Montag, 2. Januar 2012
[help!]
ich vermisse seit bereits längerer zeit meinen kalender hier. das ist verdammt unpraktisch, weil ich einträge nicht mehr rückwärts durchsuchen kann.

im layout ist der kalender allerdings noch drin.




any ideas?

edit: problem gelöst. wer eine ahnung hat, wie ich den kalender kleiner kriege, ist allerdings mit seinem guten rat herzlich willkommen.

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Sonntag, 1. Januar 2012
es knallen lassen
1. kapitel: befreiende erkenntnis

das alte jahr begann sich am nachmittag des 31.12. von seiner nettesten seite zu zeigen. und zwar als ich erfuhr, dass die lederjacke nun doch nicht der psychopathische exfreund einer bekannten ist. bisher hatte ich die lederjackengeschichte aufgrund der besagten warnung immer mit vorsichtigem abstand betrachtet und nur auf die erste schote gewartet, die mein vertrauen zerstören würde.
wie zum beweis rief die lederjacke zehn minuten nach erhalt der wichtigen information an, um mir ein tolles silvester zu wünschen, da wir nicht zusammen feiern würden. ich sagte ihr, dass ich glücklich sei, sie kennengelernt zu haben. die lederjacke war gerührt.

2. kapitel: wie es gut anfing und gut weiterging

silvester ist bei mir immer ein sehr empfindliches datum. der letzte jahreswechsel war zwar verrückt, aber insgesamt nicht allzu erquicklich gewesen. die treuen leser unter ihnen erinnern sich vielleicht noch die verquere horror-story mit objekt, objektfreundin und der odyssee auf dem eis. es war ein tag, den ich mir trotz des hohen abenteuerfaktors so schnell nicht wieder wünschte. daher hatte ich mich entschieden, diesmal mit k., der k.-ex, mr. shyguy und noch zwei, drei anderen bekannten auf eine richtig große wohnungsparty bei unbekannten menschen zu gehen und anschließend in einen club weiterzuziehen.

k. rief mich am abend an und erbot sich, mich an der holstenstraße abzuholen. das fand ich toll, da ich böllertechnisch ein kleiner schisser bin und an silvester in steter angst lebe, von einem knallfrosch tödlich getroffen in flammen aufzugehen.
als ich die brechend volle bahn verließ, sah ich k. schon im nieselregen stehen und winken.
"na?" sagte er.
"na?" sagte ich, "schon in feierstimmung?"
"silvester wird stark überbewertet", stellte k. trocken fest und guckte über die straße, wo menschen in die neue flora strömten.
"welche beknackten vollspießer rennen denn bitteschön silvester in ein
blödes musical?!"
"solche, die sonst auch auf so nen seichten scheiß stehen?"
k. lachte, ärmelte mich unter und zog mich weiter durch den regen.

3. kapitel: vom futtern und füttern

wir klingelten irgendwo, ich weiß nicht mehr wo. es öffnete eine bekannte, die ich schon mal in meinem stamm-club gesehen hatte. im hintergrund stand ein mann.
"das ist c., mein ex-freund und jetzt mitbewohner", stellte sie uns vor.
sie schob uns in die küche, wo es sekt, bier, kaffee und allerlei leckereien gab. um den küchentisch herum saßen bereits die k.-ex und mr. shyguy. ich nahm in der ecke platz und lehnte mich zurück. da rumpelte etwas hinter mir. erschreckt fuhr ich auf.
"oh, jetzt sind sie aber aufgewacht", lachte die bekannte.
ich drehte mich um und sah, dass ich vor einem käfig mit chinchillas saß.
"oh, die sind ja süß", rief ich.
"wir können sie rauslassen, wir haben so ein gitter, das wir immer in die küchentür stellen", schlug die bekannte vor.
"boah nee, ich mag keine viecher zwischen meinen füßen rumwuseln haben", sagte k. und schenkte sich einen wodka nach. auch die bekannte sah ein, dass freilaufende tiere bei steigendem alkoholpegel vielleicht keine gute idee waren. man kennt ja die bedauernswerten missgeschicke mit hamstern, die unter teppiche geraten und so.

c., dem meine begeisterung für die kleinen grauen fellknäule nicht entgangen war, fragte mich dann, ob ich sie füttern wolle. während sich der rest betrank und die ersten lines gelegt wurden, saß ich mit kleinen scheiben trockenfutter in der hand da und betrachtete fasziniert die mümmelnden chinchillas. wenn ich tiere um mich habe, brauche ich nichts auf dieser welt.

