Mittwoch, 21. September 2011
sintflut
die nachrichten, die mich erreichen, sind handgranaten auf meine mauer der gleichgültigkeit. durch alle löcher dringt das wasser und sämtliche schirme schützen nicht.

der mensch säuft ab und nimmt mich mit. wie soll ich da schlafen? wie soll ich mein leben leben?

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Montag, 19. September 2011
fails and falls
es herbstet. zwischen frisch gefallenen blättern gehe ich und versuche mich in fröhlichkeit, während mir die vergangene nacht noch in den knochen sitzt.

zunächst der übliche clubbesuch. das objekt ist auch anwesend und scheint sich in stabiler stimmungslage zu befinden. als ich das nebenzimmer betrete, sitzt es mit mr. shyguy zusammen. als es mich wahrnimmt, springt es eilfertig auf und offeriert mir seinen sitzplatz. ich nehme dankend an. der objektsitzplatz hat arschwärme und objektgeruch. ich beginne eine unterhaltung mit mr. shyguy, der liebeskummer hat, während das objekt vor mir steht. ich bin mit seinem schritt auf augenhöhe. das objekt grinst breit und glotzt in mein dekolleté. wir wissen beide sehr genau, was der andere jeweils denkt.

nachdem ich mr. shyguy ein wenig aufgebaut habe, begibt er sich auf die tanzfläche, den frust rausschwitzen. das objekt nutzt die chance, pflanzt sich neben mich und nimmt mich in die arme.
"ich habe neulich deine alten nachrichten noch mal gelesen..."
"welche alten nachrichten?"
"so von den letzten monaten. bis zum letzten jahr oktober! und mann, hatten wir spannende konversationen!"
"die hast du alle noch?"
"klar, ich lösche die doch nicht. es bedeutet mir was."
"schon klar."
"hey, madame, das ist ehrlich gemeint. und du kannst so herrlich versaut sein."
ich sage nichts.
"ich hab dir übrigens auch ne nachricht geschrieben!"
ich gucke zweifelnd.
"du glaubst mir nicht, oder?"
"hier ist nichts angekommen."
"schon klar, ich hab die nicht abgeschickt, weil sie noch nicht fertig ist."
"ich glaub dir nicht", nehme ich dem objekt den wind aus den segeln.
"das ist traurig", sagt das objekt. "aber ich kann dich verstehen. ich kann es allerdings beweisen."
und es kramt sein uralt-handy hervor.
"die ist ganz lang, das sind vier oder fünf smsen am stück! und sie ist noch nicht fertig, also nicht wundern, wenn der text irgendwann abbricht."
dann lese ich und staune ein wenig. das objekt, das unter schwerer legasthenie leidet, hatte sich ordentlich ins zeug gelegt. der text besitzt lyrische dimensionen, die in zweideutigkeiten übergehen und in der anspielung auf masturbation enden.
"hast du dir einen runtergeholt, während du das getippt hast?"
das objekt grinst frech und nickt.
"wie findest du es?"
"da sind ja gar keine rechtschreibfehler drin", sage ich böse lächelnd.
"du bist fies", findet das objekt. "ne ganz fiese deutschlehrerin wirst du mal sein!"
"keep calm. die schule hat mich eh abgelehnt."
"da passt du auch nicht rein. das bist du nicht."
das objekt sieht mich offen an ud strahlt. seine augen glänzen stark und ich weiß, was sache ist.

