Dienstag, 24. Juli 2012
julimorgen, 4:40 uhr in hamburg






es gibt kein besseres licht.
um durch die menschenleeren straßen zu gehen.
um die augen zu bezirzen.

und dann dieser spezielle duft, diese mischung aus taunassem gras und frischgebackenem brot. den hat nur diese besondere stunde.

es gibt einfach keine bessere tageszeit.
um schlafenzugehen, wohlgemerkt.

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Sonntag, 22. Juli 2012
würdest du dich für mich prügeln?
party, nach sehr sehr langer zeit mal wieder, im liebeswertesten kreis: das objekt, mr. shyguy, eine bekannte und ich.

als ich ankomme, rennt mir das objekt entgegen und knutscht mich vor versammelter mannschaft nieder:
"my suicide girl! wie geht es dir?"
auch die anderen erkundigen sich brav nach der werten befindlichkeit. von so viel aufmerksamkeit geht es mir gleich besser. ich kann sogar tanzen und mich ein bisschen freuen.

dann sitze ich mit der bekannten rum und rauche. die bekannte hat seit monaten schlimme schlafstörungen. ich gebe ich ihr ein paar medikamente ab und sie freut sich.
"guck mal, da drüben, kennst du den typ", fragt sie dann.
"ja, der ist voll eklig, der hat mich schon zweimal angequatscht und kapiert nicht, dass ich ihn hässlich finde."
"ja, der ist echt hartnäckig und unangenehm. und immer total betrunken."
"bäh. komm, lass uns wieder raus zu den anderen gehen."

wir stehen neben der tanzfläche. mr. shyguy, objekt und die bekannte rocken ab, ich setze mich irgendwann an den rand und gucke.
und plötzlich ist da der ekeltyp, über den wir uns vorhin unterhalten hatten. er glubscht und grinst fies. ich versuche, mich irgendwie unsichtbar zu machen, doch dann kommt er angewackelt und sagt irgendwas, was ich nicht verstehe, weil die musik zu laut ist. ich antworte nicht und gucke weg. und schwupps, habe ich seine hände an meinen brüsten.

ich bin so perplex, dass ich nicht sofort zuschlage, sondern mit offenem mund dem fix davonwuselnden arschloch nachstarre.
die bekannte kommt und fragt: "was ist denn los, was schaust du so?"
ich: "der hat mir gerade an die titten gefasst."
"nein, ist nicht wahr, oder?!"
"doch."
"mir hat der auch mal die hand auf den schenkel gelegt. aber an die brust fassen, das ist ja wirklich die härte."
"ich hätte ihm gleich eine reinhauen sollen."
"ja, hättest du."
"aber ich war so... sprachlos."
"sollen wir es dem türsteher sagen?"
"nee", schüttle ich den kopf, "ich hab ne bessere idee."
"was denn?"
ich grinse: "pass mal auf."

ich schnappe mir das objekt, entführe es in den raucherraum, schenke ihm eine zigarette und frage dann frank und frei: "sag mal, würdest du jemandem für mich eine reinhauen?"
das objekt schaut mich an und fängt dann an zu lachen.
"das ist nicht dein ernst."
"mein voller."
ich gucke streng und beim objekt fällt der groschen, dass ich nicht ohne grund frage.
"ja klar würde ich das machen, nur wem soll ich eine reinhauen und warum?"

ich wusste es. auf das objekt war verlass.
"hast du vorhin den typen gesehen? nicht besonders groß, ziemlich fett und hässlich, mit so ner komischen brille?" hake ich nach.
das objekt überlegt kurz:
"ich glaub, ich weiß, wen du meinst."
"fabelhaft. der hat mir an die titten gefasst."
das objekt macht augen so groß wie untertassen und fragt dann ganz langsam:
"der hat bitte WAS?!"
"der hat mir an die titten gefasst."
das objekt schluckt und meint dann:
"okay, das können wir so nicht auf sich beruhen lassen."

da betritt der ekeltyp zufällig den raum.
"der da?" fragt das objekt und macht eine kopfbewegung in seine richtung.
ich nicke.
schwupps, ist das objekt aufgesprungen und geht in großen schritten auf den grabscher zu. der weicht sofort zurück, wohl ahnend, was ihm gleich blüht, doch das objekt hat ihn schon am hemdkragen gepackt und schleift ihn in den raum nebenan, wo keine leute mehr sind. durch die glasfront kann ich sehen, wie das objekt mit dem verhör beginnt.

