Montag, 18. Juni 2012
begegnung
heute nachmittag ging ich durch die straßen, kippe und kaffee in der hand, als ein alter mann meinen weg kreuzte.

"entschuldigung, können sie mir sagen, wo man hier gut fisch essen gehen kann?"
ich blieb stehen und überlegte. da ich außer in imbissen nie essen gehe, kenne ich in hamburg so gut wie gar keine restaurants. was sollte ich dem alten empfehlen? auf der ecke gab es jede menge touri-schuppen, aber wie ein tourist sah der mann eigentlich nicht aus.
dann fiel mir plötzlich etwas ein und ich nannte dem mann eine lokalität, deren adresse ich nicht genau sagen konnte. ich beschrieb den ort mit händen und füßen in allen farben und hoffte, der alte möge den weg finden. er bedankte sich und ging.

ungefähr gut eine stunde später, ich befand mich gerade auf dem rückweg, lief mir der mann ein zweites mal über den weg. er strahlte und winkte mir.
"danke für den tipp", sagte er, "ich habe eine hervorragende scholle gegessen."
"das freut mich", sagte ich ehrlich.
der mann sah mich an und zögerte, bevor er weitersprach:
"wissen sie, ich werde morgen am herzen operiert. und ich esse so gerne guten fisch, und ich wollte heute unbedingt noch mal einen haben."
ich bekam ein schmerzhaftes ziehen in der brust und nickte.
der mann schaute mich aufmerksam an und meinte dann:
"ich weiß auch nicht, warum ich ihnen das jetzt erzähle, ich will sie auch gar nicht belästigen..."
"neinnein", wehrte ich ab, "ich kann mir vorstellen, wie sie sich fühlen."
da sagte der mann:
"wissen sie, sie haben so einen blick... ganz hell, ganz sanft und gleichzeitig sehr forschend... und doch so, als hätten sie schon sehr viel dunkles in ihrem jungen leben gesehen... als kannten sie all die schmerzen und entbehrungen."

ich starrte den mann an und musste schlucken.
"ich wünsche ihnen sehr viel gutes und sehr viel liebe", sagte der mann.
"ich wünsche ihnen auch alles gute... insbesondere für morgen", stotterte ich.

dann wandte mir der alte den rücken zu und schlurfte langsam weiter. ich stand noch eine weile da und spürte zwischen kopf und asphalt meinen herzschlag wummern.

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Mittwoch, 13. Juni 2012
seelendefekt
melancholie ist schwelgen, schöpfen, sturm nach zu langer ruhe. ein bisschen theatralisch blinzelt sie mir mit einem lachenden und weinenden auge zu.

melancholie ist eine kraft, schön und schrecklich zugleich.

diese kraft hat mich nun verlassen.

"du bist krank", sagte das objekt am vorletzten wochenende.

wenn man den müll nicht mehr rausbringt, ist das vermutlich so.
wenn alles außerhalb des bettes einer lebensbedrohlichen expedition gleicht, ist das wohl so.
wenn man alles und jeden aus seinem leben aussperrt, ist das wohl so.

das objekt hat die letzten wochen versucht aufzufangen, was da zu krachen und zu brechen begann. aber es war zu viel für einen menschen oder zwei.
"ich fühle mich dieser situation nicht mehr gewachsen", sagte das objekt. "ich kann das nicht verantworten."

also packte es mich unter den armen und schleifte mich in die psychiatrische notaufnahme. dort kam die angst. ich zitterte. ich wollte nicht verrückt sein. das objekt hielt mich mit seinem eisengriff fest, aber ich konnte seine anspannung spüren.

das objekt versuchte zu lächeln und mir gut zuzureden. ich hörte nichts. ich klammerte mich an diesen muskulösen oberarm und versuchte, irgendwie noch sauerstoff in meine lungen zu pumpen.

