Donnerstag, 28. April 2011
madmorph
herr kid hat ja manchmal so lustige ideen. da kann man nicht einfach "gefällt mir" klicken, da muss frau mitmischen.

et voilà - ich nenne es "damenbild ohne (objektboy)gruppe". es symbolisiert die einsame suche in clubnächten, wenn das objekt mal wieder substanziell ausgeknockt/auswärts ficken ist. also den normalzustand. der lässt sich aber ganz gut in reizender begleitung eines alkoholischen getränks ertragen.



(http://www.amctv.com/madmenyourself/)

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sieben stunden zeitverschwendung oder vom versuch, sich zu verlieben
ich bin schrecklich schlecht im mich-verlieben. seit mich das objekt infiziert hat, sind alle beziehungsversuche nach spätestens einem monat gescheitert. dennoch bin ich eine naive volltrottelin, die die hoffnung nicht aufgibt. nachdem der mann vom bodensee nun täglich anrief und mehrfach um ein wiedersehen bat, solange ich noch in der nähe war, buchte ich kurzerhand einen teuren zug noch weiter richtung süden. der mann vom bodensee war begeistert und nahm sich gleich einen tag frei. er wünschte sich natürlich, dass ich uhrzeittechnisch möglichst früh käme, damit wir was vom tag haben würden. ich sträubte mich innerlich, schluckte aber das sträuben hinunter. na gut, wenn er sich schon extra frei nahm meinetwegen, wollen wir freundlicherweise auf den gesunden nachtschlaf verzichten und damit gleich die kompromissfähigkeit unter beweis stellen.
"ich ruf dich morgen früh dann noch mal an."
"wozu", fragte ich.
"damit du nicht verschläfst", meinte der bodenseeler mit schalk in der stimme.
als echter eulenmensch fand ich das keinen besonders gelungenen scherz, simulierte aber nichtsdestotrotz ein kichern. naja, humortechnisch mussten wir uns eben noch annähern.
"ich hol dich dann am bahnhof ab", sagte der mann vom bodensee.
"okay", meinte ich.

"und, meinst du, du verliebst dich", fragte mein papa am abend zuvor.
"ehrliche antwort? nein", meinte ich.
"aber warum denn nicht, lern den doch erstmal kennen!"
"er ist total sympathisch und sieht auch gut aus, hat nette ansichten, aber er lebt und denkt ganz anders als ich. und wenn ich mich recht erinnere, besitzt er nun mal leidergottes keine pheromone, die mich dazu bringen, in seiner gegenwart nur noch in schwänzen und muschis zu denken."
das war harter tobak für meinen papa:
"aber das ist es doch nicht, worauf es ankommt! es geht doch nicht nur um sex!"
"das sage ich ja auch nicht und ich muss es ja auch erstmal noch überprüfen. aber es sollte sich auch nicht so anfühlen wie der große bruder, verstehst du?"
verstand er nicht, aber die diskussion war damit vorerst beendet.

gestern ging es dann los. punkt neun klingelte mein handy. ich stand gerade unter der dusche.
"hallo, ich bin schon wach, ich dusche gerade", rief ich in den hörer, in der hoffnung, er möge auflegen und mich weiterduschen lassen.
aber nein. es gab den blubb zum morgen und dann auch noch den vom vorabend, weil wir da ja nicht telefoniert hatten. ich duschte dann trotzdem einfach weiter mit handy am ohr. endlich legte er auf und ich sprang in meine klamotten.

anschließend rannte ich zur s-bahn, dann fuhr ich weiter mit der regionalbahn. die stunden verstrichen langsam und mir war fad. zum glück war das wetter regenerisch, sodass die menschen stark verhüllt reisten und mich nicht mit ihrem gestank belästigten - so wie kürzlich ein junger mann in der u-bahn, dessen körpergeruchsintensität meine optische gestanksvorstellung, die ich aus seinem fettigen haar und dem versifften uralt-jogginganzug abzuleiten vermochte, noch mal um ein vielfaches sprengte.

ich tuckerte und tuckerte dahin, erwartungsfrei fröhlich, bis mein handy klingelte. es war der mann vom bodensee. ich dachte, oh, wahrscheinlich steht er im stau und will mir sagen, dass er sich verspätet.
"nein nein", dementierte er meine befürchtung, "ich wollte nur wissen, ob bei dir alles gut ist!"
ich überlegte, ob es einen anlass für einen ersten ehekrach gab, dann merkte ich, dass er wahrscheinlich nur wissen wollte, ob ich auch wirklich schon im zug sitze.
"alles gut", antwortete ich. "ich werde vermutlich ganz pünktlich ankommen."
"das wollte ich nur hören!"
mannmannmann, dachte ich. bin ich fünf jahre alt und schaffe es nicht, alleine zug zu fahren?