während ich darauf warte, dass die auseinandersetzung eskaliert, kommt die bekannte wieder und setzt sich zu mir.
"der ekeltyp kriegt gerade richtig ärger", sagt sie und deutet nach drüben.
"ja, den ärger hab ich ihm auf den hals gehetzt."
"nicht wahr, oder?" die bekannte kichert.
"ich freu mich schon, wenn der da mit veilchen wieder rauskommt."

wir spähen angestrengt nach nebenan, sehen aber nicht viel. das objekt redet sich in rage, gestikuliert wild und schubst den typ ein bisschen, der sich aber nicht großartig wehrt.
"ich hoffe, es passiert ihm nichts", sage ich und meine das objekt.
"glaub ich nicht, der ist doch mindestens einen kopf größer als der ekeltyp... und muckis hat der, der klatscht den doch an die wand."

inzwischen steht der ekeltyp tatsächlich mit dem rücken zur wand. das objekt hat sich bedrohlich vor ihm aufgebaut und den arm zwei zentimeter neben dem ohr des typen an die kacheln gestützt. die stirn des objekts kommt dem gesicht des ekeltypen immer näher.
"oh gott, er bricht ihm aber nicht die nase, oder?" fragt die bekannte.
"von mir aus darf er."

dann stürmt das objekt aus dem raum und kommt zu uns herüber. es ist vor wut ganz rot im gesicht.
"so ein arschloch! so ein widerliches arschloch!"
"was ist denn los?" frage ich.
"er leugnet und versucht sich rauszureden, er könne sich nicht mehr erinnern, weil er zu betrunken sei."
"und jetzt?"
"er hat jetzt fünf minuten zeit, sich zu erinnern und sich bei dir zu entschuldigen, sonst brech ich ihm den kiefer, hab ich gesagt."
das objekt lässt sich neben mich fallen und bittet um eine weitere zigarette.
"du bist ja richtig aufgebracht", stelle ich fest.
"das ist widerlich. genauso ein feiges und versoffenes arschloch wie mein vater. ich will, dass der sich jetzt bei dir entschuldigt. ich geh da sonst echt noch mal rein."

doch das ist nicht nötig. denn vor ablauf der fünf minuten geht die tür auf und der ekeltyp steht vor mir und stottert eine entschuldigung, macht eine kurze versöhnliche geste und verkrümelt sich dann sehr rasch.
das objekt beobachtet die szene kritisch und fragt mich dann:
"willst du das gelten lassen?"
ich überlege nicht lang:
"doch. will ich. deeskalation, sagst du doch sonst auch immer."
das objekt muss lächeln.
"die madame hat sich was gemerkt. schön." und es küsst meine stirn.

dann erhebt es sich.
"ich muss los, ich muss in einer dreiviertelstunde auf arbeit sein."
"machst du mal wieder durch?"
"ja."
"na gottseidank hast du ihm jetzt nicht den kiefer gebrochen, sonst müsstest du noch mal nach hause und dich umziehen und kämst zu spät zur schicht."
das objekt kichert kurz, wird dann aber wieder ernst:
"und wenn das in so ein stalking übergehen sollte... sagst du mir bescheid, ja?"
"glaub ich nicht."
"trotzdem."
"aye-aye."
ich bekomme noch eine bärenumarmung, dann verschwindet das objekt in den morgen.

ich tanze noch ein letztes lied, nehme meine freunde in die arme und mache mich dann ebenfalls auf den heimweg. die sonne scheint mir entgegen, die vögel zwitschern. für den moment ist alles gut. das objekt hat mich beschützt.

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Mittwoch, 18. Juli 2012
arktis
im traum laufe ich über einen zugefrorenen see. nein, ich laufe ja gar nicht, ich schwimme. ich liege auf dem bauch, mache brustschwimmbewegungen und gleite in weiten schwüngen über die kalte fläche.
das eis ist so dick, dass ich glaube, der ganze see ist durchgefroren, bis zum grund. es ist unglaublich kalt. ich werde nicht einbrechen, das weiß ich. ich bin gleichgültig-heiter.

