Dienstag, 7. August 2012
abscheu
abscheu ist ein niederträchtiges gefühl.

aber es reinigt.
abscheu zeigt dir, wenn du den zonk gezogen hast.

abscheu macht dir keine freunde. sie sortiert sie dir. in die kategorien "ich habs geahnt", "ich hab es schon immer gewusst" und "ich kotze, und zwar schon eine ganze weile".

und dann die erleichterung. wenn man feststellt: unbedeutend. diese person hat eigentlich schon sehr lange überhaupt gar keine rolle mehr in deinem leben gespielt. du hast seit ewigkeiten nicht einmal mehr an sie gedacht. vermutlich hat sie nur deshalb je eine rolle gespielt, weil du sie in dein drehbuch gelassen hast, in einem schwachen moment, als du dich nicht recht zwischen komödie und tragödie entscheiden konntest.

aber dann nimmst du den radiergummi. und streifst die wenigen stellen und platzhalter aus deinem drehbuch, an denen die person noch unverbindlich vorgesehen war.

vergessen straft härter als abscheu.
vergessen ist schlimmer als der tod.
vergessen ist mord an der erinnerung.

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Montag, 6. August 2012
k.ürzeste nacht des jahres
im club k. aufgegabelt, der betreten in einer ecke steht, sich dann aber sichtlich freut, dass ich doch da bin.
"komischer abend", findet er.
ich sehe mich um und weiß sofort, was er meint: seine ex ist mit ihrem neuen stecher da und knutscht vor k.s augen rum. nicht die feine englische, aber so what. wurde sowieso zeit, dass dieses merkwürdige verhältnis der beiden ein ende fand. es war ein mieses spiel, dass die k.-ex betrieben hatte: sie ließ k. nicht vom haken, bewegte sich in der öffentlichkeit stets auf tuchfühlung und markierte so ein revier, das sie gar nicht mehr besetzte - um ihn dann am ende des abends stehen zu lassen und mit dem objekt oder einem der fünf anderen lover vögeln zu gehen.

trotzdem wirkt k. irgendwie befreit - und auch ich fühle mich entspannter als sonst. als wir zusammensitzen, berühren sich unsere hände. anstatt sie wegzuziehen, umschließen k.s finger irgendwann meine hand. ich fange seinen blick und sein lächeln auf und fühle schon wieder zarte nachtfalter in der magengrube, die richtung herz-licht flattern.

als der abend zu ende ist, gesellen sich unsere bekannte h. und der architekt zu uns. h. und der architekt tauschen blicke und ich spüre, da geht was. h. ist verlegen, weiß sie doch, dass ich den architekten auch gern habe. aber ich freue mich für h. und den architekten. als der club seine pforten schließt, beschließen wir in ausgelassener laune, zum hafen runterzufahren und uns ans wasser zu setzen.

der architekt verfrachtet uns schon reichlich angeschickert in sein auto und dann geht es los. eine viertelstunde später stehen wir an der elbe, blinzeln in die sonne und grinsen wie bekloppt. es ist ein schöner moment. es ist ein schöner moment mit genau den richtigen leuten.
"das nächste mal muss mr. shyguy auch mit", findet k.
ich nicke. heute wäre mr. shyguy allerdings zum fünften rad am wagen mutiert. wir vier hier, das ist perfekt.
"kannst du ein foto machen", bettelt h., die dasselbe empfindet wie ich.
ich habe eine bessere idee und halte den augenblick mit einem handyvideo fest.

der architekt zieht los und besorgt bier und zigaretten. wir sitzen am hafenrand und lassen die beine baumeln. vor uns landen möven im wasser und balgen sich um ein brötchen.
"scheißviecher", sagt k., der generell keine tiere mag.
"als kind hatte ich angst vor möven", fällt mir ein. "weil die so groß sind. nachts hab ich oft geträumt, dass sie sich in eine art geier verwandeln und mich zerfleischen."
"du bist auch nicht ganz dicht", lächelt k. und gibt mir einen kuss auf den hals.

der architekt kommt zurück und verteilt bier und zippen.
als er mir feuer gibt, gucke ich k. in die augen. er hält meinem blick stand.
"ist mir noch nie aufgefallen, dass du grüne augen hast", sage ich.
"ich dachte, die sind blau", entgegnet mir k.
"nee", widerspreche ich, "die sind grün. die haben eine blauen ring, aber in der mitte ist die iris grün."
"gott, ich habe türkise augen", seufzt k. mit gespieltem entsetzen. "das sieht doch bestimmt total schwul aus."
"hast du vorhin mitbekommen, wie mr. shyguy von einem schwulen typen angequatscht wurde?" fällt ihm h. ins wort.
"nee."
"er war total entsetzt und überlegt jetzt, ob er sich die haare anders frisieren soll."
"aber der iro sieht doch nicht weibisch aus."
"ja, weiß auch nicht..."
"vielleicht sollte er lieber nicht den tanzstil des objekts kopieren", kichere ich.
"diesen pseudo-elvis-hüftschwung?"
"elvis-hüftschwung... das ist doch kein elvis-hüftschwung, das ist eher ein hüftwackeln!"
"elvis mit hüftprothese!"
wir biegen uns vor lachen.

