Mittwoch, 22. September 2010
objektstolz
nach dem akt.
"was ist mir dir, du zitterst ja, ist dir kalt?"
das objekt, das sonst zwei minuten nach der ejaklation in katatonische starre verfällt und höchstens noch für nackenkraulen zu haben ist, befindet sich in liebevoll-besorgter aufregung und breitet unkoordiniert-hektisch alle vorhandenen decken über mich.
"mir ist nicht kalt, ganz im gegenteil", wehre ich mich gegen die schwarze, immer frisch gewaschen duftende flanell-flut, die das objekt über mich sinken lässt.
"was dann? bist du müde?"
die grünen objekt-augen fixieren mich prüfend. (sie sind ganz pupille, ganz glas, wunderschön jenseitige junkie-augen eben, bei denen ich mich oft frage, wie man so fern aller wirklichkeit noch so viel aufmerksamkeit für eine andere person aufbringen kann.)
"ich bin nicht müde", sage ich.
das objekt fasst mein handgelenk und fühlt mit routiniertem griff meinen technoid wummernden puls. es grinst:
"nein, müde bist du bestimmt nicht. sag mir, was ist los mit dir? wonach ist dir?"
ich muss lachen:
"hey, alles ist gut. das ist nur postkoitales beben."
"postkoitales beben", das objekt wiederholt bedächtig meine worte und grinst stolz wie ein löwe. "das hast du gut gesagt."
dann rollt sich der löwe in meinen armen zusammen wie ein kätzchen. fünf minuten später schläft er tief und fest. im schein der niederbrennenden kerzen spiegeln sich silbergraue fäden in der kupferroten mähne, die immer nach kindershampoo riecht und irgendwann auch mich süß in den schlaf duftet.

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Sonntag, 19. September 2010
eingestehen
wenn du morgens im bad beschäftigt bist und die tür unvermittelt aufgerissen wird und vor dir steht ein kleiner junge mit blonden langen haaren und den blitzgrünen augen, die du so gut in einem anderem gesicht kennst, dann, ja dann bleibt keine zeit mehr für haarklammern und fummelkram, denn das kind muss pipi und rennt sonst so lange wie ein irrwisch um den küchentisch, bis der komatöse, restbekiffte vater wieder ins schlafzimmer geht, sich die bettdecke über den kopf zieht und für niemandem mehr zu sprechen ist, wenigstens für fünf minuten, denn es ist anstrengend, ungeheuer anstrengend und nervig, aber irgendwie auch wunderbar.

***

dann sitzt die sündige patchwork-familie am frühstückstisch, der lütte mampft drei löffel frühstücksflocken mit milch, bis er nicht mehr mag, weil er matschige cornflakes nicht ausstehen kann, stattdessen will er das mensch-ärgere-dich-nicht-spiel aus dem regal holen und bettelt, spielst du mit mir, aber leider habt ihr nur noch acht minuten, bis ihr los müsst, du zur s-bahn, der kleine zur schule und der vati ins schwimmbad, um vor der spätschicht seine 3000 anti-aggressions-meter zu absolvieren. und während ihr da sitzt und die uhr unbarmherzig weitertickt, und während der vati liebevoll schulbrote macht, betrachtest du den kleinen und fragst dich, wie viele fremde frauen er wohl ständig kennenlernt, die morgens das bad und die küchenbank blockieren und ein bisschen tut er dir leid, und ein bisschen tust auch du dir leid, auch wenn der moment ein stück vom himmel in sich trägt.

***

arm in arm auf offener straße fühlt sich merkwürdig intim und pärchen-like an und du sträubst dich innerlich, weil du ja weißt, emotionen sind nur begrenzt möglich, diese konstellation ist ein minenfeld und du schwebst jederzeit in gefahr, dass dir ein lebenswichtiger seelenteil herausgefetzt wird, aber immer wieder gibt es zwei sekunden, in denen du das sträuben vergisst und sich einen halben zentimeter über der magengrube der spätsommer breit macht.

***

keine 36 stunden später detoniert dann ein sprengsatz auf euerem minenfeld, ein ziemlich großer sogar, er hat das format einer blonden schönheit, und du weißt, wie der abend enden wird, noch bevor einer seinen mund aufmacht, aber das sind die regeln eueres spiels, die du selbst mit erfunden hast, und heute hast du die arschlochkarte gezogen. nichtsdestoweniger versuchst du dich zu amüsieren und lässt dir von zwei typen ein ohr abkauen, bis sich ein gemeinsamer freund zu dir setzt und dich aus ziemlich heiterem himmel fragt, was um himmelswillen du denn suchst, warum du so rastlos bist und innerlich nie anzukommen scheinst. in diesem moment rauscht die mühsam aufgebaute fröhlichkeit des abends die klippen hinunter, du rollst die augen hinterher, um die tränen erfolglos zurückzuhalten, der freund nimmt dich bestürzt in den arm, und für einen moment bist du dankbar, dass dich jemand kurz vom minenfeld holt und als du wieder sprechen kannst, sagst du, ankommen ist gefährlich, bleiben noch mehr, vor allem, wenn du es dir gegen deinen eigenen willen wünschst.

