Sonntag, 25. September 2011
schöner schein(en)
gestern den architekten getroffen. er hat sich vergangene woche ein zweites grundstück gekauft.
"ich bin ein gemachter mann", seufzt er.
"das ist doch toll!" finde ich. "davon träume ich: mir keine sorgen mehr machen zu müssen, was nächsten monat passiert."
der architekt guckt nachdenklich.
"ich glaube, das ist das ende."
"was?"
"dass ich mir jetzt keine sorgen mehr machen muss."
"du meinst, weil das vermögen leere evoziert? weil die suche woanders weitergeht?"
"so ähnlich."

der architekt starrt ins leere.
"stell dir mal vor, da sitze ich dann auf meinem grundstück in meinem haus, vielleicht mit einer familie, hab einen hund und noch zwei, drei andere tiere... so, wie ich mir das immer vorgestellt habe... ja, und dann? was hab ich denn davon?"
"die meisten menschen wären glücklich."
"weil sie nicht verstanden haben, dass sich dadurch nichts ändert. in wirklich bleiben alle immer dieselben arschlöcher."
"die meisten menschen entwickeln sich nicht, das stimmt. weil sich keiner hinterfragt. mag sein, dass besitz die notwendigkeit, sich zu hinterfragen, noch weiter einschläfert."
"genau das ist das problem."
ich überlege.
"aber wenn man auf der materiellen seite ausgesorgt hat, wenn man sicherheit hat, bietet das ja vielleicht neues entwicklunspotenzial. weil dann woanders sehnsüchte aufpoppen und man sich mit ihnen beschäftigen muss."
der architekt schüttelt den kopf.
"guck dir doch die leute an, die werden immer langsamer. die leben wie im elfenbeinturm und hören auf, sich miteinander zu beschäftigen. sich mit sich zu beschäftigen. klar, meinungen haben sie alle. und die werden auch ständig rausposaunt. zeitunglesen wird damit verwechselt, weltpolitik zu machen. aber was machen sie denn? nichts. sonntags wird das auto poliert und der rasen getrimmt, das machen sie."
"ich habe die welt auch noch nicht verändert."
"aber du hast die voraussetzung dafür. weil du dich mit seelen beschäftigt. auch mit deiner. das können die meisten nicht."

wir schweigen. dann setzt sich ein bekannter des architekten, seines zeichens psychiater, zu uns.
"ich kenne dich", sagt er zur begrüßung zu mir.
ich gucke dumm.
"du wohnst doch in winterhude."
"nicht ganz."
"egal, jedenfalls hab ich da neulich gesehen."
"echt? kann schon sein, ich bin da öfter."
"du hast ein riesiges bündel wäsche mit dir rumgeschleppt."
"ja, ich gehe da immer in den waschsalon waschen, weil meine waschmaschine neulich kaputt gegangen ist."
"siehst du, lag ich doch richtig."
"dass du mich wiedererkannt hast! da war ich doch bestimmt noch halb in schlafklamotten, oder?"
"weiß nicht. du sahst verdammt verloren aus, da mit deinem wäschebündel."
"ich bin eben lieber für mich", sage ich eine spur zu aggressiv.
"enttäuscht?" fragt der psychiater nach.
haarscharfe analyse.

