Sonntag, 24. Juni 2012
mit sich grün sein
bin ich ja nur selten. muss man sich gleich ein manifest basteln.

... link


Freitag, 22. Juni 2012
mind popcorn - klinkleben
die klinik ist sehr zufrieden mit meinem irrsein. sie hat die medikamentenkombination und -dosis gefunden, die mich höchstwahrscheinlich davor bewahren wird, mich vom dach des radisson sas hotels zu stürzen.

weniger glücklich ist mein psychiatrisches gremium darüber, dass ich neulich alkohol konsumiert habe. dr. sch. ist besonders streng mit mir. als ich sage: "aber es war doch nur ein bisschen bier und ich konnte danach sogar noch prima rad fahren", legt er mir das als unbewusst selbstgefährdendes verhalten aus und droht, mich gegebenenfalls ins zentrum für suizidgefährdete zu überweisen. ich halte dies zunächst für einen scherz, aber dr. sch. scherzt genauso wenig wie adolf hitler über den zweiten weltkrieg. ich verschweige dr. sch. danach bewusst, dass derzeit mein fahrradlicht kaputt ist und dass ich mich demzufolge sicherlich unbewusst im dunkeln hatte überfahren lassen wollen.

frau dr. k. sieht das alles ein wenig lockerer. sie lächelt viel. sie hält mich für intelligent und baut darauf, dass ich mich entsprechend verhalte. ähnlich wie das objekt ist sie der meinung, dass mein gelegentlicher substanzmissbrauch symptom, nicht aber hauptproblematik ist. sie zieht mit meinem psychologen an einem strang, der mir gleich im erstgespräch offenbarte, dass er nicht für sucht zuständig sei und dass ich dieses problem selbst unter kontrolle bringen oder mich für einen vollstationären aufenthalt entscheiden müsse, wobei er letzteres in meinem fall eigentlich für unnötig halte. also bin ich weiterhin vogelfrei, sofern dr. sch. nicht interveniert und mich als suizidgefährdet einstuft.

im büro fühle ich mich derzeit am wohlsten. ich sauge die anerkennung, die ich bekomme, in mich auf und versuche, möglichst viel davon auch umzuverteilen und für ein sozial warmes arbeitsklima zu sorgen. ich forciere den folgevertrag für den inzwischen ausgelernten azubi, gehe mit meinem springer-kollegen, der uns derzeit mit ein paar kreativen ideen aushilft, sushi essen und lege meiner chefin, die liebeskummer hat, einen glückskeks auf den tisch. in unserem büro funktioniert vieles nicht, aber eines haben wir alle geschnallt: es ist wichtig, aufeinander zu achten.

vorgestern hole die objektexfreundin vom bahnhof ab. als ich sie umarme, habe ich fast nichts mehr, was ich an mich drücken könnte. sie gesteht mir, dass ihr bmi inzwischen unter 16 liegt. wir setzen uns in ein café und unterhalten uns darüber, wie in aller welt man die angst vor dem leben loswerden kann. denn auch bei der objektexfreundin ist es eher so, dass die sucht ein nebenprodukt eines viel umfassenderen problems ist.

"hast du was vom objekt gehört", fragt sie mich irgendwann.
ich berichte ihr vom kontakt in den letzten wochen und wie das objekt rührenderweise versuchte, mir aus der depression zu helfen. gerade, als ich mich frage, ob ich der objektexfreundin damit eigentlich weh tue, sagt sie:
"weißt du, was ich an der ganzen geschichte eigentlich besonders schlimm finde? dass du es die ganze zeit wusstest... dass du uns beim knutschen zusehen musstest... ich frage mich echt, wie man das eigentlich aushalten kann! ich frage mich sogar manchmal, wie das objektgespielin das übersteht... sie weiß ja auch, dass sie nicht die einzige ist."
"ich fand es eigentlich immer schlimmer, dass ich zum schweigen gezwungen war und mitangesehen habe, wie du mit der lüge gelebt hast", erwidere ich.
"du hast das objekt auch immer sehr gemocht, oder?" lächelt die objektexfreundin und ich nicke.
"ich mag es immer noch, soweit man es eben mögen kann."
"du bist ihm auch unheimlich wichtig", berichtet die objektexfreundin. "das merke ich, wenn es von dir spricht."
"du ihm aber auch", berichte ich. "erinnerst du dich an die nacht im club anfang april... als du es im scherz auf den mund geküsst hast? das objekt kam danach zu mir und war völlig verwirrt."
die objektexfreundin kichert.
"so cool ist der typ gar nicht."
"kein bisschen."
ich sehe die objektexfreundin liebevoll an und finde, dass sie zu den coolsten frauen zählt, die ich kenne. das sage ihr dann auch, woraufhin sie ganz verlegen wird. sie lehnt sich an meine schulter, schnuppert und findet, dass ich gut rieche.
in diesem augenblick denke ich mir zum wiederholten male: scheiß auf die typen! man kann auch mit frauen wunderbare momente haben...

