Freitag, 1. Juni 2012
froschkönigin
mein neuer liebster platz ist das moor. alles ist so verdammt lebendig dort. der boden ist mal fest, mal weich, es ist ein senken und heben, und falls man zu faul war, die gummistiefel mitzunehmen, heißt es hinterher erstmal schuhe schrubben.

nach 22 uhr geht das allabendliche froschkonzert los. manchmal kommt das objekt, das in der nähe arbeitet, mit. dann sitzen wir auf der bank wie omma und oppa, rauchen einen joint und schweigen, stupsen uns nur hin und wieder an, um auf schlafende gänseküken, kämpfende amseln oder die wasserlilien zu zeigen, die sich in der dämmerung im wind wiegen.

"froschkönigin", sagt das objekt, als ich auf mein nagelneues uraltes grünes fahrrad steige und wir noch ein paar meter zusammen die laute straße entlangfahren.
"froschkönige sind friedensherrscher", gebe ich zurück.
"dann regiere deine kleine welt auch so", findet das objekt, nimmt meinen kopf in seine hände und küsst mich. "lass den kriegsfuß mal aus der tür."
"ich bin die marc aurel unter den froschköniginnen."
"marc aurel hat auch kriege geführt", verbessert mich das objekt.
"schnauze", erwidere ich, "ich bin die religionslehrerin von uns beiden!"

das objekt knufft mich, umarmt mich noch einmal und entschwindet dann in die nacht. ich sehe dem wehenden roten haarschopf hinterher und mache mich dann meinerseits auf den weg.

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Mittwoch, 30. Mai 2012
ssah und ebeil, ud und hci
seitdem das objekt wieder auf dem plan ist und oberwasser im leben gewonnen hat, konfrontieren wir einander hart mit den marotten des jeweils anderen.

wenn das objekt sich mal wieder daneben benimmt und sich dann mit den worten "sorry, ich weiß, ich bin ein arschloch" entschuldigt, sage ich "du bist ein möchtegern-arschloch, du poser, und du brauchst tussen, die feige und geheimnisvoll verwechseln, um deine fassade aufrechtzuerhalten." woraufhin das objekt noch nicht einmal beleidigt auflegt, sondern tatsächlich nachdenkt, zwei stunden später zurückruft und nachfragt, ob es eigentlich manchmal lächerlich wirke und dann zugibt, dass es für ihn schwierig sei, authentisch zu sein, weil er hier den vater und ein männliches vorbild vermisse.
"was ist dein vater für dich?" frage ich nach und plötzlich spricht das objekt über seine kindheit. dass der vater nicht nur alkoholiker, sondern dorfbekannter schläger war, dem man nicht krumm kommen durfte.
"du hasst deinen vater nicht nur", analysiere ich die antworten, "wenn du so von ihm redest, bist du eigentlich stolz auf ihn. in wirklichkeit kannst du nicht verstehen, wie du ihn so bewundern kannst, während du ihm so gleichgültig warst und versuchst es ihm nachträglich heimzuzahlen, indem du ihn als vater verleugnest."
nach solchen sätzen ist das objekt stolz, allerdings auf mich:
"dass ich so eine kluge frau kenne... und dass die mich kennen mag, das ist toll."

im gegenzug lauscht es auf meine worte und weist mich gnadenlos zurecht, wo ich mich zu klein mache:
"so charmant dein zynismus ist, in wirklichkeit hasst du dich so sehr, dass du gefahr läufst, dich irgendwann aufzugeben."
im büro erreichen mich kleine botschaften per sms:
"auftrag für heute: dir eine blume kaufen."
oder:
"koch dir was tolles zu essen und verbringe mindestens eine halbe stunde allein damit, die mahlzeit zu genießen."
oder:
"was ist dein highlight für den heutigen tag? überlege es dir bis heute nachmittag, 15 uhr und schreib es mir."
zur schlafenszeit plingt dann mein handy noch einmal und das objekt fragt ab, ob ich meine aufträge auch erledigt habe. dann gibt es feedback:
"gut gemacht. und morgen noch mal."
oder:
"das ist schon wieder so tiefsinnig, du musst auch mal oberflächlich und albern sein!"
oder:
"zu wenig kohlenhydrate. das nächste mal nimm ein brötchen dazu."