4. kapitel: zur richtigen zeit am richtigen platz im richtigen leben

gegen halb zehn zogen wir dann weiter auf die große privatparty. zwischendurch rief ich den wahnsinnigen doc an, der gerade in der stadt war und lud ihn ein, auch zu kommen. dann saßen wir alle zwischen menschen, die wir größtenteils nicht kannten und amüsierten uns prächtig. ich unterhielt mich irgendwann in der küche weiter mit der bekannten und ihrem mitbewohner. dabei stellte ich fest, dass ich die bekannte immer sympathischer fand. wir versprachen einander als guten vorsatz, uns im neuen jahr zu treffen. abgesehen davon hatten es mir ihre kleinen haustiere angetan und verdrängten kurzzeitig sogar meine immer noch unverwirklichten katzen-anschaffungspläne.

um mitternacht verteilte die gastgeberin sekt. ich hatte mich zwischenzeitlich an den wodka gehalten und spürte schon den ersten schluck der blubbergetränks. aber dann waren da all die arme, in die ich fallen durfte: k., die k-ex, die bekannte und ihr mitbewohner-ex, mr. shyguy, der wahnsinnige doc und noch vier, fünf unglaublich freundliche quasi-fremde. anstatt das übliche gute neue jahr zu wünschen, sagten wir uns, wir sehr wir uns freuten, einander zu kennen. ich spürte, dass es ehrlich gemeint war und diese zuneigung und freundschaft erfüllte mich von den zehenspitzen bis unter die schädeldecke mit einem großen, hell strahlenden glück.

5. kapitel: das glück der anderen

gegen eins verließen wir die privatparty und machten wir uns auf den weg in einen club. wir nahmen zwei taxis und eierten im schneckentempo durch die straßen. hamburg war von dichtem nebel verschluckt. an einer übersehenen roten ampel hatten wir beinahe einen unfall. mit einem gewaltigen schrecken in den knochen betraten wir schließlich den club.

k. peilte gleich die toilette zwecks nachlegen an und fragte, ob ich mitkommen wolle. ich überlegte und verneinte. mir war warm und wohl. ich traf weitere bekannte gesichter und verteilte umarmungen und gute wünsche. ich bekam viele getränke ausgegeben und sank schließlich reichlich betrunken im raucherraum neben k.
"weißt du, heute kann ich genau das zeigen, was für mich der sinn des lebens ist", lallte ich.
"was denn", fragte k. ziemlich benommen.
"liebe", nuschelte ich. "universelle liebe. ich liebe diese menschen da."
"hast du was genommen?"
"nee. das ist die nüchternste erkenntnis meines lebens", stammelte ich. "auch, wenn es wie dummes tussengeschwätz klingt."
"nee, das ist schön", fand k., "ich hab keinen sinn des lebens."
"echt nich?"
"nee, ich häng nicht so am leben."
"ich merks", sagte ich. "du konsumierst gerade ziemlich viel."
"ich weiß", sagte k., "aber es ist mir irgendwie egal."
"mir nicht", sagte ich und dachte auch an das objekt, "ich will nicht, dass du stirbst."
k. sah mich lange an und sagte nichts. dann zog er mich zum tresen und orderte noch zwei tequila.

gegen halb vier merkte ich, dass ich nicht mehr richtig laufen konnte. das kam nur bedingt vom alkohol, sondern rührte auch daher, dass ich seit acht stunden in meinen neuen schuhen steckte. ich saß am rand einer tanzfläche zwischen mr. shyguy und den wahnsinnigen doc gekuschelt. der wahnsinnige doc hatte vorhin ebenfalls getanzt, was er sonst nie tat. er hatte dabei die augen geschlossen und ein entspanntes lächeln auf dem gesicht gehabt und ich hoffte sehr, dass er glücklich war. denn dies ist das einzige, was noch schöner als das eigene glück ist: die menschen, die man mag, beim glücklichsein zu erleben.