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Samstag, 14. Juli 2012
nordstern
ich bin ja eigentlich kein festival-typ. und eigentlich wollte auf gar keinen fall noch einmal auf das nordstern festival. letztes jahr war es mangelhaft organisiert (ein verlassen des geländes war nicht vorgesehen) und das event stand ganz im zeichen des starkregens. außerdem legten vnv nation die peinlichste show des jahrhunderts hin. so mit "seid ihr gut drauf" und "ich will eure hände sehen"-zwischenrufen, ungefähr zehnmal pro song. das geht gar nicht, wenn man in gepflegter melancholie schwelgen will. jedenfalls nicht für mich.

da das open-air-festival aber quasi vor meiner haustür stattfindet und ich trotz depression hin und wieder in verzweifelten aktionismus ausbreche, habe ich mir wider besseren wissens eine karte gekauft. außerdem würden northern lite spielen, und die wollte ich schon immer mal sehen.

genau wie letztes jahr regnet es teils wolkenbruchartig. ich komme wie immer drei minuten zu spät. die erste band, the exploding boy, hat bereits mit dem ersten song angefangen. die band verbinde ich mit der zeit, als ich gerade das objekt kennengelernt hatte. damals bildeten "london" und "go away" die soundkulisse für das schwanken zwischen extremer körperlicher sehnsucht und extremer körperlicher befriedigung. ich hatte lange überlegt, ob ich mir das live antun sollte, denn wenn die band gut wäre und die musik emotionen in mir freisetzte, könnte es mir vielleicht noch schlechter gehen. aber dann siegte doch die neugier.

es sind erst sehr wenige leute anwesend, die meisten stehen im überdachten eingangsbereich. ich, regenschirmbewaffnet, bekomme einen exklusivplatz an der barriere und stehe somit sozusagen fast in der erste reihe.
ich bin überrascht. stefan axell sieht besser aus als ich dachte. die lieder, die gespielt werden, kenne ich zunächst nicht. noch ein pluspunkt.

ein regenschauer, eine zigarette. stefan axell sieht wirklich richtig gut aus. er hat dieselben sexy unterarme wie das objekt. die performance ist mitreißend. trotz medikamentennebel ertappe ich mich, wie ich mit dem fuß wippe.

ich rauche weiter kette und starre stefan axell an. mann, der sieht echt klasse aus! und die musik ist wirklich gut. mit der nächsten trockenperiode kriechen sogar ein paar leute unter der überdachung hervor und hoppeln im takt mit.

die nächste band ist solitary experiments. sehr durchgestylter auftritt, alles in corporate identity. der sänger erinnert mich an den moppeligen ronan harris. ich bin gespannt. ich mag einige lieder von solitary experiments ganz gerne, allerdings klingen die alle gleich und ziemlich stark nach vnv nation, so wie vnv nation heute sind.

die show ist beschissen. nicht nur, dass der sänger auf der bühne probleme hat, den ton zu halten. die performance wirkt wie eine kopie des vnv nation konzerts im letzten jahr. sogar mit "seid ihr gut drauf" und der ganzen gute-laune-scheiße.

ich kann keinen weiberelektro mehr ab, rede ich mir ein, und werde ganz deprimiert. vielleicht will ich nie wieder tanzen gehen. vielleicht werde ich meine abende damit zubringen, melancholischen gitarren-post-punk-pop wie the exploding boy zu hören und dabei an das objekt denken. wie furchtbar.

am ende des konzerts fühle ich mich ziemlich beschissen und habe keine lust mehr. am liebsten will ich sofort nach hause. aber die nächste band sind northern lite. und hey, in "go with the flow" heißt es schließlich: "i want something good to die for to make it beautiful to live". und das will ich doch! ich muss also durchhalten.

ich gehe aufs klo und wimmere ein bisschen. überlege, mir eine weitere psychopille einzuschmeißen, um das gesocks da draußen zu ertragen. als ich wieder aus der kabine komme, macht ein bühnenmensch gerade eine ansage. northern lite würden sich verspäten, heißt es, sie seien gerade erst im landeanflug, aber sobald der flieger erstmal festen boden unter den rädern hat, würde man die band subito richtung bühne shutteln.

ich kaufe mir einen kaffee - alk ist ja nicht mehr - langweile mich und gucke leute. da gibt es nicht viel zu gucken. obwohl ich mich hässlich fühle, muss ich mir ehrlich eingestehen, dass da noch viele viel hässlichere menschen rumlaufen.

und plötzlich schrammelt eine gitarre. und da sind northern lite. die drei-mann-show hat sich quasi unbemerkt auf die bühne geschlichen und legt auch schon gleich los.

ich gucke und staune. der werte herr kubat schleppt einige mehr pfunde mit sich herum als auf den fotos, die ich von der band kenne. aber er ist genauso arschcool wie immer. ganz unpretentiös legt er mit seiner stimme, die live mindestens genauso ausdrucksstark und treffsicher wie digital ist, los und schmettert neues und ein paar klassiker. ich bin sofort angefixt und die sonne ist es auch, denn bei "reach the sun" schiebt sie die dicken schwarzen wolken beiseite und lässt ein paar strahlen auf die düstere masse fallen. und für ein paar momente rieselt ein sehr zartes gefühl von beinahe-glück durch die verspannungen an meiner zirbeldrüse...