... link


Montag, 18. Juni 2012
begegnung
heute nachmittag ging ich durch die straßen, kippe und kaffee in der hand, als ein alter mann meinen weg kreuzte.

"entschuldigung, können sie mir sagen, wo man hier gut fisch essen gehen kann?"
ich blieb stehen und überlegte. da ich außer in imbissen nie essen gehe, kenne ich in hamburg so gut wie gar keine restaurants. was sollte ich dem alten empfehlen? auf der ecke gab es jede menge touri-schuppen, aber wie ein tourist sah der mann eigentlich nicht aus.
dann fiel mir plötzlich etwas ein und ich nannte dem mann eine lokalität, deren adresse ich nicht genau sagen konnte. ich beschrieb den ort mit händen und füßen in allen farben und hoffte, der alte möge den weg finden. er bedankte sich und ging.

ungefähr gut eine stunde später, ich befand mich gerade auf dem rückweg, lief mir der mann ein zweites mal über den weg. er strahlte und winkte mir.
"danke für den tipp", sagte er, "ich habe eine hervorragende scholle gegessen."
"das freut mich", sagte ich ehrlich.
der mann sah mich an und zögerte, bevor er weitersprach:
"wissen sie, ich werde morgen am herzen operiert. und ich esse so gerne guten fisch, und ich wollte heute unbedingt noch mal einen haben."
ich bekam ein schmerzhaftes ziehen in der brust und nickte.
der mann schaute mich aufmerksam an und meinte dann:
"ich weiß auch nicht, warum ich ihnen das jetzt erzähle, ich will sie auch gar nicht belästigen..."
"neinnein", wehrte ich ab, "ich kann mir vorstellen, wie sie sich fühlen."
da sagte der mann:
"wissen sie, sie haben so einen blick... ganz hell, ganz sanft und gleichzeitig sehr forschend... und doch so, als hätten sie schon sehr viel dunkles in ihrem jungen leben gesehen... als kannten sie all die schmerzen und entbehrungen."

ich starrte den mann an und musste schlucken.
"ich wünsche ihnen sehr viel gutes und sehr viel liebe", sagte der mann.
"ich wünsche ihnen auch alles gute... insbesondere für morgen", stotterte ich.

dann wandte mir der alte den rücken zu und schlurfte langsam weiter. ich stand noch eine weile da und spürte zwischen kopf und asphalt meinen herzschlag wummern.

... link


Mittwoch, 13. Juni 2012
seelendefekt
melancholie ist schwelgen, schöpfen, sturm nach zu langer ruhe. ein bisschen theatralisch blinzelt sie mir mit einem lachenden und weinenden auge zu.

melancholie ist eine kraft, schön und schrecklich zugleich.

diese kraft hat mich nun verlassen.

"du bist krank", sagte das objekt am vorletzten wochenende.

wenn man den müll nicht mehr rausbringt, ist das vermutlich so.
wenn alles außerhalb des bettes einer lebensbedrohlichen expedition gleicht, ist das wohl so.
wenn man alles und jeden aus seinem leben aussperrt, ist das wohl so.

das objekt hat die letzten wochen versucht aufzufangen, was da zu krachen und zu brechen begann. aber es war zu viel für einen menschen oder zwei.
"ich fühle mich dieser situation nicht mehr gewachsen", sagte das objekt. "ich kann das nicht verantworten."

also packte es mich unter den armen und schleifte mich in die psychiatrische notaufnahme. dort kam die angst. ich zitterte. ich wollte nicht verrückt sein. das objekt hielt mich mit seinem eisengriff fest, aber ich konnte seine anspannung spüren.

das objekt versuchte zu lächeln und mir gut zuzureden. ich hörte nichts. ich klammerte mich an diesen muskulösen oberarm und versuchte, irgendwie noch sauerstoff in meine lungen zu pumpen.