***

auf dem nachhauseweg regnet es im strömen, es macht dich fast froh, diese stellvertreter-tränen der düsterwolken da droben, und auch wenn du gerade erst in der klinik und auf antibiotikum warst, genießt du es, tropfnass und eiskalt zu werden, abzukühlen, um die letzten stunden zu schockfrosten. gegen sechs uhr morgens schließt du das fahrrad an die säule vor deiner haustür, als deine hand, den schlüssel in der tasche suchend, das handy berührt, das kurz plingt und den eingang einer sms ankündigt. du öffnest die nachricht, bist erstaunt, dass der große casanova dir schreibt, bevor er die blonde in die kiste zieht, und bist noch mehr erstaunt, als du liest, verzeih, denn es gibt ja nichts zu verzeihen, schließlich seid ihr euch nichts schuldig und ebenso wenig wäre dies das erste mal. und obwohl das kleine wort nichts ändert, verändert sich dennoch etwas in dir, von dem du noch nicht weißt, was es ist, aber es ist schön, groß und stark.

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Freitag, 10. September 2010
die hosen runterlassen
wir sind kränklich, aber nicht mehr krank genug, um nicht misslaunig zu werden ob der unfreiwilligen ruhe. 48 stunden, nachdem man/n mich als zusammengesunkenes, wirr fieberndes und völlig dehydriertes häuflein elend in die notaufnahme brachte, bin ich auf dem steilen weg der besserung. das merkte ich unter anderem daran, dass die 1/4 scheibe brot, die ich zuvor nur unter würgen und alleinig wegen der antibiotikum-bombe hinunterbrachte, heute in zwei happs gegessen war und ich anschließend dachte: jetzt wäre ein schöner großer latte mit karamell genau das richtige!

eigentlich spräche nichts dagegen, einmal nach nebenan zum liebenwerten portugiesen zu gehen und sich ein yummie-kaffegetränk hinter die binde zu gießen (schnauze, geldbeutel, du musst nicht immer das letzte wort haben!). doch der bauch wagt plötzlich einspruch. er gluckert kurz bedrohlich, dann muss ich rennen. damit nicht genug. kaum stehe ich auf nun doch wieder zittrigen beinen, muss ich nochmal rennen, diesmal mich übergeben. lovely.

ich fühlte mich an meine kindheit erinnert, als ich mindestens einmal jährlich mit antibiotikum-bedingt schlingerndem magen mit brecheimerchen vor den füßen auf der bettkante saß und zwei stunden lang vergeblich versuchte, mich selbst vom würgereiz abzulenken. später, so ab meinem 14. lebensjahr oder so hatte ich gottseidank kein antibiotikum mehr gebraucht. entweder war ich kerngesund oder tat so, weil ich es auf jeden fall vermeiden wollte, meine antibiotikum-überempfindlichkeit erneut auf den prüfstand zu setzen. aber ich sehe es ja kein, am mittwoch war rien-ne-va-plus oder wie die ärztin richtig anmerkte, das bakterium hätte ja auch meinen herzmuskel schädigen können.

das gute daran ist, jetzt muss ich aus dem haus und darf ganz legitim zur apotheke watscheln, um wieder neue medikamente zu kaufen, diesmal eben gegen die nebenwirkungen. aber es bedeutet, wenigstens eine halbe stunde eine sinnvolle beschäftigung zu haben. vorhin habe ich sogar schon im büro angerufen. nur, um zu hören, wie es ohne mich miss-unentbehrlich so läuft. wenn es mir heute abend gut geht, werde ich mir erlauben, einen teil der wohnung zu putzen. und morgen den anderen - damit ich auch ordentlich was davon habe. sowas muss man schließlich zelebrieren: das warme, duftende putzwasser, das satte platschen des bodenwischtuchs auf dem pseudoparkett, die hinterher blank spiegelnden flächen. ich gerate ins schwärmen.

wenn noch irgendjemand ein kleines projekt - die welt retten oder so - für mich hat, kann er sich gern an mich wenden. ich hab langeweile.