der architekt erspart mir weitere antworten, indem er von seiner familie zu erzählen beginnt.
"früher hatte ich einen unglaublich starken wunsch, meinen bruder umzubringen", berichtet er. "ich glaube, ich stand auch mehrmals kurz davor. das hat der auch mitbekommen. neulich haben wir uns darüber unterhalten."
"und?"
"er meinte, er habe mir verziehen", sagte der architekt und lacht.
"hast du auch geschwister", fragt mich der psychiater.
"nein", sage ich.
"familie?"
"nein", sage ich, "also nicht hier, ich komme ja nicht von hier. 600 km weiter im süden. aber wir sehen uns alle paar monate."
"und eigene familie?"
"nein", sage ich wieder. "ich will erst kinder, wenn ich die auch selber versorgen kann. ich will mich da auf keinen mann verlassen, heutzutage ist das ja immer nicht weit her mit dem großen versprechen."
"doch enttäuscht", stellt der psychiater fest. "das ist aber schwierig, wenn man offenbar so allein auf der welt ist wie du."
"tja, exilantenproblem."
"nicht unbedingt. hast du wenigstens ein paar gute freunde hier?"
"ich denke schon."
"das klingt nicht besonders überzeugt."
"naja, freundschaften entstehen und vergehen. die meisten leute kenne ich noch nicht länger als ein oder zwei jahre, da weiß man doch nicht, wohin das gehen wird, auch wenn es sich für den moment vielleicht ganz gut anfühlt. und ich habe vor ein paar wochen meinen besten freund verloren, kann sein, dass ich deshalb ein wenig desillusioniert klinge."
der psychiater schaut mich aufmerksam an.
"pass bloß auf, sonst sehen wir uns eines tages in meiner praxis wieder."
"sie sucht eben seelen", mischt sich der architekt ein. "das kann man doch verstehen, das ist doch was ganz wunderbares."
der psychiater guckt skeptisch:
"das ist aber ein schwieriges unterfangen."
"aber kein hoffnungsloses."
"nein, sicher nicht. aber menschen, die so ticken wie ihr, die sind nicht unbedingt in der überzahl. die wahrscheinlichkeit, dass ihr irgendwann ziemlich verzweifelt sein werdet, ist durchaus recht hoch."
"das sind wir schon", lacht der architekt.
"aber ihr sagt bescheid, bevor ihr auf dumme gedanken kommt?" schmunzelt der psychiater.

später, als der psychiater gegangen ist, sage ich zum architekten:
"was, wenn wir irgendwann den glauben daran verlieren?"
"woran denn?"
"dass es noch menschen gibt, die auch so sind."
"dann muss man sich in die reine geistigkeit flüchten."
"ih, nein", rufe ich. "dazu bin ich viel zu gerne weltlich. mit allem, was dazu gehört."
der architekt denkt nach und lächelt:
"wir können ja schafe züchten."
"nette idee. aber die sagen halt dann nicht viel."
"eben drum."

in der morgendämmerung bringt mich der architekt nach hause. wir umarmen uns sehr lange. wieder denke ich darüber nach, ihn einfach zu küssen. ich lausche nach innen, aber in mir schweigt es. leere.
dann lasse ich den architekten los.
"gute nacht", sage ich.
"gute nacht", sagt der architekt und winkt, als er die straße zurück zu seinem wagen geht.

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Samstag, 24. September 2011
der mir das joch tragen hilft
mein physiotherapeut, der fatalerweise genauso heißt wie das objekt, ist ein ausgesprochen guter mann. nach einer halbstündigen liebevollen anamnese und nur einer behandlung war ich erstmals seit monaten schmerzfrei. ich saß im büro und konnte es gar nicht fassen, keine dröhnenden kopfschmerzen zu haben. heiß und kalt trinken zu können. die schulter bewegen zu dürfen, ohne glühende nadeln im arm zu spüren.

das beste: der effekt hielt an. bis heute, als ich meine zweite behandlung hatte. wieder bekam ich überminuten, weil der physioterapeut es eine schande findet, dass ein schwerer fall wie ich keine entsprechende behandlung bekommt. mir ist das peinlich. ihm nicht. er meint, ich sei eine interessante patientin, weil meine symptome so uneindeutig seien. na dann, sagte ich, haben wir wenigstens beide was davon.

heute wurden mir dann zum ersten mal in meinem leben schröpfköpfe gesetzt. sie wissen schon, dieses kleinen glashauben, die unterdruck erzeugen und dann einen blauen fleck hinterlassen. der physiomensch hat mir am ganzen rücken welche gesetzt. ganz große. jetzt sehe ich aus, als wäre ich ganz furchtbar verprügelt worden. die schulter tut so weh, dass ich nicht sagen kann, ob es der alte oder ein neuer schmerz ist. jedenfalls kann ich morgen dann schon mal nichts tief dekolltiertes tragen. trotzdem freue ich mich wie ne schneekönigin.

zur feier des tages habe ich mich heute endlich meines uralt-bücherregels angenommen. das war mal weiß, hat aber inzwischen einen unschönen gelbstich. raucherhaushalt eben. nachdem ich ja neuerdings zu den heimwerker-queens zähle und dank sorgfältigen anlernens durch das objekt sogar mein fahrrad erfolgreich repariere, dachte ich, wir machen zumindest die eine regalseite hübsch weiß. das ganze regal hätte bedeutet, alles ausräumen zu müssen, ich aber wollte einfach nur das streichen, was störte, weil sichtbar.