"wir könnten noch ein bisschen da runter gehen", zeigt der architekt irgendwann richtung westen.
"oh nee", sagt k., "nicht mehr laufen. ich bin langsam echt müde."
"wie spät?" frage ich.
"gleich halb acht."
"ich will auch lieber ins bett", jammere ich.
"dann geht ihr beide mal schön schlafen, jaja!" zwinkert h. wissend.

k. nimmt mich an der hand und zieht mich auf die straße. wir halten ein taxi an und fahren zu k.
"scheiße", sagt k., als der fahrer vor seiner haustür hält. "mein geld ist weg."
"wie, weg?"
"der geldbeutel... da waren 50 euro drin."
"scheiße", sage ich. "aber warte mal, ich hab noch nen zwanni, ich kann das bezahlen."
"das ist mir aber total unangenehm", erwidert k.
"keine sorge, du hast mir doch mal taxigeld geliehen und wolltest es dann nicht zurückgezahlt haben. also lade ich dich heute ein, und dann sind wir quitt."
k. lässt sich breitschlagen, der taxifahrer seufzt erleichtert, dass er auf seinen 10 euro fahrtkosten nicht sitzenbleibt, und ich freue mich, als ich mich endlich in k.s himmelbett sinken lassen kann.

als k. mich auszuziehen beginnt, setze ich mich wieder auf, nehme meinen mut zusammen und bitte ihn:
"können wir bitte einfach nur schlafen und ein bisschen kuscheln?"
k. stutzt kurz, grinst dann aber und sagt:
"ich habe mich sowieso gerade gefragt, ob ich nach so viel bier und tequila noch einen hochkriegen werde."
"na dann", atme ich auf.

als wir nebeneinander liegen und k. mich in den arm nimmt, sind wir noch eine weile wach.
"du machst mir angst", sagt k. dann plötzlich.
"warum?"
"deine krankheit. deine depressionen..."
ich muss lachen.
"ich bin immer noch dieselbe. es gibt jetzt nur einen namen für meine verfassung."
"das tut mir leid."
"was? dass ich depressionen habe?"
"dass du so ein trauriger mensch bist."
ich begreife, dass k. mehr meint und sieht als das akute stoffwechselchaos in meinem gehirn.
"tja, das musst du entschuldigen", sage ich.
"quatsch. das ist nichts zum entschuldigen. ich hätte mir nur für dich gewünscht, dass du ein bisschen mehr glück und spaß im leben hast."
"den seinen gibts der herr im schlaf. andere müssen sich hingegen den arsch aufreißen, um über die runden zu kommen."
"aber das ist unfair. ich meine, ich hab auch 35 jahre echt pech gehabt... mit meinen bescheuerten eltern, mit meiner scheidung... mit meinen jobs... aber die letzten jahren waren super. mir geht es gut. das würde ich dir auch wünschen."

da krieche ich ganz nah an k. heran und lasse mich von seinem festen griff umschließen, bis ich mich nicht mehr bewegen kann und ich mich geborgen fühle wie ein ungeborenes kind im engen, warmen mutterleib.
"und bitte weck mich, wenn ich schnarche", murmelt k. noch, dann beginnt er auch schon, leise zu schnorcheln und im halbschlaf zu zucken, und ich entspanne meine glieder und überlasse meinen erschöpften körper einem äschernen schlaf.

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Samstag, 4. August 2012
schön gezahlt?
im jahr 2013.

sie finden ein rundschreiben in ihrem briefkasten. absender: die deutsche lebensmittelgebührenzentrale.
"sind sie schon angemeldet?"

ab sofort ist jeder deutsche theoretische esser gezwungen, lebensmittelgebühren zu bezahlen.
fleischesser verpflichten sich zu einem monatlichen beitrag von 29,95 €, vegetarier zu einem beitrag von 27,95 €, biolebensmittelkonsumenten müssen sogar 33,50 € berappen. dafür sorgt die deutsche lebensmittelvereinigung für ein angebot in bestimmten supermärkten, das zwar weder qualitativ gut noch sonderlich breit, aber eben vorhanden ist. ausgenommen sind discounter, tante-emma-läden und sonstige unternehmen wie asia-märkte oder bauernhof-verkaufsstände. ein mitspracherecht über das von der lebensmittelgebührenzentrale vorgesehene lebensmittelangebot gibt es nicht.