wie im flug vergehen die stunden. dann ist es fünf. ich unterhalte mich gerade mit einem fremden mann, der mich zum trinken überredet hat, als ich aus den augenwinkeln heraus einen streit zwischen dem objekt und der objektgespielin beobachte. schließlich verlässt die objektgespielin den club. das objekt hängt alleine am tresen und wirkt zerstört. ich frage, was los ist.
das objekt schüttelt nur den kopf:
"zu kompliziert."
dann stützt es den kopf in die hände:
"ich muss in einer stunde auf arbeit sein, ich hab frühschicht."
ich stutze.
"aber du hast doch gar nicht geschlafen?"
das objekt schüttelt den kopf.
"ich bin seit fast 48 stunden wach. ich hatte eben noch spätschicht."
sein blick wandert unruhig durch den raum.
"kannst du mir einen riesigen gefallen tun?"
"kommt drauf an, ich wollte dann gehen."
"ich geh kurz zu mir, mich umziehen. würdest du mich ein stück begleiten? ich muss innerlich einen gang runterschalten. und du kannst mich so gut beruhigen."
"du liegst doch eh auf meinem weg."
"oh, das wäre gut."

als wir beide in den mänteln stecken, holen wir unsere räder und schieben dann schweigend nebeneinander her. ich kenne das objekt gut genug um zu wissen, dass ich nichts zu sagen brauche, denn wenn, dann redet es von alleine. doch es schweigt eisern, bis wir vor dem haus stehen.
"kommst du noch kurz mit rein? ich mach dir auch kakao und ein brot, wenn du möchtest."

in der wohnung zieht das objekt schuhe und hose aus und schlüpft in eine jeans. dann setzt es sich an den küchentisch, dreht eine zigarette und legt eine line. ich weiß, dass protest keinen sinn macht, aber mein blick muss wohl bände sprechen, denn mit einem mal hält das objekt inne und sieht mich an. dann verbirgt es das gesicht in den händen. und als ich ihm die linke wegziehe, sehe ich die tränen.
"ich weiß nichts mehr", flüstert das objekt. "ich weiß gar nichts mehr."
"komm", sage ich und ziehe es in meine arme.

das objekt verkriecht sich an meiner brust wie ein kind und klammert sich fest. es schnieft eine weile, wird dann aber ruhiger.
"ich kann dir das jetzt nicht erklären", sagt es schließlich.
"musst du doch nicht", erwidere ich. "aber meinst du, es ist eine gute idee, jetzt arbeiten zu gehen?"
"ich muss, da ist sonst keiner."
das objekt putzt sich die nase, atmet tief durch und zieht sich dann den stoff rein. zittrig bindet es sich die haare zusammen und schlüpft wieder in seine jacke.

anschließend stehen wir auf der straße in der morgendämmerung. es nieselt.
"bis dann", sagt das objekt und drückt mich.
"bis nächstes jahr", sage ich. das objekt schenkt mir ein schiefes lächeln, dann schwingt es sich auf das fahrrad und fährt gen osten. ich sehe der sich entfernenden rückansicht zu, wie sie kleiner und kleiner wird und schließlich im regengrau verschwindet. dann schlägt die uhr halb sieben und ich mache, dass ich nach hause ins bett komme.

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Samstag, 17. September 2011
mein wunderbarer waschsalon
seitdem sich meine waschmaschine vor kurzem endgültig fukushimaierte, führen mich meine samstäglichen wege bis auf weiteres in den winterhuder waschsalon. obwohl ich eine bedingte abneigung gegen waschsalons habe - habe in meiner alten heimat ein jahr lang in einem gewaschen und so manches mal kam die wäsche dreckiger raus als rein - bin ich vom winterhuder waschsalon ganz begeistert. er ist sehr gepflegt und es herrscht nie gedrängel, da es ausreichend maschinen gibt und die preise so hoch sind, dass die penner alle wegbleiben (zum vergleich: winterhude: 4 € + 50 cent für weichspüler, fürth-süd: 3 € + 50 cent für weichspüler oder zur happy hour 2,60 € all inclusive).

in film und fernsehen sind waschsalons immer eine hervorragende kontaktbörse. was ich aus erfahrung bisher nicht bestätigen kann. das klientel erstreckt sich in meinem fall von russischen hausfrauen über mürrische alte männer in braunen westen bis hin zu schlumpfigen studenten, deren dreckwäschebündel häufig einen leichten gras-geruch verströmen und mich damit wieder unselig an das objekt erinnern. dieses menschliche angebot führt bei mir eher zu fluchtreflexen denn zum erwachen meiner komatösen bauch-schmetterlinge.