6. kapitel: finale

kurz vor sechs beschlossen k. und ich aufzubrechen. die anderen waren bereits los.
"lass uns doch noch frühstücken gehen", schlug k. vor. "ich bin noch total wach."
"ich eigentlich auch", sagte ich. "aber ich will nicht mehr so weit gehen, ich kann einfach nicht mehr."
also schleppten wir uns nebenan zum bahnhofsbäcker.
dort saßen wir, tranken kaffee, aßen frische brötchen und beobachteten die passanten - betrunkene, streitende, umschlungen gehende, küssende, pöbelnde, lachende und weinende menschen.
k. lächelte.
"ach morphine-hase, nächstes wochenende wird bestimmt super."
"warum das denn?"
"weil da kein silvester ist. keine böller und keine scheinheiligkeiten."
"ich bin nicht scheinheilig."
"du doch nicht."
k. drückte mich, dann veraschiedeten wir uns. k. wankte zur s-bahn, ich, inzwischen wieder munter und gehfähig, tippelte zur u-bahn. eine halbe stunde später war ich dann endlich zuhause.

gegen halb acht lag ich im bett und ertappte mich dabei, wie ich noch immer lächelte. unter meiner haut kribbelten sanft geborgenheit, friede und warme freude, sodass ich nicht gleich einschlafen konnte, obwohl ich vollkommen erschöpft war. als ich schließlich doch einschlummerte, träumte ich von mümmelnden chinchillas und u-bahn-fahrten.


ihnen allen ein frohes und gesundes 2012!

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Mittwoch, 28. Dezember 2011
jahresausblick (with eyes wide shut)
unsere regierung schafft sich selbst ab. der teppich der glaubwürdigkeit liegt irgendwo verrutscht am rande der korruptionsküche, kann aber immer noch neue moder-feuchte wellen schlagen. ich glaube, man nennt sowas "italienische verhältnisse". wobei man im italienischen chaos gar nicht mehr festmachen kann, was da genau die verhältnisse sind.

auch die euro-zone schafft sich selbst ab. die leute lernen einfach nicht aus der geschichte: ab einer bestimmten größe werden zusammengewürfelte konglomerate von inneren spannungen zerrissen. vom heiligen römischen reich bis zur udssr hat es sich immer wieder wiederholt. aber wo gewinne winken, werden natürliche gesetzmäßigkeiten einfach verdrängt.

das ganze wird noch nicht einmal mehr marktschreierisch dokumentiert. die medien werden immer langweiliger. wohin das auge blickt: gecopypastede pr-texte. darin befinden sich dann keine wahrheiten, aber in der regel jede menge rechtschreibfehler. was klar ist, denn wie soll eine branche funktionieren, die nur noch praktikanten und dumping-tagelöhner beschäftigt? die pr-branche schafft sich also auch selbst ab. damit geht ein nicht unerheblicher teil des journalismus gleich mit flöten, weil viele überlastete, unterbesetzte redaktionen von sich zu tode sparenden verlagen immer häufiger ebenfalls auf pr-texte zurückgreifen. auch axel hüpfer ist so leicht manipulierbar, dass dem pr-triumpf stets ein gewisser schrecken innewohnt.

was uns passiert, nenne ich die "sanfte gleichschaltung" - in anlehnung an ira levins "sanfte ungeheuer". was bleibt, ist das kleine, einschläfernde glück, bei dem der arsch auf dem sofa festwächst und die fernbedienung an den händen. denn wozu revolution, wenn man sie auch im fernsehen angucken kann? wozu leidenschaft, wenn sie nur zum burnout führt? wozu bewegen, wenn die geistige totenstarre so saturierend ist?

für 2012 wünsche ich mir nichts. ganz fromm und gesellschaftskonform nichts.