"pass mal auf, morphine", schaute mich das objekt eindringlich an. "die werden dich vielleicht fragen, ob sie dich hier aufnehmen sollen. ich würde mir das an deiner stelle überlegen, ob du nicht ja sagst."
ich nickte besinnungslos.
"und wenn die dich nach drogen fragen, dann sei bitte ehrlich. die können dir nichts. die machen auch keine tests, aber es ist wichtig, dass die dich medikamentös richtig einstufen, okay?!"
ich nickte wieder.

nach zwei stunden waren wir an der reihe. das objekt kam mit, weil es sich nicht sicher war, ob ich in der lage war, alles richtig darzustellen.
viel gefragt wurde nicht. ich bekam immerhin sofort medikamente, die mich schachmatt setzten.

auf dem weg nach draußen war ich schon ausgeknockt, schwankte und hatte das bedürfnis, mich zu übergeben. ich kotzte in die büsche und dem objekt ein bisschen auf die füße. wir mussten beide kichern.

danach nahm mich das objekt erstmal mit zu sich nach hause und versuchte, mir essen einzuflösen. es gab kartoffelauflauf und ich quälte mir zwei, drei gabeln voll rein. danach fiel ich in tiefschlaf, seit vielen tagen endlich mal wieder.

seither leben wir im taumel der medikamente, die die depression bekämpfen sollen. es dauert und dauert.

morgens holt mich das objekt telefonisch aus dem bett und versucht mich zu überreden, in den tag zu starten. arbeiten muss ich, sonst droht mir als selbstständige das existenzielle aus. davon abgesehen bedeutet arbeit struktur, zwischenmenschlichen kontakt und die chance auf ein lachen.

ich ziehe meine chefin ins vertrauen und stoße überraschenderweise auf verständnis, wenn auch sorge. als ich am freitag zu spät komme, ruft sie auf meinem handy an und ist außer sich: "du bringst dich aber nicht um, oder???" die frage rührt mich. die arbeit hält mich hoch und ich werde wieder sicherer, dass ich auf keinen fall eine stationäre therapie will.

der azubi, der mehr ahnt als er weiß, zeigt sich von seiner sonnenseite. morgens schickt er mir lustige videos und mittags bringt er mein fahrrad zur reparatur.

ich liebe mein büro, das ist schon mal klar.

mein leben liebe ich auch, theoretisch. eines tages, hoffe ich, werde ich das auch wieder spüren. bis dahin bleibe ich bei meinen zwei netten ärzten aus der psychiatrie und meinem neuen psychologen. auch das objekt bleibt weiterhin präsent und eine konstante, immer dann, wenn ich schwankend werde und an der effizienz und richtigkeit des ganzen zweifle.

und unter der asche zeichnen sich langsam, noch kaum sichtbar, neue strukturen ab.

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Mittwoch, 6. Juni 2012
objektiv verhüten
das objekt ruft an.
"ähm, du, ich wollte dir nur sagen... wenn wir uns mal wieder begegnen... als... als frau und mann..."
(pause, zweideutiges laszives objektives schnurren!)
ich, butterweich: "jaaaaaaaaa??"
spannungsgeladene stille auf der anderen seite. ich halte den atem an.
was kommt jetzt? will es was? mich fesseln, knebeln und nackig aus dem fenster hängen? dass ich ihn mit fußtritten zum nacktputzen zwinge? dass ich der objektgespielin die muschi lecke? dass ich ihm ins gesicht pinkle? oder alles zusammen?

das objekt holt luft und sagt:
"dann gib mir doch bitte einen hinweis, ob wir verhüten sollen!"
ich, völlig perplex: "bitte was?!"
objekt, ruhig und neutral: "verhüten. sag mir bitte, wenn wir verhüten sollen!"
ich, immer noch sprachlos: "warum fragst du das jetzt... nachdem wir seit zwei jahren...?!"

objekt: "na es könnte ja sein..."
ich: "was? dass du dir aids bei mir holst?"
objekt: "nein, aber dass du kinder willst!"
ich: "und du denkst, ich würde dir sagen, bitte nimm ein kondom, wenn ich mir heimlich ein kind von dir wünschen würde?"
objekt: "naja!"
ich: "naja was?"

schweigen auf beiden seiten.
objekt: "ich wollte es ja nur mal erwähnt haben."
ich: "super. nach über zwei jahren! wir vögeln im dritten jahr! ist dir das eigentlich klar!"
objekt: "es ist aber auch immer noch sehr schön."
ich: !!!

objekt: "ich muss schluss machen, ich hab frühschicht, ich muss schlafen."
ich: "du meinst masturbieren und auf deinen neuen teppich abspritzen."
objekt: "du sau. dir kann man auch nichts vormachen."
ich: "dann leg wenigstens ein handtuch drunter, so im kontext verhütung und so. tschüß."
objekt: "ähm..."
ich: "und tschüß!!!"

diesen mann möchte ich mindestens so oft schlagen wie ficken.