damit aber nicht genug. kurz, bevor ich am zielort ankam, rief er schon wieder an.
"was denn?" sagte ich etwas ungehalten.
"ich wollte nur wissen, ob du schon da bist."
"ja klar, ich habe meine tarnkappe aufgesetzt, stehe direkt hinter dir und beobachte dich, wie du dich suchend umschaust."
der mann vom bodensee fand meinen scherz nicht lustig. entweder hatte er nie das nibelungenlied und die aberwitzige szene der hochzeitsnacht mit brünhild, dem dicken versager-gunther und dem unsichtbaren siegfried erlebt, oder er mochte meinen zynisch-kritischen humor nicht.

egal, nun war ich schon da. ich stieg aus dem zug. mein verehrer trabte mir am bahnsteig entgegen und umarmte mich. vermutlich lag es an meinen halbhohen stiefeln, aber während der umarmung bemerkte ich, dass der mann vom bodensee eher etwas klein geraten war. da ich in der letzten zeit nur mehr oder minder breitschultrige 1,90m-typen um mich und in mir hatte, war das ein unangenehmer überraschungsmoment. hätte ich mal lieber flache schuhe angezogen, dachte ich, dann wären wir vielleicht gleich groß. dann fiel mir ein, dass das objekt immer sagte, dass große frauen in hohen schuhen das tollste auf der welt seien, weil das elegant und feminin aussieht. ich versuchte mich also elegant und feminin zu fühlen, mochte dabei aber irgendwie nicht an sex denken.

die zeichen standen denkbar schlecht. noch leicht genervt von den ständigen anrufen stiefelte ich an der seite meines kleingewachsenen verehrers durch die gassen. da es mittag war, wollte der mann essen gehen. ich, die ich wenn dann abends esse, beschloss, mich einfach mal anzupassen. am ort des geschehens gab es dann allerdings rotes curry, dass so scharf und lecker war, dass es meinen groll weitgehend betäubte. wir unterhielten uns eine weile ganz gut und ich musste schon wieder an das objekt denken, das, wenn es mich fütterte, immer sagte, dass es wichtig sei, den körper mit essen zu beschäftigen, damit sich der unruhegeist währenddessen ausruhen kann.

nachdem wir aufgegessen hatten, spazierten wir ein wenig herum. der ort war idyllisch, das gespräch wieder seicht und mir wurde langweilig. ich begann, bemerkungen über die kleinstadt, ihre sehenswürdigkeiten und die begrenzten kulturellen angebote zu machen, um zu signalisieren, dass ich gerne etwas erleben würde. wenigstens in ein museum gehen. oder eine kirche von innen angucken. mein verehrer war da allerdings weniger aufgeschlossen. kurze zeit später stellte sich dann auch noch heraus, dass er elektronische musik nicht mochte, so, wie er auch kein clubgänger oder freund von lesungen war. die möglichkeiten der gegenseitigen inspiration beschränkten sich immer weiter.

gegen fünf uhr, als wir wieder in einem café saßen, hatte ich das dringende bedürfnis zu verschwinden. ich brachte das schleppende gespräch vorsichtig auf das thema zeit und zugfahren. wir guckten nach einer verbindung. noch anderthalb stunden sollte ich warten müssen. ich wurde nervös. ich hetzte mit dem mann an meiner seite durch die wenigen straßen des ortes, um meine aggressionen abzubauen. insgeheim tat er mir ein wenig leid, aber aus mitleid würde ich mich schon dreimal nicht verlieben.

der abschied fiel entsprechend kühl aus. zum glück versuchte er nicht, mich zu küssen, sondern hatte wohl schon gespürt, dass hier nichts laufen würde. ich war unheimlich dankbar und flüchtete in das abteil meines zuges. ich war mir sehr sicher, dass wir uns nie wieder sehen würden. mehr als sieben stunden lebenszeitverschwendung wollte ich mir keinesfalls zumuten.

mein papa war enttäuscht. der mann vom bodensee hat nämlich einen guten job und ein auto. deshalb wäre er ein erwünschter schwiegersohn gewesen:
"und du meinst nicht, dass sich da noch was bei dir tut?"
"du meinst, dass ich noch mehr mörderische aggressionen entwickle?!"
da sah auch mein papa ein, dass es nichts bringen würde, mich weiter auf konfrontation mit dem unerträglichen zu schicken. als mörderin konnte ich mich schließlich nicht mehr fürs lehramt bewerben. womit dann auch die letzten hoffnungen, dass einmal etwas anständiges aus mir werden könnte, begraben werden müssten.