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Montag, 26. Dezember 2011
alles anders
heilig abend.

obwohl die wiedersehensfreude groß ist, bemerke ich, dass die stimmung gedrückt ist. meine mama geht es nicht gut. schlafstörungen hatte sie schon immer, aber jetzt hört sie komische geräusche. der kreislauf spackt rum. das essen mit der verwandtschaft ist abgesagt.

ich telefoniere mit dem wahnsinnigen doc, einer meiner derzeit engsten freunde in der heimat. wir treffen uns und gehen auf die einzige party in der stadt, obwohl ich todmüde bin. der doc sagt dies und jenes und gibt ein paar ratschläge, die so vernünftig sind, dass es mir wieder mal das herz zerreißt, was für tolle und kluge menschen ich kenne. als ich wieder in der küche meiner eltern stehe, ist es spät, aber ich bin um drei wichtige tipps und eine adresse reicher.

1. feiertag

als ich aufwache, ist das haus leer. ich denke zunächst, die sind bestimmt essen gegangen, weil es bereits mittag ist. dann finde ich den zettel, der mir das blut in den adern gefrieren lässt: meine mutter wurde mit verdacht auf schlaganfall in die klinik eingeliefert. ich rufe auf dem handy an. mein papa hat es ausgeschaltet. im wartebereich der notaufnahme herrscht handy-verbot, das weiß ich dank zahlreicher aufenthalte in eigener sache. mein papa würde sich solchen vorschriften niemals widersetzen. also rufe ich die zentrale an und lasse mich bis in die notaufnahme durchstellen, wo ich dann erfahre, dass meine mutter noch untersucht wird. in einer stunde soll sie den befund erhalten.

ich fackle nicht lange, werfe meinen mantel über und renne zur u-bahn. die fährt hier feiertags nur in großen intervallen, also brauche ich ziemlich lange. als ich dann vor der klinik stehe, klingelt mein handy. jemand ruft von zuhause an.
"wir sind wieder da, alles in ordnung", sagt mein papa. "wo bist du denn?"
ich stehe vor der klinik.
im ersten moment habe ich eine sauwut.
"kannst du nicht mal auf das scheiß-handy schauen?! ich hab dreimal angerufen!"
wie erwartet erläutert mein vater das handyverbot, und ich weiß, dass ich von ihm niemals eine ausnahme verlangen könnte.
aber dann ist das auch unwichtig. meiner mama geht es gut. alles nur kreislauf und allgemeine anspannung, und ich weiß mal wieder, woher meine schwache stressresistenz und mein hang zur verzweiflung kommen.

als wir kaffee trinken und plätzchen mümmeln, klingt das telefon. es ist die lederjacke, der ich gesmst hatte, dass ich wegen meiner mutter in die klinik fahre. ich finde es enorm, dass die lederjacke darauf reagiert und sich nun ausführlich nach meiner mama erkundigt. ist ja nicht seine. könnte ihm ja egal sein. ist es ihm aber nicht, und mein herz beginnt knapp unter dem siedepunkt heftig zu klopfen.

meine mutter will wissen, wer der neue mann in meinem leben ist. ich berichte vom kennenlernen der lederjacke und zeige auch ein (unverfängliches) foto. meine mutter ist beeindruckt.
"das ist aber ein schöner mann! und die schönen blonden haare... und so jung sieht der aus!"
dann erkundigt sie sich nach dem objekt, das ihr ja sehr am herzen liegt:
"ist es noch obdachlos? nimmt es immer noch heroin?"
"es wohnt bei freunden. mehr weiß ich nicht, wir haben keinen kontakt mehr."
meine mutter wird ganz aufgeregt:
"ich hab immer angst, dass du mal zu ihm kommst und der liegt tot auf dem boden... was man bei rechtzeitigem eingreifen sicherlich verhindern könnte."
ich versuche ihr zu erklären, warum ich mich endgültig vom objekt verabschiedet habe. sie findet das nicht gut:
"ich kann mir vorstellen, dass du sein einziger halt warst und er sich jetzt vielleicht das leben nimmt. und der kleine hat dich doch auch so geliebt!"
dass der objektsohnemann auch meine sorge ist, kann sie sich denken. vor allem während unseres gemeinsamen urlaubswochenendes hatte ich die große zuneigung des lütten deutlich gespürt. seine kleine hand in meiner - fast die gesamte zeit über.
"es ist nicht mein kind", sage ich. meine mutter findet das kalt.
wir kommen nicht weiter. es kratzt und schabt an einem wunden punkt in mir. die ambivalenz der gefühle zerreißt mich. war ich doch zu harsch? was wäre gewonnen, hätte ich mich nicht getrennt oder nicht auf diese unbarmherzige weise?

