Freitag, 14. Mai 2010
notiz am rande - stadtbeobachtungen
der gemeine hamburger sieht fast immer aus wie eine mischung aus klassenstreber und antiatomkraft-aktivist.

so engagiert. so intellektuell. mit einer leuchtend weißen weste unter der designerjacke im teenagerschlumpfschick. dazu eventuell auch ein strickmützchen. und zur unterstreichung der künstler-individualität ein hollandrad an der seite.

es ist die sorte mensch, von der man sich auf der stelle gern in ein politisches gespräch, geführt in einem energisch-empörten tonfall, verwickeln lassen würde.
es ist aber auch die sorte mensch, die man sich so überhaupt nicht bei sexuellen aktivitäten vorstellen kann.

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der tag der mich nicht mag
9.00 uhr morgens
schweißüberströmt aus folgendem alptraum erwacht: ich renne auf der suche nach der u-bahn einen dunklen weg entlang, auf den schienen, die plötzlich im nichts enden. dann stehe ich im wald. es ist scheißfinster. überall aus den büschen blitzen blaue lichter auf. die blauen lichter kommen aus den läufen der pistolen, mit denen meine mörder auf mich zielen. als mich die erste kugel trifft, beginne ich zu schweben. neben grauenvoller panik habe ich ein gefühl von erleichterung. das bild vom wald, den büschen und der mitternachtsblauen finsternis gefriert vor meinen augen wie ein gestoppter film. dann bin ich tot.

11.30 uhr
aus dem zweiten alptraum aufgewacht. diesmal fahre ich im traum meine eltern besuchen, muss dann aber auf klassenfahrt mit meinem ehemaligen mitschülern gehen. ich finde das so furchtbar, dass ich mir im reisebus vor aller schüler augen die pulsadern aufschneide.

nachdem ich also zweimal gestorben bin, muss ich erst einmal die nase entschnoddern. habe mich ja vor zwei tagen zu tode erkältet. mit fieber und vom feinsten. meine nase und meine stirnhöhlen sind vollkommen verschwollen. ich puste kräftig ins taschentuch. mit erfolg: das blut spritzt richtiggehend aus mir heraus.

ich fühle mich unfitter als nach dem alptraum nummer eins. also bleibe ich noch ein bisschen im bett. ist ja feiertag. reicht ja, wenn man nachmittags mal was arbeitet. kurz darauf befällt mich aber ein gefühl der leere und der langeweile. tu was, sag ich mir. aber was soll man schon tun an einem feiertag, wenn man auch noch krank ist? also fange ich doch schon an zu arbeiten. geht aber nicht so gut. ich verspanne innerlich immer mehr und habe das gefühl, dass mir die panik die luft abschnürt. scheiß alpträume. irgendwie hallen die immer nach.

15.00 uhr
ich gebe auf. ablenkung, sage ich mir und schmeiße einen film rein. "der wilde schlag meines herzens", feines französisches kino. verfolge die story des hübschen jungen mannes, dessen leben so merkwürdig unentschieden und doch determiniert scheint, der mit seinen kollegen nichts gemeinsam hat, dessen mutter tot ist und dessen vater ermordet wird. werde noch sentimentaler, fühle mich verwaist und beschließe, zuhause anzurufen. natürlich ist niemand da.

auf den abend freue ich mich trotzdem. eine einladung zu einer vernissage. jemand, den ich gern wiedersehen möchte. jemand, für den ich unentschiedene gefühle hege, die klarheit brauchen. leider steigt das fieber schon wieder. die immer noch latent vorhandende panik treibt mich dann doch aus dem haus. ablenken, mit aller gewalt, lautet die devise.

20.30 uhr
geschniegelt und gebügelt verlasse ich das haus.

21.00 uhr
ich bin zu spät. trotzdem ist der ort der veranstaltung noch recht leer. auch meine verabredung ist nirgends zu sehen.

22.00 uhr
die besucherzahlen sind immer noch spärlich. mein date ist nicht gekommen. es hat noch nicht mal angerufen. leichter hätte es mir die gefühlentscheidung gar nicht machen können. ich werfe die telefonnummer in den müll und beginne, mich zu betrinken. der barkeeper mixt mir einen drink, nach dem sich der raum sofort zu drehen beginnt. endlich lassen sich frust und panik einschläfern.

23.30 uhr
angetrunkenes nachhauseschwanken. ich fühle mich pudelwohl.