"pass mal auf, morphine", schaute mich das objekt eindringlich an. "die werden dich vielleicht fragen, ob sie dich hier aufnehmen sollen. ich würde mir das an deiner stelle überlegen, ob du nicht ja sagst."
ich nickte besinnungslos.
"und wenn die dich nach drogen fragen, dann sei bitte ehrlich. die können dir nichts. die machen auch keine tests, aber es ist wichtig, dass die dich medikamentös richtig einstufen, okay?!"
ich nickte wieder.

nach zwei stunden waren wir an der reihe. das objekt kam mit, weil es sich nicht sicher war, ob ich in der lage war, alles richtig darzustellen.
viel gefragt wurde nicht. ich bekam immerhin sofort medikamente, die mich schachmatt setzten.

auf dem weg nach draußen war ich schon ausgeknockt, schwankte und hatte das bedürfnis, mich zu übergeben. ich kotzte in die büsche und dem objekt ein bisschen auf die füße. wir mussten beide kichern.

danach nahm mich das objekt erstmal mit zu sich nach hause und versuchte, mir essen einzuflösen. es gab kartoffelauflauf und ich quälte mir zwei, drei gabeln voll rein. danach fiel ich in tiefschlaf, seit vielen tagen endlich mal wieder.

seither leben wir im taumel der medikamente, die die depression bekämpfen sollen. es dauert und dauert.

morgens holt mich das objekt telefonisch aus dem bett und versucht mich zu überreden, in den tag zu starten. arbeiten muss ich, sonst droht mir als selbstständige das existenzielle aus. davon abgesehen bedeutet arbeit struktur, zwischenmenschlichen kontakt und die chance auf ein lachen.

ich ziehe meine chefin ins vertrauen und stoße überraschenderweise auf verständnis, wenn auch sorge. als ich am freitag zu spät komme, ruft sie auf meinem handy an und ist außer sich: "du bringst dich aber nicht um, oder???" die frage rührt mich. die arbeit hält mich hoch und ich werde wieder sicherer, dass ich auf keinen fall eine stationäre therapie will.

der azubi, der mehr ahnt als er weiß, zeigt sich von seiner sonnenseite. morgens schickt er mir lustige videos und mittags bringt er mein fahrrad zur reparatur.

ich liebe mein büro, das ist schon mal klar.

mein leben liebe ich auch, theoretisch. eines tages, hoffe ich, werde ich das auch wieder spüren. bis dahin bleibe ich bei meinen zwei netten ärzten aus der psychiatrie und meinem neuen psychologen. auch das objekt bleibt weiterhin präsent und eine konstante, immer dann, wenn ich schwankend werde und an der effizienz und richtigkeit des ganzen zweifle.

und unter der asche zeichnen sich langsam, noch kaum sichtbar, neue strukturen ab.

... link


Mittwoch, 6. Juni 2012
objektiv verhüten
das objekt ruft an.
"ähm, du, ich wollte dir nur sagen... wenn wir uns mal wieder begegnen... als... als frau und mann..."
(pause, zweideutiges laszives objektives schnurren!)
ich, butterweich: "jaaaaaaaaa??"
spannungsgeladene stille auf der anderen seite. ich halte den atem an.
was kommt jetzt? will es was? mich fesseln, knebeln und nackig aus dem fenster hängen? dass ich ihn mit fußtritten zum nacktputzen zwinge? dass ich der objektgespielin die muschi lecke? dass ich ihm ins gesicht pinkle? oder alles zusammen?

das objekt holt luft und sagt:
"dann gib mir doch bitte einen hinweis, ob wir verhüten sollen!"
ich, völlig perplex: "bitte was?!"
objekt, ruhig und neutral: "verhüten. sag mir bitte, wenn wir verhüten sollen!"
ich, immer noch sprachlos: "warum fragst du das jetzt... nachdem wir seit zwei jahren...?!"

objekt: "na es könnte ja sein..."
ich: "was? dass du dir aids bei mir holst?"
objekt: "nein, aber dass du kinder willst!"
ich: "und du denkst, ich würde dir sagen, bitte nimm ein kondom, wenn ich mir heimlich ein kind von dir wünschen würde?"
objekt: "naja!"
ich: "naja was?"

schweigen auf beiden seiten.
objekt: "ich wollte es ja nur mal erwähnt haben."
ich: "super. nach über zwei jahren! wir vögeln im dritten jahr! ist dir das eigentlich klar!"
objekt: "es ist aber auch immer noch sehr schön."
ich: !!!

objekt: "ich muss schluss machen, ich hab frühschicht, ich muss schlafen."
ich: "du meinst masturbieren und auf deinen neuen teppich abspritzen."
objekt: "du sau. dir kann man auch nichts vormachen."
ich: "dann leg wenigstens ein handtuch drunter, so im kontext verhütung und so. tschüß."
objekt: "ähm..."
ich: "und tschüß!!!"

diesen mann möchte ich mindestens so oft schlagen wie ficken.

... link