dann erfahre ich, dass mein onkel meine eltern angerufen und sie unter anderem auf mein verhältnis zum objekt angesprochen hatte. dabei hatte er die frage gestellt, die ich, wäre ich mutter, mein kind längst gefragt hätte: wenn du mit einem junkie zusammen bist, hast du denn dann gar keine angst, dass du auch auf den geschmack kommst?
"zum glück bist du ja so vernünftig", lacht meine mutter.
ich schweige, will sie nicht beunruhigen. aber ich bin mir bewusst, dass das objekt alle meine dunklen seiten in mir zutage befördert hat. was einerseits sehr heilsam, anderseits fatal war.

doch zum glück wird künftig alles anders. ich bin auf einem guten weg. schließlich brauche ich noch ein paar gute vorsätze zum neuen jahr. und für notfälle habe ich ja immer noch die telefonnummer des drogenberater-bullen.

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Samstag, 24. Dezember 2011
weihnachtsexzess
gestern abend, nachdem alle geschenke besorgt und der koffer gepackt war, drängte es mich noch einmal auf die piste: buntes volk, 80er-jahre-hits und das angenehme wissen, sicherlich kein geld für drinks ausgeben zu müssen. außerdem hatte mir der drogenbulle per sms gestanden, dass er verheiratet war - eine schmach, die es zu kompensieren galt.

vor ort war es relativ leer. die menschen schienen offenbar an heilig abend was vor zu haben und schonten sich deshalb. gans und so sind ja allesamt fette abenteuer und setzen beste gesundheit und ausgeruhte mägen voraus. auch meine eine hatte ein ziel: ich musste um acht wieder hoch und zur bahn joggen, aber ähnlich wie tyler durton gebe ich es mir gern mal volles rohr in die eigene fresse.

dieser plan sollte durchaus aufgehen.
zunächst traf ich den architekten an der bar. der war von meiner e-mail noch nachträglich schockiert, wie er mir gestand, holte aber dann zu einem längeren vortrag über seine komplexe persönlichkeit aus und betonte seine grundsätzliche mich betreffende zuneigung. ich stellte wieder einmal fest, dass der architekt okay war. er log mich nicht an. er war live konfliktfähig. er lebte halt nur in seiner welt, und zwar an 29 von 30 tagen im monat. konnte ich dies ertragen? wie groß war der output im verhältnis zum input/den qualen der ungewissheit, die ich dafür auf mich nehmen musste?
hm.

während ich dem architekten über die schulter linste, schwang die tür auf und das objekt betrat in seinem wildcat-auf-raubzug-gang lässig und elegant den raum. dann entdeckte es mich und erstarrte. nach einer schrecksekunde ungläubigen glotzens drehte es sich auf dem absatz um und ging wieder hinaus.
auweia. da hatte ich ganze arbeit geleistet.

obwohl mein herz wild schlug, wandte ich mich wieder dem architekten zu, der gerade darüber philosophierte, wie wichtig ihm zuhören sei. immer schön rein ins fettnäpfchen, dachte ich mir. dem architekten, der einen sehr wachen blick für die an mir interessierte männliche umwelt hatte, war das schrecksekunden-intermezzo sicherlich nicht entgangen. er sagte jedoch nichts.