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Sonntag, 3. Juni 2012
großer spendenaufruf für schlecker
huch, nun ist alles futsch. die schlecker-kinder sind traumatisiert: ein familienunternehmen ist endgültig gescheitert. wie traurig! wie herzzerreißend brutal!

nur noch 35 bis 40 millionen euro privatvermögen, das ist natürlich hart. das können auch die niemands von nebenan mit einem jahreseinkommen von knapp 12.000 euro bestätigen. da ist es doch völlig klar, dass man nicht noch sieben bis neun mille verlustfinanzierung im rahmen des laufenden insolvenzverfahrens abgeben kann! das wäre ja fast so unmenschlich wie als schlecker-mitarbeiter zu schuften! nein, nein, das geht nicht, zumal jetzt auch noch papis sportwagen weg ist - und das, wo man doch mobil und flexibel bleiben muss, gerade in zeiten der krise!

kurzum, es ist entsetzlich: ein filial-imperium zerschlagen zu sehen, dass jahrzehntelang so tapfer mithilfe gnadenloser ausbeutung, unterdrückung und überwachung wehrloser dumpinglohnarbeiter mal richtig etwas auf die füße gestellt hat. deutschland war so stolz auf schlecker!

dabei hätte alles noch gut werden können. die bereits gefeuerten dumpinglohnarbeiter waren nämmlich bereit, zu noch mieseren leiharbeiterkonditionen weiterzuarbeiten. aber sie haben sich einfach nicht genug mühe gegeben! und da sieht man mal wieder: milliardäre sind unmittelbar vom untergang bedroht, wo menschen zweiter klasse pinkelpausen machen oder sms lesen, während sie einfach nur verkaufen sollen! geschäftsschädigendes verhalten, sowas. eigentlich müsste man die schlecker-dumpinglohnarbeiter auf schadensersatz verklagen, jawoll.

wirtschaftsexperten fordern daher jetzt die elektronische fußfessel für angestellte sowie wasser und brot statt lohn. das fördere die motivation, indem sich arbeiter erst einmal drei jahre lang beweisen könnten, bevor man sie weiter zum generösen dumpinglohn sozialversicherungspflichtig beschäftigt. denn, hey, perspektive zählt! nur mit perspektiven für alle kann man ein land wie deutschland, das vermutlich in kürze ähnlich wie andere eu-länder schlichtweg abkacken wird, wieder auf vordermann bringen. die wirtschaftsexperten verweisen dabei auf das äußerst erfolgreiche modell der kinderarbeit in afrikanischen und asiatischen ländern. man könne schließlich nicht zulassen, dass die dritte welt uns industrienationen, die wir in der wüste brunnen gebaut haben, eines tages das wasser abgräbt!

leider kommen diese klugen und zukunftsorientierten rettungspläne zur unternehmenssanierung für meike und lars zu spät. ihnen hilft nur noch der deutschlandweite taschentuch-spendenmarathon, der kommende woche von zewa-wichs-es-weg in kooperation mit "mondfinsternis-stunden" auf zdf gestartet wird. eine reizende idee, an der sie, werte leser, sich unbedingt beteiligten sollten!

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Freitag, 1. Juni 2012
froschkönigin
mein neuer liebster platz ist das moor. alles ist so verdammt lebendig dort. der boden ist mal fest, mal weich, es ist ein senken und heben, und falls man zu faul war, die gummistiefel mitzunehmen, heißt es hinterher erstmal schuhe schrubben.

nach 22 uhr geht das allabendliche froschkonzert los. manchmal kommt das objekt, das in der nähe arbeitet, mit. dann sitzen wir auf der bank wie omma und oppa, rauchen einen joint und schweigen, stupsen uns nur hin und wieder an, um auf schlafende gänseküken, kämpfende amseln oder die wasserlilien zu zeigen, die sich in der dämmerung im wind wiegen.

"froschkönigin", sagt das objekt, als ich auf mein nagelneues uraltes grünes fahrrad steige und wir noch ein paar meter zusammen die laute straße entlangfahren.
"froschkönige sind friedensherrscher", gebe ich zurück.
"dann regiere deine kleine welt auch so", findet das objekt, nimmt meinen kopf in seine hände und küsst mich. "lass den kriegsfuß mal aus der tür."
"ich bin die marc aurel unter den froschköniginnen."
"marc aurel hat auch kriege geführt", verbessert mich das objekt.
"schnauze", erwidere ich, "ich bin die religionslehrerin von uns beiden!"

das objekt knufft mich, umarmt mich noch einmal und entschwindet dann in die nacht. ich sehe dem wehenden roten haarschopf hinterher und mache mich dann meinerseits auf den weg.

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