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Dienstag, 26. April 2011
des terrors älteste gesichter
wer mich ein wenig kennt und geschnallt hat, dass ich vier freie tage habe, wundert sich vermutlich, dass ich jetzt, für meine verhältnisse zu nachtschlafender zeit, blogge. aber seit zwei stunden hat der terror einzug gehalten - der älteste terror der welt. er raubt mir den schlaf und bringt den nachbarhund zum jaulen. vergessen sie mal getrost die al kaida. die al-kaida-bombenschmeißer könnten mich nicht beunruhigen, denn da wüsste ich: wenn´s rummst, bin ich wech. hier rummst es seit um sieben uhr morgens und ich bin voll da weil wach und ärgere mir die pest an den hals.

die terroristen, von denen ich spreche, wohnen nebenan, sind knapp 70 und brechen gerade aus nicht religiösen gründen eine oder mehrere wände durch. motiv: nicht nachvollziehbare platzbedürfnisse. die terroristen sind weder rollstuhlfahrer - in diesem fall hätte ich gesagt, gut, muss man eben alles ein wenig hindernisfreier gestalten - noch bekommen sie gerade fünflinge (aus biologischen gründen nicht mehr möglich) und benötigen großflächigere zimmer, damit sich pipi, kacka, rotz und breiflecken übersichtlicher verteilen können. die gründe für den durchbruch sind rein egoistisch-nestbaulicher natur und rufen daher meinen groll auf den plan. wäre ich osama tochter laden, würde ich ich my personal selbstmordattentäter bestellen und ihn nach nebenan schicken. dann hätten sich gleich zwei probleme mit einer einzigen zündschnur erledigt: die wandgeschichte plus der verspätete nestbautrieb. so billig und schnell kommt man sonst nicht zu mehr platz und ruhe. aber gut, gibt auch unschöne flecken, wie mein papa sagen würde, und nachher ist keiner mehr da, der sie wegputzt.

auf der straße tuscheln die anderen nachbarn. die haben nicht mein problem, dass sie ausgeschlafen sein müssen, weil sie gleich wieder kreative ideen scheißen sollen. die müssen nur tratschen und den klatsch verbreiten. trotzdem erhält man so wertvolle informationen. unter anderem, dass es ärger im heimwerker-paradies gibt weil die wände ein wenig dicker seien als angenommen, da der bauherr einst da nicht so recht den überblick behalten hatte. jedenfalls seien die baupläne wohl falsch und die durchbruchsberechnungen daher auch.

meine mama, besorgt, dass ich meine drohung wahrmachen und frühzeitig abreisen könnte:
"hörst du, das liegt nur an den dicken wänden, dass das so laut ist!"
"das interessiert mich nicht, alles, was ich wissen will, ist, dass das vorzugsweise noch heute wieder aufhört."
meine mama dackelt verzweifelt auf und ab und ich muss ein bisschen lachen, obwohl ich stinkewütend bin. meine mama schiebt mir ein stück kuchen hin, zucker wirkt bei kindern ja bekanntlich beruhigend, aber ich bin so müde, dass mir übel ist.

seit zehn minuten herrscht nun allerdings totenstille. die kleinstadtnachbarschaft hat es auch schon bemerkt. probleme beim bau, sagt der alte herr s., von dem alle wissen, dass er gerne heimlich pornos guckt, in denen sich blutjunge blondinen riesige analdildos in den hintern schieben. dass "das alte schwein", wie meine mama den herrn s. gerne nennt, trotz seiner sexuellen vorlieben recht hat, bestätigt sich nun: die eben entfernte wand hat sich unerwarteterweise als eine tragende erwiesen. nun bröckelt die decke herunter und es herrscht große verzweiflung, sodom und gomorrha.

rache ist blutwurst. gott war auf meiner seite - die früchte eines theologiestudiums. zum glück hab ich mit dem al-kaida-bomber noch gewartet.

p.s.: wahrscheinlich liest wegen des auffälligen al-kaida-contents inzwischen das lka mit - aber leute, bleibt mal locker: ich bin für nachhaltigkeit und will meine staatszersetzenden kräfte dann doch lieber etwas pädagogischer anbringen.