heute jedoch war alles ein wenig anders. als ich die gute stube betrat, befand sich da einer der üblichen mürrischen alten herrn in kackbrauner weste. doch nebenan in einer ecke stand ein mitteljunger mann mit intellektuellen-brille und gut sitzendem rotem pullover. er studierte gerade die waschanweisungen. als ich mit klack-klack-absätzen über die fließen stolzierte, drehte er sich um und guckte. ich wählte meine maschine, warf das geld ein, zog mein waschpulver und begab mich dann vor meiner maschine in die hocke, um die wäsche einzufüllen. über den metallenen rand am glasauge registrierte ich, dass sich der rote pulllover noch zweimal nach mir umdrehte und meine wäsche-einfüll-aktion beobachtete. ach wie schmeichelhaft, dachte ich bei mir und freute mich, weil der rote pullover beinahe meinem beuteschema entsprach und sich so angenehm von meinen sonstigen verehrern (50 plus, einen kopf kleiner, südländischer abstammung und eher devot) unterschied.


doch es sollte ganz anders kommen. als der rote pullover die waschanweisung schließlich zu ende studiert hatte, pflanzte er sich auf die holzbank, um den waschgang abzuwarten. neben ihm lag eine vergessene süddeutsche zeitung, die er sich schnappte und zu lesen begann. doof kann er also auch nicht sein, freute ich mich, die ich das süddeutsche-abo meines arbeitgebers ebenfalls sehr geschätzt hatte, bevor es den allgemeinen einsparungsmaßnahmen zum opfer fiel. aus lauter leselust und ansprechfrust und weil er ja schon so interessiert geguckt hatte, fasste ich mir schließlich ein herz und fragte:
"darf ich mitlesen?"
das war kein schnorren, fand ich, schließlich war das nicht seine zeitung, sondern nur ein vergessenes exemplar vom vortag.
die reaktion war dann allerdings überraschend:
"kaufen sie sich doch selber eine", sagte der rote pullover unfreundlich.

ups. das war wohl nix. aber davon abgesehen: wie unsympathisch. ein unsozialer zeitungsdieb, der seine beute nicht teilen wollte. später sah ich dann, wie der rote pullover seine saubere wäsche in einen kleinen sportflitzer verlud. schickes auto, kleiner schwanz, dachte ich. das kostet nicht mehr vorhandene sympathiepunkte. und mal ehrlich: eigentlich sehen rote pullover an männern sowieso total schwul aus.

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Mittwoch, 14. September 2011
leben erobern
eine job ist ein job ist eine hure. man bezahlt mit seiner identität, wenn man nicht achtgibt. das sich-wichtig-nehmen, das herablassend-werden, die wachsende respektlosigkeit vor anderen und sich selbst. zu lange jahre habe ich verschwendet mit solchen menschen, zu viel zeit verschwende ich selbst auf das vermeintliche heil der werktätigkeit.

eines tages werde ich alles von mir abfallen lassen. eines tages werde ich ich sein, freue ich mich vor und weiß genau, es wird den grund zur freude niemals geben. ich sein, wer oder was soll das schon sein - und überhaupt: im anbetracht dessen, was sonst so existiert, ist ich doch nur ein kosmischer furz.

treiben lassen, nicht gehen lassen, sagt der freund am telefon. der freund ist so einer, den ich am liebsten für immer kennen würde. er ist schuld, dass ich drei tage nicht geraucht habe. einfach so, weil ich nicht dran gedacht habe, sondern weil ich mich fragte, wie das geht: ich sein, mich treiben lassen. mich nicht gehen lassen. mir türen öffnen, aber freundlich, nicht so mit arschtritt wie sonst immer.

ich lebe, ich brenne. lesungen, konzerte, parties. lange gespräche mit fremden. fremde, die freunde werden. ich sauge auf, käue wieder und gebe ab. gebe auf und kapituliere angesichts der schönheit der dinge und der dummheit der menschheit.