"wie fühlt sich das für dich an?" fragt das objekt.
"gut. geborgen. in sicherheit", sage ich nach kurzem überlegen.
"nicht kontrolliert?" hakt das objekt nach.
"nein", sage ich ehrlich. "du legitimierst mir mich und meine bedürfnisse."
"und du? was empfindest du dabei?
das objekt denkt nach:
"aufmerksamkeit. du gibst mir so viel aufmerksamkeit. und dann erkenne ich in meinem vagen und manchmal auch hässlichem spiegelbild das schöne. oder auch mal das krumme, das ich mir gerade male in gedanken. du bist mein bewusstsein, ein bewusstsein mit einem schönen, liebenden und zugleich kritischen blick, der mir selber abgeht."
"schade, dass du kein arschloch bist, sonst könnte ich dich leichter hassen", sage ich.
"schade, dass ich dich nicht mehr dich selbst entdecken machen kann, sonst könnte man dich leichter lieben."
"wir sind eben zwei hoffnungslose fälle", sage ich leichthin, woraufhin das objekt aufstampft und mault:
"siehst du, du machst es schon wieder!"

wir sind vermutlich und offenbar tatsächlich hoffnungslos. hoffnungslos liebend-verbunden und getrennt zur gleichen zeit.

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Dienstag, 29. Mai 2012
we love you
... as long as you feed us...



und glaub uns, wir haben dich genau im blick....


das gesamte wochenende über tapfer in einsamkeit geübt. ist ja eine meiner eher schwachen disziplinen. also ausbaufähig.

die enten haben mich heute als einzige lebewesen begleitet. dafür habe ich gerne eine paar brotkrumen gegeben.

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Samstag, 26. Mai 2012
die fette bulldogge sehnsucht
die fette bulldogge sehnsucht steht mit ihrer derben schnauze vor mir, speichelt auf den teppich und kaut am türrahmen. wenn ich mich zwei schritte bewege, kläfft sie und will zuwendung. sie selbst ist indes immer auf den beinen und wuselt herum, stößt an empfindliche stellen und verursacht glasbruch: eine tasse, ein teller, ein herz.

sie ist kein schoßhund und so hässlich, dass man sie nicht anfassen möchte. ich nicht und ein anderer schon dreimal nicht. sie lässt sich auch nur schwer an die leine legen. die nagt sie einfach durch, in einem wütenden moment. ein schlecht erzogenes tier, aggressiv und bissig.

gestern wanderten wir stumpf und out of space durch die straßen des kiez und ich hoffte, der chemische nebel in meinem blut möge die fette bulldogge endlich verschlucken. doch der köter zog mich weiter und wusste offenbar instinktiv sehr genau wohin.

gegen halb vier, als wir die holstenstraße überquerten, blieb die fette bulldogge plötzlich stehen, während zwei hände mein gesicht packten und ein kuss auf meiner stirn landete.
"morphine! was für ein zufall, was machst du denn hier?" fragte mich das objekt.
"keine ahnung", sagte ich wahrheitsgemäß.
wir standen auf einem grünstreifen neben einer ampel, links und rechts rasten taxis an uns vorbei, und die fette bulldogge hatte in respektvoller entfernung friedlich sitz gemacht.
"ich wollte eigentlich noch in keller", berichtete das objekt, "aber da haben sie mich so nicht reingelassen."
das objekt war alkoholisiert und hatte feine klamotten an.
"meine cousine hat heute geheiratet", sagte es und zeigte auf hemd, bügelfaltenhose und ordentliche haartracht.