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Sonntag, 24. April 2011
zwischenbilanzen
vier smsen, zwei anrufe. und eine einladung an den bodensee. der mann scheint den narren an mir gefressen zu haben.

ein teil in mir jubiliert. zuverlässig, ehrlich interessiert, bodenständig. kein spinner, kein junkie, keine abgebrannte, durchgefickte existenz. was will man mehr? ein anderer teil warnt: er ist ganz anders als du, du wirst dich langeweilen, er wird dich nicht verstehen, spätestens bei den ersten eskapaden wird er nicht mehr hinter dir stehen - hattest du doch alles schon, biste doch zu alt dafür, solche fehler zu wiederholen.

und dann die mammutaufgabe, ein objekt zu überblenden. der mann tut mir jetzt schon leid.

***

die lütte meiner freundin scheint mich inzwischen zu erkennen.

sie ist meisterin der schrillen freudenkiekser. sie macht auch gern "blubb-blubb" wie ein fisch oder "zschsch" wie eine schlange. und sie ist eine nachteule - genau wie wir eben auch. um halb eins rennt sie noch fröhlich um den tisch, während die mama und icke schon gähnen.

was ich an kindern übrigens wahnsinnig gerne mag: sie riechen gut. also meistens. wenn die windel nicht gerade voll ist.

ich lausche in mich hinein und frage mich: hab ich muttergefühle? diese emotionslagen, die mich hin und wieder auch überrennen, wenn ich mich mit dem dritten im bunde unterhalte? es ticken noch keine biologischen uhren, das weiß ich. da ist alles still. aber ich finde, ich bin grundsätzlich aufgeschlossen.

***

morgen dann wiederholen wir dann das, was schon mal war.
sechs jahre faszination. mein gott. und das schlimmste ist: ich mag ihn auch einfach total gerne. das liest er jetzt vermutlich sogar. darf er sich aber was drauf einbilden. ich bin selektiv kontaktfreudig, steht in meinem grundschulgutachten, da hat sich bis heute nichts dran geändert. (ficken zählt da übrigens nicht mit rein, weil ich gespräche für intensiver halte).

***

edit:
somewhere between hach und autsch. der bodenseeler nennt mich nun schon ein süßes häschen. ich fühle mich klein und niedlich und gleichzeitig überproportioniert-verkannt. ich sollte nicht so streng sein, sage ich mir.

zwischendrin durchzucken erinnerungen meinen kopf und lösen falsche wunschträume aus, die davon handeln, das objekt niederzuknutschen und zu vergewohltätigen, allein schon deshalb, weil ich seinen gesichtsausdruck so liebe, wenn es kurz vor dem orgasmus meinen namen ruft.

mannmannmann. und dann noch das, was mir wahrscheinlich auf der party heute bevorsteht: jede menge sexy-ex-geschichten mit reload-faktor.

aber ich hab es ja nicht anders gewollt.

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Freitag, 22. April 2011
now playing: vögelgezwitscher
nachdem ich gestern einen höllentag im büro mit abschließenden harten, aber erfolgreichen gehalts- und arbeitszeitverhandlungen hinter mich gebracht, mein ehemals plattes fahrrad nunmehr unplattbar vom fahrradfuzzi abgeholt, die wohnung geschrubbt, koffer gepackt und noch ein wenig getippt hatte, überfiel mich das unwiderstehliche verlangen nach feiern. ich fand, das hatte ich mir nach diesem donnerstag auch redlich verdient.

es gab auch gleich zwei potenziell gute parties zur auswahl. vielleicht würde ich auf einer das verschollene objekt oder mitglieder der objektboygroup treffen, hoffte ich. also warf ich mich in schale und fuhr los.

party nummer eins war recht wenig party für recht wenig geld mit recht wenigen gästen. ich traf meinen netten bekannten vom letzten wochenende wieder, der als einziges vertrautes gesicht die zwanzig-mann-party angenehm ergänzte.
"ist ja öde hier", fand ich.
"ja, ich würde ja theoretisch auch noch weiterziehen..."
"lass uns doch auf den kiez gehen. da ist noch ne andere party!"
"weiß nicht, ich hab nur noch zehn euro, die müssen bis montag reichen."
ich stutzte. dann erfuhr ich vom nicht zahlen wollenden kunden, der meinem bekannten das osterwochenende versaute.
"drecksack", meinte ich.
da ich aber ein deutliches interesse am weiterfeiern, vorzugsweise nicht alleine, hatte, erklärte ich mich bereit, den weiteren gemeinsamen abend zu finanzieren. mein bekannter fand das natürlich klasse, trank sein letztes bier aus und holte seine jacke.