zehn minuten später hielt ich ein zweites mal den atem an, als das objekt noch einmal in den raum stürmte, seine jacke aus der ecke hinter dem sofa zog, hineinschlüpfte, eilig den schal um sich schlang und nach draußen rannte.
es war kurz nach drei. noch nie war das objekt so früh gegangen. ich konnte es ja verstehen, dass es mich nicht mehr kennen oder in einem raum mit mir sein wollte. aber gleich die party zu verlassen fand ich übertrieben. doch ich kannte das objekt gut genug und wusste, dass es damit auch markierungen setzte und reaktionen einforderte.
ich beschloss, mich unbeeindruckt zu zeigen und mich weiterhin um den architekten zu kümmern.

nach dem zweiten gratis-drink bekam ich geborgenheitssehnsüchte und rutschte näher an den architekten heran. der fand meine initiative schön und kuschelte sich seinerseits an. ich dachte an die lederjacke und verdrängte sie aus meinem kopf. ich dachte an das objekt und nahm noch einen schluck, um auch diesen gedanken aus meinem hirn zu ätzen.

erst als die lichter angingen und die barfrau mich fragte, ob ich denn mal auszutrinken gedächte, damit sie mein glas abspülen könne, wurde mir bewusst, wie spät es sein musste. der architekt erschrak nicht minder und kramte seine uhr hervor.
"halb sechs", sagte er. "oh mein gott, ich muss morgen früh noch geschenke kaufen!"
"oh mein gott", rief ich, "ich muss in vier stunden im zug sitzen!"

doch es wurde nichts mit gehen. erst kam uns der lieblingstürsteher, der mich immer mal wieder umsonst reinschmuggelt, dazwischen, indem er ein paar mexikaner auf den tresen schob. auch die barfrau trank einen mit und wurde plötzlich ganz umgänglich. wir bekamen schokolade und nüsschen geschenkt. schließlich kam die zweite tresenkraft und erzählte ein paar anekdoten aus der bewegten vergangenheit des clubs.

erst als der garderobenmann mit meiner jacke den raum betrat und meinte, ich sei nun die letzte, die ihre marke noch nicht abgegeben hatte, rafften wir uns auf und gingen nach draußen.
"ich bring dich", sagte der gentleman-architekt.
ich liebe männer mit autos.
im wagen sah ich noch einmal auf die uhr. es war zehn nach sechs. ich beschloss, nun nicht mehr auf die uhr zu sehen, sondern mir stattdessen zu überlegen, ob ich noch anderthalb stunden schlafen wollte oder lieber gar nicht.

als wir die straße zu meiner wohnung hochfuhren, meldete sich beim architekten der hunger.
ich warf meine schlafen-pläne über bord.
"dann lass uns jetzt frühstücken gehen."
ich schleifte den architekten zu meinem griechischen bäcker.
"na, noch gefeiert wie immer", begrüßte er mich.
"klar. für dich beginnt der tag, für mich endet er."
"aber is doch weihnachten", warf der bäcker ein.
"drauf geschissen", sagte ich.
"ich scheiß auch", meinte der bäcker.
dann bestellte ich ein feudales frühstück und lud den architekten ein, als dankeschön für die taxidienste.

später, ganz spät, standen wir einander vor meiner haustür gegenüber. es regnete in strömen. doch eine warme macht zog und zerrte an unseren herzmuskelfasern, bis wir uns endlich küssten.

es war schon eine verrückte sache mit dem architekten. aber eben nur eine halbe. trotzdem nahm ich das weihnachtsglockenläuten mit, ebenso wie die triefende nässe und die leichten halsschmerzen.
zuhause schlüpfte ich in trockene sachen, fönte meine haare und nahm den koffer. dann lief ich mit brennenden augen und kaputten füßen zur u-bahn, um zum bahnhof zu gelangen.

frohe weihnachten ihnen allen.
und nicht vergessen:

gegen den strom
schwimm gegen den strom
der strom schwimmt gegen den himmel
seine verschlossenen türen sind offen.

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