da ich so ein ungeduldiger mensch bin, habe ich keinen normalen lack gekauft, sondern lackspray. kein langes gepinsel, sondern einfach schwuppdiwupp hingesprayt und weiß isset.

dachte ich. weit gefehlt. zunächst sah ja noch alles ganz gut aus, zumindest, sobald ich raushatte, dass man die dose nicht zwei zentimeter vor das brett halten darf, weil sonst alles ins schwimmen gerät und das spray dicke flecken statt eines zarten hauchs erzeugt. ich sprühte im abstand von etwa einer elle mehrere schichten sehr schön gleichmäßig. es stank bestialisch, aber ich hatte ja schon vorschriftsmäßig das fenster geöffnet und war mir sicher, die aktion irgendwie zu überleben.

das regal wurde wunderschön weiß. alles andere in der näheren umgebung allerdings auch, wie ich kurz darauf erschreckt feststellte: die bücher im regal. das parkett. der blumentopf mit meiner mickrigen palme. und last but not least: mein kronleuchter. hätte ich mal besser alles abdecken sollen. war ich aber zu faul für. tja.

wasser und putzmittel waren relativ erfolgsarm. alles verschmierte nur und sah noch schlimmer aus. zum glück kam ich dann auf die idee mit dem nagellackentferner. das klappte ganz gut. trotzdem war´s dann im nachhinein nichts mit der großen zeitersparnis. ganz im gegenteil.

jetzt bin ich fix und alle. keine wunder. der physiomensch sagte, ich solle mich nach der behandlung schonen und am besten hinlegen. ging ja aber nicht, aufgrund des selbstinduzierten weißen infernos in meiner butze. die sache mit dem schlaf werden wir aber nun gleich nachholen.

gute nacht, klein-bloggersdorf.

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Freitag, 23. September 2011
abkassierer
eine bekannte lebensmittel-discountkette wirbt derzeit damit, dass aushilfen mindestens 10 euro die stunde verdienen.

mensch, hätte ich doch bloß nichts gelernt und mich mit 16 an eine verfickte kasse gesetzt. dann wäre ich jetzt dumm, glücklich und deutlich reicher.

fuck it. wieder was falsch gemacht.

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Mittwoch, 21. September 2011
sintflut
die nachrichten, die mich erreichen, sind handgranaten auf meine mauer der gleichgültigkeit. durch alle löcher dringt das wasser und sämtliche schirme schützen nicht.

der mensch säuft ab und nimmt mich mit. wie soll ich da schlafen? wie soll ich mein leben leben?

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Montag, 19. September 2011
fails and falls
es herbstet. zwischen frisch gefallenen blättern gehe ich und versuche mich in fröhlichkeit, während mir die vergangene nacht noch in den knochen sitzt.

zunächst der übliche clubbesuch. das objekt ist auch anwesend und scheint sich in stabiler stimmungslage zu befinden. als ich das nebenzimmer betrete, sitzt es mit mr. shyguy zusammen. als es mich wahrnimmt, springt es eilfertig auf und offeriert mir seinen sitzplatz. ich nehme dankend an. der objektsitzplatz hat arschwärme und objektgeruch. ich beginne eine unterhaltung mit mr. shyguy, der liebeskummer hat, während das objekt vor mir steht. ich bin mit seinem schritt auf augenhöhe. das objekt grinst breit und glotzt in mein dekolleté. wir wissen beide sehr genau, was der andere jeweils denkt.