ich verbrenne, brenne aus. immer noch nicht genug, muss mich bremsen. höre den freund sagen, hab keine angst, bleib ruhig stehen, die leere verschlingt dich nicht. die leere ist das all(es). das höchste sein. ich bekomme höhenangst, der gipfel, das ist immer da, wo es nicht mehr weitergeht. angekommen? nur deshalb, weil der weg endet?

der freund sagt, es ist deine kreativität. die gabe evoziert sehnsucht. keiner versteht mich. einsam. die gabe macht mich zum medium, und ein medium hat keinen bezugspunkt, ist nur mittler, mittel, mitte. inmitten, zwischen den stühlen. dann kann ich in der medienbranche ja nicht so falsch sein, finde ich. solange ich nicht mittelmäßig bin. um die mitte geht es nichtsdestoweniger die ganze zeit, aristotelikerin, die ich bin.

was bin ich, wenn ich brenne? die asche, die bleibt, oder das feuer, das vergeht, die energie, das licht?
bin ich das licht der welt? und mit euch allen zusammen die milchstraße in einem universum von unbekannter größe? selbst eine unbekannte größe, unbestimmt, aber selbstbestimmt: die mitte unter vielen.

ich glaube. und ich hoffe. und ich liebe.

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Montag, 12. September 2011
schülerblogs oder mehr hausaufgaben, bitte
achtung: dieser eintrag ist nicht ganz bluternst gemeint, könnte aber doch die gefühle von schülern, eltern und anderen kinderaffinen personen verletzen. bitte lieber weglesen, wenn sie eine humorbefreite bissgurke / ein humorbefreiter volltrottel sind. danke!

früher war alles anders, wenn auch nicht unbedingt besser.

früher kauften eltern ihren kindern einen hund. zu weihnachten oder so. der hund erlitt dann in neun von zehn fällen dasselbe schicksal und wurde im sommer auf einer autobahnraststätte ausgesetzt, weil das taschengeld nicht fürs hundehotel reichte und das kind überhaupt das interesse verloren hatte, ähnlich wie am klavier- oder fussballspielen, da es neuerdings lieber kiffte und mit seinen asozialen freunden abhing.

dann kam die zeit der tamagotchis. eltern schenkten ihren kindern ein tamagotchi, denn das war billiger als ein haustier, aber ähnlich anspruchsvoll. die sache mit dem füttern und liebhaben und der verantwortung und so. trotzdem eine sichere angelegenheit, denn wenn das ding starb, begann es nicht zu stinken und man konnte die tränen fix versiegen lassen, indem man ein neues kaufte.

heute sind eltern oft beide vollzeit berufstätig, wahlweise geschieden und haben keine ahnung, was ihre kinder so treiben. meist wollen sie es auch lieber gar nicht wissen. tamagotchis sind out und viecher braucht ohnehin kein mensch mehr, schließlich gibt es computer. also eröffnen schüler ein blog. dieses blog erleidet in neun von zehn fällen ein identisches schicksal. nach einigen verzweifelten posts wie "ich weiß nich, was ich schreiben soll", "kommentiert doch mal endlich" oder dem upload von fotos, für die sich die autoren in zehn jahren entsetzlich schämen werden, fällt das bedauernswerte blog dem vergessen anheim und verwaist. die öden des www verschlingen die wenigen zeilen und nichts bleibt. kein todeskampf, nichts. eine saubere sache. nur leider furchtbar langweilig.

ich will aber psychodramen! ich will lovestories! ich will poesie! leute, ritzt sich denn keiner mehr von euch? oder plant einen amoklauf? oder schreibt wenigstens traurige gedichte?

davon abgesehen: wo bleibt denn da die scharfe konkurrenz zum kritisch-investigativen journalismus, die ein blog darstellen muss?!

und überhaupt, wieso habt ihr so wenig hausaufgaben und so viel freizeit?!

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