dann standen wir nebeneinander und rauchten eine zigarette.
"ein bier wäre jetzt nett", fand das objekt.
"hm", sagte ich und schaute mich nach der fetten bulldogge um, die in der ferne um einen baum schlich.
"erinnerst du dich, als wir mal über den teil gesprochen haben, der mich mit dir verbindet?" sagte ich dann unvermittelt.
"ja", schaute mich das objekt wach und erwartungsvoll an.
"das ist eine gabe, die du hast."
das objekt lächelte geschmeichelt und schaute fragend.
"deine gabe, das heißt, du kann menschen, insbesondere wohl frauen, etwas vermitteln, wonach sie unbewusst schon ewig suchen."
"das ist interessant, das hat mir ja noch niemand gesagt", erwiderte das objekt.
"aber insgeheim weißt du es. und du weißt auch um die abhängigkeiten, die du erzeugt, vor allem dort, wo du mit deiner gabe nicht verantwortungsbewusst umgehst. und gleichzeitig kennst du wahrscheinlich auch die kehrseite der medaille, dass menschen dich nicht mehr loslassen können und ihre forderungen dich unter druck setzen."
"ja", sagte das objekt ernst.
"du bist aber kein heiler. du bist ein joker. du bist ein joker, den man nicht spielen kann, ohne zu verlieren. und man neigt dazu, dich zu verspielen, weil du es so dermaßen herausforderst, in beinahe jedem moment."

das objekt starrte mich mit offenem mund an und schwieg eine weile, bevor es sagte:
"touché, madame. ohne dass ich jetzt sagen kann, dass ich das zu hundertprozent verstanden habe, fühle ich mich jetzt irgendwie ertappt... so ertappt, wie man sich selbst manchmal unvermittelt ertappt... in dingen, die schon lange verborgen in einem liegen."
ich nickte wild.
das objekt betrachtete mich.
"manchmal glaube ich, der grund, dass wir uns begegnet sind, ist, dass du so eine art orakel für mich bist. du scheinst mich zu kennen, oft auch in den dingen, die du eigentlich gar nicht wissen kannst."
"vielleicht ist das teil, der ich für dich bin."
"vielleicht, aber ich denke, das ist längst nicht alles."

dann nahm mich das objekt in die arme und meinte:
"ich nehme mir jetzt ein taxi nach hause. wie kommst du heim?"
"mit dem rad."
"irgendwann passiert dir mal was."
"worauf du einen lassen kannst."
"ich finde das nicht komisch", sagte das objekt streng.
"tschüß, vaddi", sagte ich lächelnd.

solange ich kräftig in die pedalen trat, hechelte die fette bulldogge hinter mir her und blieb immer weiter zurück. erst zuhause im bett plumpste sie mit vollem gewicht auf meine brust und versuchte, mich vom schlafen abzuhalten, indem sie mir mit ihrer schleimigen zunge tränen in die augen leckte.

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Dienstag, 22. Mai 2012
schluss mit lustig
die steuererklärung liegt auf dem tisch und frisst die zeit. gleichzeitig macht der gedanke, dass ich mit wöchentlich 50 bis 60 stunden harter arbeit einem haufen feiger und bornierter affen im reichtag ihre pensionen sichere und selber kaum überleben kann (mein nettolohn liegt erschreckenderweise immer noch unter 1.000 euro, stellte ich gestern fest), sehr viel lust darauf, bomben zu werfen, zu brandschatzen und leuten höchstpersönlich die zähne aus den dummen fressen zu treten.

"da kann alles so nicht weitergehen", sagt der architekt gestern im club. der architekt, der vor kurzem in einen vorstand gewählt wurde und eine anfrage von der uni für eine professur hat, hat das illustre system, in dem er neuerdings steckt, ganz fix durchschaut: "die parteien und so, das ist alles eine scheinwelt. regiert wird heutzutage durch die hintertür. das ist die schlimmste form von entmündigung überhaupt, denn sie ist verlogen bis in den letzten winkel. mit soviel perfidität kann nicht mal mehr eine hitlersche diktatur mithalten."