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Sonntag, 9. Mai 2010
sunrise avenue
dem sonnenaufgang entgegenradeln wird zur neuen sonntagmorgentradition. fasziniert, mit einem wohlig warmen gefühl in der magengrube, das nicht vom alkohol kommt.

während es anderswo stockt und man sich an der wand halten muss, um nicht ständig in der schusslinie zu stehen, funktioniert es auf dieser ebene einfach wunderbar. traffic jam versus positive flow. zumindest meine zwischenmenschlichen eigenschaften konnte ich in den letzten monaten offensichtlich wieder voll entfalten. loyalität, oder auch nachhaltigkeit, wie es der mann nennt, den ich heute abend kennen lernen durfte.

eine einladung und eine festnetznummer sind schon mal mehr wert als ein "man sieht sich". ich will menschen aber auch um mich haben. freundschaften leben vom wiedersehen. man muss sie pflegen wie die lieblingsbluse, die man nach dem tragen eben nicht in die ecke knüllt. sondern die man ordentlich aufhängt, für die man einen extrawaschgang nur mit anderer weißer wäsche auf 40 grad macht, deren kragen man über nacht unter dicken büchern glatt presst, weil man kein bügeleisen hat. ich gebe mein bestes, ein guter wiedersehen-freund zu sein, auch, wenn ich manchmal scheitere, weil mich mein leben in atem hält und mir dabei die puste ausgeht.

der tag, die sorge. jetzt erstmal ein livekonzert: die amseln draußen vor dem fenster. de/vision habe ich ja vor einigen stunden verpasst.

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Donnerstag, 6. Mai 2010
full and fed up
gerade das teuerste essen meines lebens gegessen, zusammen mit dem teuersten wein, den ich jemals auf einer getränkekarte gesehen habe. fünf gänge vom allerfeinsten. jetzt ist mir schlecht und ich muss aufstoßen. aber das sind die angenehmen seiten, die man als winzigunternehmerin erlebt. manchmal hat man oberwasser, wenn dir jemand schwimmflügel für einen abend ansteckt.

dabei vielleicht jemandem geholfen, bei dem es mir am herzen läge. mal sehen. zwei wichtige dinge im schnellkurs "kapitalismus total" noch einmal neu gelernt:

1. beziehungen sind alles, aber du musst dich 100 prozent in dein gegenüber hineinversetzen, wenn du ihm fünf- bis sechsstellige beträge aus der tasche leihern willst.
2. verschwende deine zeit, aber nur, wenn sie jemand bezahlt.

man wird sich selbst ein bisschen unsympathisch dabei, aber ohne mittel keine zwecke.

über die schulter des anderen heftig mit dem unglaublich niedlichen typ vom nebentisch geflirtet. schwarze augen und ein bezauberndes lächeln. mannmannmann. aber wie lässt man jemandem, den man nicht kennt und der ebenfalls in einem geschäftlichen essen feststeckt, diskret seine telefonnummer zukommen? ich bin ja sonst ganz geschickt in sowas, heute abend aber grandios gescheitert.

ansonsten bleibt alles kompliziert. die staatsanwaltschaft hat den mordfall übernommen. alle sind ein bisschen durch mit den nerven. ich bin zu müde, um mir darüber auch noch gedanken zu machen. ich muss erstmal überleben. dann kann ich mir um tote gedanken machen.

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Dienstag, 4. Mai 2010
deutschland, deine altenpfleger
und nun soll es also mord gewesen sein.

alles aufschnippeln lassen oder lieber doch nicht? aufrollen oder gut sein lassen?

die kripo hält sich so verdammt bedeckt.

wie die polizisten damals, als ich von disco durch ein einsames industriegebiet nach hause lief.
"junge frau, haben sie einen mann mit gelber jacke gesehen?"
"nein, warum?"
genscher geht nicht abrocken. aber vielleicht psychokiller.
"vielen dank!"
"hey, warten sie mal.... muss ich mir sorgen machen?!"
und swutsch, warense wech. fast dachte ich, ich hätte eine hallu gehabt. aber damals mit 18 war ich noch nicht so ein la hague des methamphetamin.

ich bin ratlos. wenn meine mama nun auch noch schlapp macht, hab ich die komplette family tot oder im krankenhaus.
help me somebody, please.

is ja irre - das total verrückte krankenhaus, fällt mir da nur ein.

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Dienstag, 4. Mai 2010
a dieu
als kind dachte ich immer, man müsse es spüren, wenn ein naher verwandter das leben verlässt. so eine art kleiner windhauch, der zum letzten mal durch die blätter fährt, den staub im regal aufwirbelt, die tür ins schloss fallen lässt.

doch eine(r) nach dem anderem starb und nicht einziges mal habe ich etwas davon bemerkt. wie die diebe schleichen sie sich davon, tags oder nachts oder vielleicht in der zeit dazwischen, wie in einem synaptischen spalt.

der tod ist die gnade. dein tod war die einzige wahrheit, das einzig richtige nach soviel falsch. die letzten wochen deines lebens müssen dir unerträglich gewesen sein. es sagte mal einer, sterben sei wie eine krankheit, die immer schlimmer wird, bis der tod sie heilt. du bist so lange gestorben. es hat weh getan, das zu wissen. es hat gut getan, es nicht zu sehen.

vielleicht gibt es da jemandem, der hinter dem vorhang der bühne, die sich welt nennt, die fäden zieht. ich bin leider ein kind des zweifels. aber ich bin auch ein kind der liebe und ich denke, vertrauen ist das einzig angebrachte. das einzige, was das leben so lange erträglich macht, bis der tod auch mich einmal ruft.

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