiter.



feat. falkensteiner strand

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Donnerstag, 9. Mai 2013
tiefenentspannt

er sowieso.

ich aber auch. spätestens, wenn er sich als nackenwärmer verdingt.

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Dienstag, 7. Mai 2013
im regen stehen
da steh ich im regen, ach was regen, wolkenbruch und überlege, weiterrennen und pitschnass werden oder stehenbleiben und pitschnass werden, und just als mir die unsinnigkeit meiner gedanken bewusst wird, stülpt jemand ein rotes regendach über mich.

jemand ist eine frau um die vierzig, die mich locker anstrahlt und dann fragt:
"möchten sie den schirm haben? ich hab mir vorhin einen neuen gekauft, ich brauche den nicht."
ich gucke belämmert, im kopf rattert sofort die zahlmaschine los, was gebe ich der jetzt, mist, ich hab kein bargeld mehr, also frage ich verzweifelt:
"was möchten sie denn dafür haben?"
"nichts", lächelt die frau entspannt.
"wohnen sie in der nähe, ich kann ihnen den schirm doch wiederbringen", hasple ich.
"nee, behalten sie den doch. ist ein geschenk", lacht die frau. "ich brauche den nicht mehr."
"danke..." stottere ich.

dann schauen wir uns verlegen an.
"sagen sie mal, sie klingen, als ob sie aus süddeutschland kommen?" frage ich vorsichtig.
"ja, aus münchen", sagt die frau.
"nein! ich komme aus nürnberg", erwidere ich.
"was für ein zufall", strahlt die frau. "ich wohne erst seit ein paar monaten hier."
"ich seit fünf jahren."
die frau beäugt mich neugierig.
"finden sie es auch so schwer, hier menschen kennenzulernen? also nicht das kennenlernen an sich..."
"... aber menschen, die bleiben", vollende ich den satz.
wir müssen wieder lachen.
"ich finde das schade", sage ich, "dass die großstadt so unverbindlich und oberflächlich ud äußerlichkeitengeil macht."
"ich auch, und münchen ist ja auch nicht gerade klein, aber doch anders."

dann stehen wir dumm herum, bis ich sage
"ja dann..."
"dann lassen sie uns doch mal einen kaffee trinken gehen", schlägt die frau vor.
"oh ja, unbedingt", finde ich.
wir tauschen handynummern und müssen dauerlächeln, bis sich die frau verabschiedet.
"ich hab jetzt nur noch zehn meter."
"ich hab noch zehn minuten", sage ich.

seltsam berührt und trocken gehe ich weiter mit dem knallroten schirm, bis ich zuhause bin.

man sollte doch öfter einfach mal im regen stehen.


p.s.: knaller des tages, referreranfrage:
"fette nackte frau schläft ein auf einen mann mann kann nicht aufstehen"

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