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Dienstag, 7. September 2010
hals haben
hab nen echten hals wegen dieser halsschmerzen.

gleich geh ich sogar zum doc deswegen. wegen so einer pillepalle-scheiße. aber es wird seit freitag immer schlimmer.

sonst neige ich ja nicht gerade zu sowas. das verfallsdatum meiner zuletzt gekauften packung halspastillen spricht bände: 10/2004.

seit mai geht es mir körperlich nicht gerade gut. was ist seit mai anders? am 1. mai habe ich das objekt kennengelernt. vielleicht schlägt sich dieser nackte, geile wahnsinn ja irgendwie immunologisch nieder.

gedrückte daumen und genesungstipps werden gern übrigens entgegengenommen. also nur, falls hier noch irgendwie hin und wieder liest.

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brandheißes update vom 09.09.:

nach komplettzusammenbruch, kliniktag und antibiotikazufuhr nähert sich das fieberthermometer wieder normalnull. zustand noch schwach, aber optimistisch.

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Freitag, 27. August 2010
tierliebe
als kind durfte ich kein haustier haben. warum, erklärte mir mein hausarzt: "du hast eine hausstauballergie und bist gegen alles allergisch, was fell trägt." das erfuhr ich mit sechs jahren, als ich mir gerade sehnlichst ein kaninchen wünschte. oder eine katze. oder wenigstens ein mäuschen.

ja, schöne scheiße. allergisch zu sein machte überhaupt keinen spaß. es bedeutete auch, dass ich keine kuscheltiere, keine teppiche, bettfedern oder vorhänge abkonnte. aber all das war nicht so schlimm wie kein tier. jedenfalls keins mit fell. ich beglotzte die goldfische im aquarium bei unserem tierhändler um die ecke. die goldfische glotzten zurück. sie schienen mir nicht zuzurufen: bitte nimm uns mit und kuschle mit uns! ähnlich erging es mir mit den wasserschildkröten. es war einfach keine liebe auf den ersten blick. und auf den zweiten irgendwie auch nicht.

meine mutter war mir keine große hilfe. ihr kam meine allergie vermutlich nicht ungelegen. sie wollte ohnehin kein kaninchen und auch keine katze, sondern lieber einen hund. und auch gegen einen hund fand sie tausend ausreden. unterdessen putzte sie den ganzen tag um mich schnoddernase herum und wirbelte so mehr milbenkacke auf als für mich gesund gewesen wäre.

ich hielt mir irgendwann einmal ein paar schnecken in einem schuhkarton. sie hießen julius, saskia und tanjo. dass schnecken zwitterwesen sind und sich gegenseitig mit liebespfeilen zum orgasmus schießen, lernte ich erst im leistungskurs biologie. doch auch dieses wissen hätte nicht verhindert, dass julius, saskia und tanjo relativ rasch verstarben - genauso wie julius II, saskia II und tanjo II. regelmäßig füttern lernt man bei anderen haustieren, die über gewisse kommunikative fähigkeiten verfügen (kläffen, kratzen, sonstigen radau machen) wohl schneller.

als ich besser lesen konnte und das wort "desensibilisierung" im wörterbuch nachgeguckt hatte, versuchte ich es noch einmal mit argumenten.
"mama, wenn ich ein kaninchen hätte, würde das mich gesund machen!"
doch meine mama blieb stur. ich hasste sie dafür.

eines tages lief mir ein kätzchen zu. ich beherbergte es heimlich in unserer garage. tagelang merkte keiner was. meine eltern freuten sich vielmehr über mein plötzlich wiedererwachtes interesse an wurst- und fleischprodukten. "biste doch keine vegetarierin mehr", nuschelte mein vater zufrieden, während er seinen blutigen presssack mampfte. ich nickte und stopfte mir ganz viel schinken in den mund. dann warf ich mein messer hinunter, bückte mich und spuckte den ekligen schinken in eine serviette. mit der serviette in der tasche lief ich dann in der dämmerung nach draußen und versorgte die mieze.
wochenlang ging alles gut. dann verpetzte mich ein nachbar bei meiner mutter. aus der traum. da das tier angeblich eine ernsthafte gefahr für mich darstellte, wurde es sofort eleminiert, d.h. eingefangen und eingeschläfert. man erzählte mir, es sei krank gewesen, aber ich wusste schon damals: trau keinem über 30.

jetzt, mit 29 jahren, habe ich endlich mein erstes haustier. es mag obst und süßigkeiten, fernsehen, baden und seifenblasen. es kann "pipi" sagen, wenn es mal muss und nach draußen will. es ist rosa und hat einen hellblauen fleck am bauch und ist völlig anspruchslos, wenn es nicht gerade seine fünf minuten hat und töricht gegen eine wand läuft. ich nenne es george. kurzum, es handelt sich um ein tamagotchi. ja, lachen sie ruhig. ich weiß, es ist blöd und kindisch, aber besser als nüscht. zum kuscheln und spielen hab ich jetzt eh lieber zweibeiner. wegen meiner allergie natürlich am liebsten ohne allzu viel fell.

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