nachdem ich mr. shyguy ein wenig aufgebaut habe, begibt er sich auf die tanzfläche, den frust rausschwitzen. das objekt nutzt die chance, pflanzt sich neben mich und nimmt mich in die arme.
"ich habe neulich deine alten nachrichten noch mal gelesen..."
"welche alten nachrichten?"
"so von den letzten monaten. bis zum letzten jahr oktober! und mann, hatten wir spannende konversationen!"
"die hast du alle noch?"
"klar, ich lösche die doch nicht. es bedeutet mir was."
"schon klar."
"hey, madame, das ist ehrlich gemeint. und du kannst so herrlich versaut sein."
ich sage nichts.
"ich hab dir übrigens auch ne nachricht geschrieben!"
ich gucke zweifelnd.
"du glaubst mir nicht, oder?"
"hier ist nichts angekommen."
"schon klar, ich hab die nicht abgeschickt, weil sie noch nicht fertig ist."
"ich glaub dir nicht", nehme ich dem objekt den wind aus den segeln.
"das ist traurig", sagt das objekt. "aber ich kann dich verstehen. ich kann es allerdings beweisen."
und es kramt sein uralt-handy hervor.
"die ist ganz lang, das sind vier oder fünf smsen am stück! und sie ist noch nicht fertig, also nicht wundern, wenn der text irgendwann abbricht."
dann lese ich und staune ein wenig. das objekt, das unter schwerer legasthenie leidet, hatte sich ordentlich ins zeug gelegt. der text besitzt lyrische dimensionen, die in zweideutigkeiten übergehen und in der anspielung auf masturbation enden.
"hast du dir einen runtergeholt, während du das getippt hast?"
das objekt grinst frech und nickt.
"wie findest du es?"
"da sind ja gar keine rechtschreibfehler drin", sage ich böse lächelnd.
"du bist fies", findet das objekt. "ne ganz fiese deutschlehrerin wirst du mal sein!"
"keep calm. die schule hat mich eh abgelehnt."
"da passt du auch nicht rein. das bist du nicht."
das objekt sieht mich offen an ud strahlt. seine augen glänzen stark und ich weiß, was sache ist.

wie im flug vergehen die stunden. dann ist es fünf. ich unterhalte mich gerade mit einem fremden mann, der mich zum trinken überredet hat, als ich aus den augenwinkeln heraus einen streit zwischen dem objekt und der objektgespielin beobachte. schließlich verlässt die objektgespielin den club. das objekt hängt alleine am tresen und wirkt zerstört. ich frage, was los ist.
das objekt schüttelt nur den kopf:
"zu kompliziert."
dann stützt es den kopf in die hände:
"ich muss in einer stunde auf arbeit sein, ich hab frühschicht."
ich stutze.
"aber du hast doch gar nicht geschlafen?"
das objekt schüttelt den kopf.
"ich bin seit fast 48 stunden wach. ich hatte eben noch spätschicht."
sein blick wandert unruhig durch den raum.
"kannst du mir einen riesigen gefallen tun?"
"kommt drauf an, ich wollte dann gehen."
"ich geh kurz zu mir, mich umziehen. würdest du mich ein stück begleiten? ich muss innerlich einen gang runterschalten. und du kannst mich so gut beruhigen."
"du liegst doch eh auf meinem weg."
"oh, das wäre gut."

als wir beide in den mänteln stecken, holen wir unsere räder und schieben dann schweigend nebeneinander her. ich kenne das objekt gut genug um zu wissen, dass ich nichts zu sagen brauche, denn wenn, dann redet es von alleine. doch es schweigt eisern, bis wir vor dem haus stehen.
"kommst du noch kurz mit rein? ich mach dir auch kakao und ein brot, wenn du möchtest."

in der wohnung zieht das objekt schuhe und hose aus und schlüpft in eine jeans. dann setzt es sich an den küchentisch, dreht eine zigarette und legt eine line. ich weiß, dass protest keinen sinn macht, aber mein blick muss wohl bände sprechen, denn mit einem mal hält das objekt inne und sieht mich an. dann verbirgt es das gesicht in den händen. und als ich ihm die linke wegziehe, sehe ich die tränen.
"ich weiß nichts mehr", flüstert das objekt. "ich weiß gar nichts mehr."
"komm", sage ich und ziehe es in meine arme.

das objekt verkriecht sich an meiner brust wie ein kind und klammert sich fest. es schnieft eine weile, wird dann aber ruhiger.
"ich kann dir das jetzt nicht erklären", sagt es schließlich.
"musst du doch nicht", erwidere ich. "aber meinst du, es ist eine gute idee, jetzt arbeiten zu gehen?"
"ich muss, da ist sonst keiner."
das objekt putzt sich die nase, atmet tief durch und zieht sich dann den stoff rein. zittrig bindet es sich die haare zusammen und schlüpft wieder in seine jacke.

anschließend stehen wir auf der straße in der morgendämmerung. es nieselt.
"bis dann", sagt das objekt und drückt mich.
"bis nächstes jahr", sage ich. das objekt schenkt mir ein schiefes lächeln, dann schwingt es sich auf das fahrrad und fährt gen osten. ich sehe der sich entfernenden rückansicht zu, wie sie kleiner und kleiner wird und schließlich im regengrau verschwindet. dann schlägt die uhr halb sieben und ich mache, dass ich nach hause ins bett komme.

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