nach northern lite spielen mesh, die ich schon kenne. anschließend project pitchfork, ebenfalls mehrmals gesehen. ich nutze die zeit für milch kaufen, zuhause eine wärmere jacke holen, was futtern und diese zwischenbilanz.

plötzlich bekomme ich smsen von freunden, die mich auf dem festival suchen. also schwinge ich mich doch wieder aufs rad und fahre nach nebenan, wo project pitchfork auf der bühne stehen.

nach rund 20 jahren dasein im musikbusiness haben sie ihren drive noch immer nicht verloren, obwohl sie alle älter geworden sind, besonders peter spilles. vom style her unverändert bekommt der gute rein äußerlich immer mehr ähnlichkeit mit robert smith von the cure. liegt vielleicht auch an der schminke, die ich noch nie gut fand. am ende des auftritts zeigt spilles in die luft und sagt: "übrigens, 300 meter von hier bin ich aufgewachsen - was für ein heimspiel!" und in seiner stimme liegt ein wenig rührung. schön finde ich das.

dann beginnen längere bühnenumbauarbeiten. ich nutze die zeit und finde meine freunde. die letzte show, apoptygma berzerk, erleben wir gemeinsam.

es ist eine band, von der man eigentlich jedes stück kennt, wenn man lange genug dabei ist. sie nutzen diesen nostalgieeffekt. die show ist perfekt, aber dadurch auch ein wenig langweilig. meine freunde machen faxen und schlagen vor, ich solle doch mit nackt-stage-diving abwechslung ins programm bringen. erst in der zugabe bringen apoptygma berzerk neuere songs. eines davon, das angeblich brandneu sein soll, entpuppt sich als coverversion von "love will tear us apart". ganz nett umgesetzt, aber kreativität sieht anders aus. dass sie covern können, haben sie eigentlich schon mit "shine on" gezeigt. kann man, muss man aber nicht noch mal haben. aber apoptygma berzerk sind eben keine pioniere. nicht mutig. nicht extravagant. müssen sie allerdings auch nicht - ihre platten werden trotzdem gekauft.

mit dem letzten song endet das festival - ohne abschiedsworte, ohne feuerwerk. die massen lösen sich auf. "ich hau dann mal ab", sage ich schnell, bevor mich wieder die traurigkeit überfraut, zusammen mit der frage, was konkret dieser tag und die investierten 41 euro jetzt in meinem leben verändert haben.
"kommst du später noch auf die party?" fragt man mich und ich weiß noch nicht so genau.

mein einziges bedürfnis lautet: flucht nach stundenlangem herumstehen mit vielen schlecht gekleideten menschen.

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Dienstag, 10. Juli 2012
valsches leben
vor meinem fenster spielt ein vati mit seinem lütten fußball. vati ist um die 40, sportlich, schlank, graumeliert, trägt eine der üblichen medienfuzzibrillen und ist immer gut gekleidet. er geht morgens mit mir mit arbeitstasche unter dem arm aus dem haus und kehrt auch ungefähr um dieselbe zeit (also späääääääääääääät) zurück.

zu vati gehört neben dem offensichtlich sehr mittelmäßig intelligentem kind (schnallt nicht, wohin der fußball fliegt bzw. dass man diesem unwissen mit einer kopfbewegung abhelfen kann) eine unglaublich dicke blonde mutti, die den ganzen tag damit zubringt, telefonierend, essend und rauchend am fenster zu stehen oder, bei gutem wetter, den ganzen tag auf der wiese vor dem haus zu liegen (essend, rauchend, telefonierend). mutti trägt gerne knallige farben und alles, was ihrem volumen noch mehr volumen verleiht (querstreifen, gelb, weiß, gepunktet oder blumentapetenmuster).

im grunde genommen eine sehr beruhigende situation, die mir sagt: wenn ich es schaffe, noch etwa 30 kilo zuzunehmen, meine schwarze garderobe durch neonfarben und muster zu ersetzen, meinen job zu verlieren und den ganzen tag auf der wiese zu lümmeln, bekomme ich eines tages auch einen dieser stilsicheren, beruflich offenbar erfolgreichen, graumelierten männer mit medienfuzzibrille.
und, fuck, dafür würde ich sogar ein balg werfen. kümmert sich ja dann sowieso der vaddi drum.

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