eine gute halbe stunde später befanden wir uns auf der reeperbahn und eilten zur mir vorschwebenden lokation.
"ich hoffe mal, das ist nicht so eine kiddie-rock-party", meinte mein bekannter, der den veranstaltungsort von früher kannte und fürchtete.
"neenee, erwiderte ich, "das soll schon elektronisch sein, wenn auch nicht ohne gitarren und so."
an der tür schallte uns joy division entgegen. wir sahen uns an und nickten, dann enterten wir die hallen.

als wir den eingangsbereich passiert hatten, stellten wir fest, dass der große saal geschlossen war.
"ist DAS jetzt die party?!" entsetzte sich mein bekannter.
"sieht so aus", nuschelte ich.
eine eingangsbereichparty also. na gut. die 20 anwesenden gäste hätten sich im großen saal vermutlich auch verloren.
"was ist heute eigentlich los?!" fragte ich. "wo sind die denn alle? was machen die leute bitte an so einem verfickten gründonnerstag?"
"keine ahnung, vielleicht dsds oder die heidi-klum-show gucken", meinte mein bekannter.
"na toll", fand ich. mein bekannter und ich waren uns sehr einig: fernsehen macht nicht nur dumm, sondern auch noch tanzfaul, fett und hässlich.

das dj-set war nichtsdestoweniger exzellent, ja sogar ausgefallen. mein bekannter tanzte ausgelassen, während ich an meinem bier nippte und mich unbefriedigt fühlte. klar. zweimal eine zwanzig-mann-party für einen haufen rausgeschmissener kohle waren trotz anwesenheit des netten bekannten nur schwer erträglich.

gegen halb fünf uhr morgens meldete ich den wunsch zu gehen an.
"ich hab ja noch so weit", argumentierte ich, "und in dreieinhalb stunden muss ich schon im zug sitzen."
"du kannst doch auch bei mir schlafen", meinte der bekannte, der in ottensen zuhause war und daher nicht weit hatte.
"neenee!" legte ich veto ein. das letzte mal, als ich das getan hatte, endete die nacht in vögelei, nach der sich alle beide etwas seltsam fühlten. manche bekannte müssen einfach bekannte bleiben.
"schade", fand mein bekannter. dann nahm er mich bei der hand und wie ein altes ehepaar wankten wir die straße bis zu meiner bushaltestelle entlang. dort angekommen stellte ich fest, dass der bus eben abgefahren war. in 20 minuten kam erst der nächste.
"ich lauf dann noch ein stück", sagte ich.
"ich muss aber in die andere richtung", meinte der bekannte.
"ist doch kein thema", fand ich.
"aber das hier ist kiez, willst du da alleine lang?!"
"hab ich bisher immer unbeschadet geschafft."
"na gut."
mein bekannter verabschiedete mich herzlich, dann zogen wir in entgegengesetzte richtungen von dannen.

nach einer weile des einsamen spazierengehens bemerkte ich schritte hinter mir. es kam mir vor, als folgten sie mir dezidiert. ich schalt mich eine blöde hysterische kuh und stöpselte meinen mp3-player ein.
kurze zeit später dann bemerkte ich meinen verfolger knapp hinter mir. ein rascher schulterblick sagte mir türke, jung, sehr klein und schmächtig. falls er kein messer bei sich trägt, bin ich die körperlich überlegene, beschwichtigte ich das unangenehme gefühl in mir.
tatsächlich ging mein verfolger kurze zeit später auf tuchfühlung.
"was? wiebitte?" fragte ich und schaltete den mp3-player ab.
mein verfolger lächelte sehr nett und ein wenig schüchtern.
"entschuldigen sie bitte, ich wollte nur wissen, ob sie zufällig lust auf sex haben", sagte er höflich und in einwandfreiem deutsch.
in anbetracht von so viel offenherzigkeit musste ich schallend lachen.
"entschuldigung, ich wollte nicht unhöflich sein", stotterte mein verfolger.
"neinnein", beruhigte ich ihn. "kann man doch mal fragen, ist doch nichts bei."
"es ist nur so, ich finde, sie sind eine sehr attraktive frau."
na das hört frau doch immer gerne.
"danke", sagte ich.
"könnten sie sich vorstellen, dass wir mal einen kaffee zusammen trinken?"
"wenn du nicht davon ausgehst, dass das dann bei sex endet."
"schade", fand der kleine türke. "aber ich würde das auch so machen."
da notierte er mir seine telefonnummer.
"tschüß", sagte ich und bestieg den bus, der endlich angekommen war.
das mit dem kaffeetrinken werde ich mir allerdings noch einmal ganz genau überlegen.