die städtebaulichen regierungsvorhaben, von denen der architekt berichtet, dienten ganz bewusst dazu, die soziale schere noch weiter zu spreizen.
"das alles wird unter einem sozialen deckmantel verkauft, sodass die leute glauben, man täte ihnen auch noch was gutes."
dem architekten stinkt das: "an die presse gehen müsste man."
"dann verlierst du aber vielleicht das, was du dir aufgebaut hast", erwidere ich.
"inzwischen ist mir das scheißegal. ich habe den vorteil, dass ich finanziell ausgesorgt habe. und ich sage dir, ich habe die schnauze voll von all den leisetretern. außer unserem oberbürgermeister, der wenigstens noch nicht verlernt hat, den mund aufzumachen, sitzen in unserer regierung nur pfeifen, die sich unter einem verkrusteten system ducken, das gerade dabei ist zu zerbrechen. ich meine, hey, die rufen mich zuhause an und fragen mich, was sie machen sollen, weil sie keine manpower haben. mich! bin ich könig von deutschland?"

"ich weiß nicht, ob das mit der presse funktioniert", sage ich. "die leute lesen doch heutzutage nicht mal mehr richtig zeitung. höchstens als unterhaltunglektüre, am abend, wenn sie ins traute heim zurückkehren und die füße hochlegen wollen. die meisten sitzen doch scheintot in ihren ikea-verliesen, lassen sich vom fernseher berieseln oder beschäftigen sich mit dem demokratieersatz facebook. politisches interesse, das haben die meisten doch nur, weil sie sich gerne auch mal was semi-schlaues sagen hören möchten."

"trotzdem, du musst ja mal wo anfangen", sagt der architekt. "und ich will anfangen, wenn´s sonst schon keiner macht. ich habe das privileg, dass es mir nicht schaden kann. mich brauchen die sowieso."
"du hast dir ganz schön selbstbewusstsein zulegt", finde ich.
"ja, das kam so im laufe des letzten jahres... früher wollte ich bloß eine familie und ein haus mit garten", sagt der architekt. "aber das ist doch alles bullshit, es gibt viel zu viel zu tun!"

"okay, dann machen wir jetzt eben eine revolution", beschließe ich. "du machst nen plan, und ich mache dann den teil mit der presse."
"ach stimmt, du machst das ja beruflich", erinnert sich das architekt.
"meinst du, das geht?"
"keine ahnung", sage ich, "grundsätzlich geht fast alles, solange du kein geld dafür willst."
der architekt lacht.
"das ist nicht komisch", fahre ich ihn an. "wenn ich mal nicht mehr arbeiten kann, bleibt mir ja nichts. und ich werde nicht unwürdig alt werden und jeden tag zur tafel schleichen und das fressen, was mir irgendwelche bonzen übriglassen. senioren-suizid wird in 10, 20 jahren, wenn alles zusammengebrochen ist, bestimmt mal ein großer trend. deshalb müssen sie auch irgendwann aktive sterbehilfe legalisieren - ich meine, das entlastet ja das marode system."

der archtitekt schaut mich an:
"manchmal denkst du wirklich ein bisschen sehr schwarz."
"ich bin eben realistin", rechtfertige ich mich. "aber vielleicht rettet uns ja deine revolution."
"ich meine das ernst", betont der architekt.
"ich meine das auch ernst", erwidere ich.
"ja, dann, schluss mit lustig, oder? lass uns da mal zusammensetzen und überlegen, wie wir das angehen."
"wir werden die erste zwei-mann-revolution sein."

bevor der architekt blinzeln kann, küsse ich ihn auf den mund.
"dann mal gute nacht. die revoluzzerin muss jetzt schlafen."
der architekt strahlt verstrahlt und küsst mich dann schüchtern zurück.
ich gehe hinaus in die warme nacht und fühle mich zum ersten mal seit langer zeit wieder verstanden und bestärkt in dem, was im grundes meines herzens brennt: wir dürfen nicht nur reden. es ist zeit, etwas zu bewirken. und ich bete, dass uns der mut nicht verlässt.

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