jede einzelperson muss bezahlen, auch wenn es sich um behinderte, senioren, kleinkinder oder essgestörte handelt. denn essen benötigt theoretisch jeder. und ebenso theoretisch könnte es jeder gedanklich erwägen, nahrung in einem der supermärkte zu kaufen, die bei der deutschen lebensmittelgebührenzentrale erfasst sind - auch diejenigen, die im rollstuhl sitzen, im koma liegen oder die mit dem auto bis ans ende der stadt fahren müssten, um bei einem der entsprechenden supermärkte einzukaufen.

die lebensmittelgebührenzentrale ist weiterhin berechtigt, passanten auf der straße anzusprechen und einen nachweis über die beitragszahlungen und einen beleg der eventuell mitgeführten oder zuhause im kühlschrank gelagerten lebensmittel zu verlangen. weiterhin können mülltonnen kontrolliert werden. aus diesem grund müssen mülltüten fortan mit dem namen und der lebensmittelgebührenbeitragsnummer beschriftet werden.

kassenbelege sollten entsprechend immer aufbewahrt werden. fehlende nachweise können zu einer rückwirkenden zahlung in höhe von bis zu 5.000 € führen.

liebe leser, sie werden sich daran gewöhnen! alles hat seinen preis. und die möglichkeit, sich theoretisch im supermarkt etwas zu essen kaufen zu können, ist mit geld schon fast nicht aufzuwiegen! oder?

2014.

die deutsche bekleidungsgebührenzentrale hat ihnen geschrieben...

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Freitag, 3. August 2012
life erleben
schreiben ist nichts anderes als übers erleben reden.
nicht nur übers leben.

that´s the fucking difference.

vom schreiben kann man deshalb vielleicht nur selten leben. weil erleben so verdammt exklusiv ist.

schreiben kann aber helfen zu überleben.
alles ist so intensiv und nah, es killt dich, otherwise.

wenn das leben tödlich ist, gebe ich im reden über mein erleben nichs anderes als ein irrsinnig intimes beispiel fürs sterben. denn was mit der geschichte wächst, stirbt, wird also erwachsen.

ein blog ist so tröstlich wie das morphium auf der palliativstation für geschichte(n). vielleicht kann ich ohne morphine weniger erleben, weniger schön sterben.

ihr leser habt mein testament. wenn ich etwas schenken kann, macht vielleicht alles einen sinn. und wenn ich auch nur eine kopfnuss gebe oder einen arschtritt. manchmal liegt auch darin eine verbeugung.

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Sonntag, 29. Juli 2012
gek.üsst
und während wir so sitzen, knie an knie, schulter an schulter, und während sich unsere körper immer stärker zueinander neigen, bis mein haar seinen hals berührt und sich ein kleines, liebenswertes lächeln auf seine lippen stielt, da merke ich, dass auch k. noch nicht geschichte ist.

später vor seiner haustür schmiegen wir uns aneinander wie junge katzen und dann küsst mich k.

erst ganz sachte, hin, weg, dann intensiver, ich bin hin und weg, und aus seiner armeejacke steigt der duft, den ich aus k.s wohnung kenne, sauber, unendlich sauber und nur ganz leicht nach einem eau de toilette.

dieses lächeln-müssen. das ist kein lächeln, das bei uns ist ein lächeln-müssen. der nackte wahnsinn. die mundwinkel zucken im puls der verlegenheit, während die freude in kleinen wellen durch unsere körper flutet. das ist kein halten, keine konstanz, kein fester boden. der wunsch zu versinken hat etwas unwilliges, paddelt sich immer wieder zurück an die oberfläche der unverbindlichkeit, will sich nicht festlegen.

ich habe als erste von uns beiden den gedanken, dass ich bei k. bleiben könnte. k. würde mich fest umschlingen und so mit mir einschlafen. normalerweise kann ich in den armen eines mannes nicht schlafen, nicht mal wenn das objekt mein bettgenosse ist. bei k. ist es eine absolute ausnahme. k. bewegt sich kaum und lässt nicht los. das fühlt sich beruhigend an. einzigartig beruhigend. es zieht eine grenze zwischen mir und der welt, in der ich nicht sein möchte.

k. ist dennoch schneller und spricht den gedanken aus.
"willst du wirklich noch nach hause?"
"ja", sage ich, weil ich muss, weil ich keinen sex haben kann und weil ich allein sein muss, ohne grund, aber sehr dringend, auch wenn ich zu gerne bei k. bleiben würde, mit dem teil in mir, der wünscht und sehnt und wünscht und sehnt und damit irgendwie nicht aufhören kann.
k. bohrt nicht nach.
"schade."

als ich auf mein fahrrad steige und losfahre, bin ich merkwürdig satt und hungrig zugleich. der morgen ist schön wie immer, aber die lichter zerfließen weicher als sonst auf meiner netzhaut, die haut kribbelt im fahrtwind und an der ecke duftet es unbeschreiblich zart nach zimt und hefe.

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