zuhause angekommen legte ich mich für ein stündchen aufs ohr, bevor ich mich auf den weg zum bahnhof machte, um richtung heimat zu fahren. schon die u-bahn schien vor menschen mit koffern zu bersten und war ein unheilvoller vorgeschmack auf das, was mich im zug erwarten sollte.

am hauptbahnhof war mein abfahrtsgleis brechend voll. wie sollen all diese menschen in einen zug passen, fragte ich. das erfuhr ich zwei minuten später. es wurde gequetscht und gedrängelt, die hälfte der fahrgäste hatte keinen sitzplatz, und dazwischen meckerten entnervte muttis, die mir mit ihren riesenkinderwägen über die zehen rollten und alle naselang ihre kreischenden blagen aus den augen verloren.

ich hatte noch nie angenommen, dass die deutsche bahn so etwas wie vorausschauende planende fähigkeiten besitzt. aber dieses desaster übertraf vieles, was ich bislang erlebt hatte. hier versuchte ein unternehmen, profit um jeden preis zu machen, indem es für unangebracht hohe summen so viele menschen wie möglich auf so kleinem raum wie möglich zusammenzupferchen versuchte. ich fühlte mich wie eine anarchistin auf der deportation in ein neuzeitliches kz. ich verbrachte fast fünf stunden in einer nische zwischen zwei koffern, halb an, halb unter einen sitz gekauert. irgendwann aber erinnerte ich mich daran, dass ich ja schmerzpatientin war und holte meine opiate aus der tasche. wenn schon eingequetscht und unkomfortabel reisen, dann wenigstens ordentlich gechillt.

bei fulda, als ich schon eine ganze weile fröhlich vor mich hingrinste und mich überhaupt nicht mehr für das chaos um mich herum interessierte, fiel mir ein mittelalter typ auf. schicke kleidung, schicke brille, laptopköfferchen. ich spürte seine blicke, während ich plenzdorfs "die neuen leiden des jungen w." las, dann wagte ich es, zurückzuschauen. einen moment smilten wir einander an, bevor wir über ein dickes kleines mädchen lächelten, das zwischen den beinen der fahrgäste herumwuselte und einen heidenspaß an der extremen überfüllung hatte.

hinter würzburg folgte ich dem attraktiven mann dann auffällig-unauffällig ins bordbistro, wo er mich ansprach. er entpuppte sich als unverheirateter, recht unspektakulär lebenden bodenseeler mit einem sehr hohen sexappeal und dem dringenden wunsch nach luftveränderung. er hatte sich die woche über wohnungen in der hafencity angesehen und zukunftspläne geschmiedet. spontan bot ich mich als blindenhund an, sofern er mal wieder nach hamburg kommen sollte.
"das wäre unheimlich nett", strahlte er mich an.
er drückte mir seine nummer aufs auge und ich ihm die meine. dann musste ich aussteigen. schon im auto neben meinem vater meldete das handy den eingang einer sms. es war der mann vom bodensee, der sich noch einmal für meine entzückende begleitung bedankte.

zuhause bei meinen eltern legte ich mich dann entspannt auf der terrasse ab und schlief zu vogelgezwitscher ein.
liebes schicksal, ich sage danke für diese beiden tage mit ihren kleinen, feinen lichtblicken. ich bin bereit für den aufschwung auf allen eben - egal ob hamburg, bayern oder bodensee.

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Donnerstag, 21. April 2011
heute bitte daumen drücken
es geht noch mal hart in die verhandlungen um meinen dumping-lohn!!

gott (oder wer auch immer sonst da oben rumhängt, um es mal mit thomas d. zu sagen) möge mir die kraft geben, ggf. nein zu sagen und zu gehen.

rückgrat gerade, schultern gestrafft, kinn in kampfposition.

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